Zwischenbericht aus dem Nord-Irak: Zur Situation in Dohuk und im Shingal-Gebirge

SAMSUNG CSCSeit Mitte August sind die Grünhelme nun im Nordirak, im Kurdischen Autonomiegebiet tätig und versuchen die Situation der Binnenflüchtlinge zu verbessern. Zunächst in Zakho, an der Grenze zur Türkei und nun vor den Toren der Gouvernementhauptstadt Dohuk.

Die Situation nach dem Vormarsch des selbsternannten Islamischen Staates im August und September war kaum mit Worten zu fassen. Zu groß war das Ausmaß der Flüchtlingswelle, zu groß das Leid, mit dem man praktisch überall konfrontiert wurde: Die Zahl der Menschen, die dringend Unterstützung benötigten lag allein im Gouvernement Duhok bei fast einer Millionen Menschen – etwa 850.000 Binnenflüchtlinge plus gut 100.000 Flüchtlinge aus Rojava bzw. Syrien. Eine Versorgung mit Unterkünften, Lebensmitteln, Wasser sowie medizinischer Versorgung und Sanitäranlagen, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern, musste schleunigst auf die Beine gestellt werden.

Vor diesem Hintergrund krempelten wir Grünhelme die Ärmel hoch und machten uns ganz unbürokratisch an die Arbeit: Wir gingen in provisorische Camps, bauten Sanitäranlagen, Waschräume und Kochstellen. Wir gruben Abwasserkanäle und versuchten für die Leute immer als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. Darüber hinaus arbeiteten wir auch in sogenannten Unfinished Buildings, Rohbauten, in denen viele Familien Unterschlupf gefunden hatten, die aber für den Winter abgedichtet werden mussten, um das Eindringen von Kälte und Regen zu verhindern.

Heute, etwa fünf Monate später, ist die Situation längst nicht vollständig unter Kontrolle, doch sie ist schon sehr viel besser geworden. Auch wenn die Errichtung der permanenten Riesencamps zunächst schleppend anlief, so ist heute zu sehen, dass diese eine sehr effektive Wirkung haben. Viele Flüchtlinge wurden bereits in solche Camps umgesiedelt, in denen die Infrastruktur den Menschen das Leben einigermaßen erträglich macht. Hier sind die Zelte auf kleine Fundamente gesetzt, sodass die Nässe zumindest nicht von unten eindringen kann. Hier gibt es in der Regel ein gutes Kanalsystem, welches das Regenwasser auffängt und ableitet. Wasserstellen, Toiletten, Waschräume und Kochstellen sind vorhanden und mittlerweile wurde auch damit begonnen Schulen und Krankenstationen zu bauen. Die Lebensmittelversorgung ist häufig noch problematisch, weil einfach zu wenig direkt bei den Menschen ankommt.

So hat sich das Bild in der Region Duhok stark verändert: Waren im August, September und Oktober die Flüchtlinge noch überall zu finden, sind sie heute stärker konzentriert. Dennoch gibt es auch die Vergessenen, also diejenigen, die bisher nicht in die großen Camps umgesiedelt wurden. Dies ist der gegenwärtige Arbeitsschwerpunkt der Grünhelme.

Derzeit sind wir in vier kleinen provisorischen Camps nordöstlich von Dohuk aktiv: In Bare Behare, Bagera, Kora und Zawita. Bare Bahare und Kora sind jesidische Camps, Bagera ist schiitisch und in Zawita leben jesidische und schiitische Flüchtlinge zusammen. Alle Camps sind überschaubar in ihrer Größe und umfassen nicht mehr als 90 Zelte.

Auch hier bauen wir mit den Flüchtigen gemeinsam Sanitäranlagen, Waschräume und Küchengebäude. Wir stehen den Menschen aber auch darüber hinaus zur Verfügung und versuchen für alle Probleme Ansprechpartner zu sein. So organisieren wir durch unsere Kontakte, dass regelmäßig eine mobile Klinik in die Camps kommt, wir kümmern uns um Elektrizität und mobilisieren, wenn die Wasserversorgung stockt.

Dennoch bleibt die Situation für die Menschen in diesen Camps schwierig. War in den ersten Monaten noch die Hitze unser Gegner, so ist es nun die Kälte und der Regen. Die ständige Nässe lässt die Strukturplanen, die den Zeltboden bilden, aufweichen und bringt die Feuchtigkeit ins Zelt, außerdem halten viele Zelte dem häufigen Niederschlag nicht stand und sind mittlerweile an vielen Stellen undicht. Ein Zelt bleibt nunmal ein Zelt – und ist für den kurdischen Winter alles andere als optimal.

