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Über das Unglück, in Afghanistan als Mädchen geboren zu sein

Von Zobair Akhi, Herat

Zobair Akhi Donnerstag, 10.12.2009

Anfang Dezember 2009 klingelte gegen neun Uhr mein Mobiltelefon - Es meldete sich Abdul Saher, dessen Stimme mir bekannt vorkam, er bat mich um Hilfe. Abdel Saher, so erinnerte ich mich, arbeite für uns auf der Baustelle der Grünhelme-Schule in Karoq, ich erinnere mich an ihn als einen tüchtigen Arbeiter. Er sagte mir: seine zehnjährige Tochter Marzie sei auf dem Weg zur Schule von einem rasenden Auto angefahren worden und liege jetzt im Zentralkrankenhaus in Herat. Da er in diesem Krankenhaus niemanden kennt, kümmert sich niemand um sein schwer verletztes Kind, berichtete er mir.

Ich fuhr so schnell ich konnte ins Krankenhaus und fand das Kind. Das Mädchen war äußerlich in einem schlechten Zustand. Dr. Siah, den ich persönlich um eine Visite gebeten hatte, weil ich ihn privat kannte, sagte: Das Kind habe möglicherweise eine starke Kopfverletzung. Es war auch ihr Arm gebrochen. Der Arm lag krumm auf ihrem Bauch. Das Mädchen blutete von mehreren Stellen am Kopf. Das Kind lag – wie Dr. Shiah behauptete – im Koma. Dr. Shiah, der Arzt, ordnete noch etwas an mit einem Krankenpfleger und verschwand schon wieder. In den folgenden Minuten wurde der Arm von dem Krankenpfleger verbunden und am anderen Arm legte er eine Infusion an.

Mir war klar – auch ohne dass ich viel von Medizin verstehe – dass man etwas mehr machen musste, um dieses Kind zu retten. Ich habe dann versucht, für das Mädchen einen verantwortlichen Arzt zu finden, aber vergeblich. „Das ist das, was ich meinte“, sagte der Vater Abdul Saher: „Wenn man hier niemanden kennt, stirbt man“.

Ich versuchte den Gesundheitsminister von Herat, Dr. Rashid zu erreichen, den ich aus der Arbeit an der Grünhelme Geburtsklinik in Qara Bagh kannte. Aber der war wieder in einem meeting, wie mir telefonisch gesagt wurden.

Mehrere Stunden lag das arme Kind unbeholfen auf dem verdreckten Bett in einem unheimlich lauten Zimmer mit vier weiteren Patienten und viermal mehr Angehörigen in einem Raum. Spät nachmittags kamen wir auf die Idee, das arme Kind in eine private Klinik zu transportieren. Allerdings hatte man mir auch davon angeraten, denn das Mädchen würde den Transport in einem Taxi auf den unebenen Straßen von Herat mit unzähligen Schlaglöchern nicht überleben.

Draußen wurde es dunkel. Das zierliche Kind atmete mit unheimlicher Anstrengung, so als würde es beim nächsten Atemzug in seinem eigenen Blut ersticken. Ich drängte die Ärzte das Kind doch mit Sauerstoff künstlich zu beatmen. Aber ein Arzt in der Intensivstation war der Meinung, der Zustand des kleinen Patienten sei gut und man müsste nichts weiter machen. Dann sagte er zu seinem Kollegen – ohne zu wissen, dass ich das auch hören konnte:
„Der Kerl macht wegen einem Bauernmädchen einen solchen Aufstand!!“ Mir war klar, dass wir noch etwas anderes machen mussten, um das Mädchen zu retten. Aber so spät am Abend waren uns alle Hände gebunden. Wir waren zu blöd, auf die Idee zu kommen, ihnen etwas Geld zu geben.

Gegen 19 Uhr wurden wir alle aus dem Krankenhaus vertrieben. Bei jedem Patienten durfte nur eine Begleitperson bleiben. Um 2 Uhr nachts rief mich der Vater Abdul Saher wieder an. Ich ahnte, was kommt, aber er konnte es nicht aussprechen. Ich bin dann hin gefahren. Das arme Kind war tot. Sein verzweifelter Vater wiederholte weinend: „Wenn man in diesem Gott verlassenen Land kein Geld oder keine Beziehung hat, ist man ohne Richterspruch zum Tode verurteilt!“ Der Vater hatte, seitdem ich um 19 Uhr das Krankenhaus verlassen musste, ständig den Nachtdienst gebeten, sich um das immer heftiger zappelnde Kinder zu kümmern, aber er wurde jedes Mal abgewiesen, bis das Kind keine Luft mehr bekam und aufhörte, nach Luft zu schnappen.

Ich wollte dann dort im Krankenhaus mit dem Dienstarzt sprechen, aber der wollte aus seinem warmen Bett nicht aufstehen und schickte zu dem Krankenpfleger, der gerade nicht zu finden war. Nach einer Weile fanden wir den Pfleger, der uns nur empfahl, die Leiche am besten gleich jetzt mit zu nehmen. „Das erspart uns beidseitig viel bürokratischen Kram!“, sagte er unbeeindruckt. Dann wurde ein Hausmeister (vielleicht war es auch ein Wachmann) gerufen, der uns mit dem leblosen, in eine alte Decke gewickelten Mädchen aus dem Krankenhaus heraus begleitete. Zum Trotz sagte der müde aussehende Mann: „Vielleicht ist das für das arme Mädchen besser so. Für dieses Leben bleibt ihr vieles erspart“.

Zobair Akhi






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