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Camus, der Sisyphos und Rebell
Zum Tod von Albert Camus vor 50 Jahren am 4. Januar 1960
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Sonntag, 03.01.2010
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Die extreme Botschaft für alle, die bei der humanitären Hilfe mitmachen, steht
in dem Roman „Die Pest“, geschrieben von dem Algerien-Franzosen Albert Camus (1913 in Mondovi geboren). Dort gibt es den Journalisten Rambert, der wie so viele in seiner Berufsgruppe eine windige Figur ist. Er hat in der algerischen Peststadt Oran seine Reportage geschrieben, will jetzt abhauen. Aber es gibt schon eine Quarantäne, die über die Stadt ausgerufen wurde.
Da kommt der Journalist mit einem Arzt zusammen, Dr. Rieux. Und er fängt an sich zu schämen. Rieux sagt ihm: Er brauche sich nicht zu schämen, wenn er das Glück vorziehe. Ja, sagt der Journalist: „Aber man kann sich schämen allein glücklich zu sein!“
Camus hatte nach eigenem Bekunden ein Drittel seines Werkes als Schriftsteller geschaffen, als er mit der Familie als 47 jähriger in Lourmarin Silvester feierte. Man war zusammen mit der Familie des Verlegerfreundes Gallimard. Am 4. Januar 1960 wollte Camus nach Paris zurück. Er fuhr im Auto seines Freundes Michel Gallimard, ließ die Zugkarte nach Paris verfallen. Auf der Nationalstraße 6 kommt der Wagen ins Schleudern, prallt gegen eine Platane. Camus ist sofort tot.
Sein Werk erfährt gerade in den Jahren seit dem Fall der Mauer eine ungeheure Aufwertung. 1957 wurde in Paris über Camus als „sanfte bürgerliche Seele“ gelästert, als er den Nobelpreis bekam. In seinem Theaterstück „Die Gerechten“ hat er eine Botschaft für unsere Zeit formuliert, die heute wieder aktueller ist. Das Stück handelt von den russischen Anarchisten. Die waren 1905 bereit, eine Bombe auf den Wagen des Großfürsten zu werfen. Da sah der junge Terrorist, dass sich im Wagen zwei Kinder befanden. Er warf die Bombe nicht.
Die Gespräche auf dem Theaterboden sind atemberaubend. Diese revolutionäre Gruppe ist sich einig: Die Organisation würde ihren ganzen Einfluß beim Volk einbüßen, „wenn sie auch nur einen Augenblick duldete, dass Kinder von unseren Bomben zerfetzt werden.“ Kaliajew, der die Bombe nicht geworfen hat, ist davon überzeugt: An dem Tag, „da Rebellen beschließen, keine Rücksicht auf Kinder zu nehmen, wird die Revolution von der ganzen Menschheit gehasst.“
Camus stand in der Zeit des kalten Krieges im Windschatten von Jean-Paul Sartre. Er konnte sich nicht entschließen, das Lager des Weltkommunismus als sein eigenes zu erkennen. Er wurde deshalb von Sartre lächerlich gemacht: Er solle – so meinte dieser - auf die Galapagos Inseln gehen, dort gäbe es keine menschlich-schmutzige Geschichte. Er kämpfte damals mit seinem großen Buch „Der Mensch in der Revolte“ (1952) gegen eine herrschende politische Richtung an. Sartre und Beauvoir ließen sich von den Nachfolgern Stalins einladen und führten ein gutes Leben im Paradies der Werktätigen. Sartre zog aus Rücksicht auf die Kommunisten sogar die Premiere des Stücks „Die schmutzigen Hände“ in Wien beim Weltjugendfest der Kommunisten zurück. Das machte Camus nie mit. Er blieb der unbestechliche Verteidiger der Freiheit und der Menschenrechte. Er schrieb über die Gulag-Arbeitslager in der Sowjetunion, die bis dahin nicht bekannt waren. Sartre hielt ihm entgegen, dass man nicht immer die Wahrheit sagen müsste.
Sartre selbst hat nach dem Tode Camus mit großer Freundschaft seine Gegnerschaft zu ihm beendet: „Für alle, die ihn geliebt haben, liegt in diesem Tode eine unerträgliche Absurdität.“ Camus habe – allen Macchiavellisten und dem goldenen Kalb der Realpolitik zum Trotz - „von neuem das Vorhandensein des Moralischen bekräftigt“.
Das bis heute erfolgreichste Buch war ein philosophischer Essay, der ganze Studentengenerationen beflügelt hat: „Der Mythos vom Sisyphos“. Ein ganzes Nach-Katastrophengefühl der Generationen nach 1945 fand hier seine Entsprechung. Camus variierte den alten griechischen Mythos als eine Vorstellung vom Glück: Der Kampf, den Stein den Berg hinaufzurollen, kann das Herz eines Menschen erfüllen. „Man muss sich Sisyphos glücklich vorstellen“. Das hat immer wieder Politiker und Minister, Intellektuelle und Professoren bewogen, sich Camus zur Richtschnur zunehmen.
Franz Müntefering (z.B.) hat sich oft zu seinem Lehrmeister Camus geäußert. Er hat für sich als Politiker den Sisyphos-Mythos adaptiert: „Die Rahmenbedingungen ändern sich, die Aufgabe bleibt. Das Leben der Menschen erträglicher zu machen. Es soll ihnen besser gehen. Nur die Exzentriker der Linken und Rechten glauben an das Paradies auf Erden. Sisyphos glaubt nicht daran.“ Für ihn sei Sisyphos der erste Sozialdemokrat.
Der französische Präsident Sarkozy wollte jüngst Albert Camus „pantheonisieren“, und zwar mit gehörigem Pomp. Also schlug er vor, den Leichnam von dem heimeligen Friedhof im südfranzösischen Lourmarin ins Pariser Ehren-Pantheon umbetten zu lassen. Die Verwandten und Freunde Camus haben sich dagegen ausgesprochen. Camus sollte man dort in Ruhe lassen, wo er sich selbst am liebsten aufhielt. Es ist bekannt, dass er den Moloch und die eitle Pariser intellektuelle Szene nicht mochte.
Als die Auseinandersetzung 1949 über die Arbeitslager in Sowjetrußland auf dem Höhepunkt war, die ersten Nachrichten über den Gulag herauskamen, war Sartre dafür, das nicht zu veröffentlichen. Warum? Weil das nicht die Trauer hervorrufen würde, „dass so etwas unter Menschen möglich sei, sondern das Triumphgeheul der Bourgeoisie, die sich und uns sagen will. Seht, haben wir es nicht schon immer gewusst“.
Camus hielt ganz scharf dagegen, wir können die Wahrheit nicht verschweigen, nur weil es unangemessene Reaktionen darauf geben kann.
Heute vor 50 Jahren ist Camus in der Nähe von Viblevin gegen einen Baum geknallt und war sofort tot. Im Alter von 47 Jahren.
Rupert Neudeck
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