Eine Versorgung mit Decken und Matratzen findet zwar statt, sie ist aber völlig unzureichend. Häufig teilt sich eine sechsköpfige Familie zwei Decken und zwei Matratzen, von warmer Kleidung ganz zu schweigen – Kinder laufen in Barfuß herum, bei Außentemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Elektroheizgeräte lassen regelmäßig die Stromnetze zusammenbrechen und die Petroliumbrenner bringen das Problem mit sich, dass immer neuer Brennstoff benötigt wird.

Bei den Unfinished Buildings bleiben wir ebenfalls am Ball. Das kleine Dorf Balqos zwischen Dohuk und Zakho, in dem etwa 40 Familien in solchen Gebäuden leben, wurde von uns bereits wetterfest gemacht, daneben haben wir eine Wasserversorgung eingerichtet und Sanitäranlagen gebaut. In den nächsten Wochen werden wir uns weiteren solcher Gebäude annehmen, die sehr abgelegen, fernab der großen Hauptstraßen liegen, um auch diese Menschen durch den Winter zu bringen.

Doch wir schauen auch in die Zukunft: In der vergangenen Woche fuhren die Grünhelme erstmals – ins Shingal-Gebirge, der Herkunft vieler geflüchteter Jesiden und Schiiten. Dieses Gebiet, etwa 120 Kilometer westlich von Mosul gelegen, ist zum heutigen Zeitpunkt noch immer nicht komplett frei gekämpft. Doch durch einen Vorstoß der Peschmerga vor wenigen Wochen konnten größere Teile befreit werden, sodass nun die Versorgung der Gebliebenen schnellstmöglich beginnen muss.

Der Weg ins Shingal führt durch verwaiste Dörfer und Kleinstädte und zeichnet die Gewalt nach: Zerstörte Gebäude, Einschusslöcher, Krater und auch Geschützstände sind noch zu finden. Es herrscht eine gespenstige Stille und Leere, lediglich die Peschmerga sind hier zu finden. Am Fuß der Berge von Norden bildet, haben die Peschmerga ein Quartier eingerichtet und organisieren von hier den Kampf um die Stadt Shingal, die das Zentrum dieser Gegend bildet. Einige wenige Männer sind bisher in diese Dörfer zurückgekehrt, ihre Familien haben sie vorerst in den Camps zurückgelassen, noch ist die Rückkehr für sie zu früh. Uns wurde berichtet, dass in den Ruinen immer wieder Leichen gefunden werden, die noch vergraben werden müssen.

Am Berg, entlang der Straße, sind die Zeltansammlungen zu finden. Immer wieder Zeltgruppen, mal nur fünf, mal auch hundert oder mehr, die sich teilweise am Hang hinabziehen. Die Menschen, die hier leben, sind die Gebliebenen, die Mutigen, die seit fünf Monaten hier ausharren, um ihre Heimat nicht den Terroristen preiszugeben, sondern sie mit ihrem Leben verteidigen. Eine Versorgung dieser Menschen von der internationalen Gemeinschaft findet nicht statt, stattdessen war es die YPG, der syrische PKK-Ableger, der den Menschen die Zelte brachte und auch hin und wieder Lebensmittel bereitstellt. Insgesamt sollen es in den Zelten etwa 5000 Menschen sein.

Je höher die Straße führt, desto schlimmer stellt sich die Situation der Menschen dar, weil es mit der Höhe kälter wird und Schnee fällt. Die Kälte ist brutal und der Wind schneidend. Auf einer Höhe von 1300 Metern sind uns Zelte zu Gesicht bekommen, die unter der Schneelast zusammengebrochen sind.

Hier gibt es einen Mangel an allem: Lebensmittel, Wasser, Sanitäranlagen, medizinische Versorgung, Decken, Matratzen – die Liste könnte beliebig verlängert werden. Von den Dingen, die durch die großen Organisationen verteilt wurden, ist hier nichts angekommen. Auch heute, lassen sich kaum Organisationen hier blicken, weil der Zugang immer noch als zu gefährlich eingeschätzt wird.

So müssen sich die Jesidinnen und Jesiden weiterhin größtenteils selbst helfen. Die Zelte sind notdürftig mit Planen abgedichtet. Um sich vor der Feuchtigkeit von unten und dem Bodenfrost zu schützen, stellen die Menschen ihre Schuhe zusammen und nutzen dies als Liegefläche, um überhaupt irgendetwas zwischen sich und die kalte Erde zu bringen.

Am Berg wurde eine Quelle aufgestöbert, aus der Wasser gezapft werden kann, sie ist aber von den meisten Zelten soweit entfernt, dass allein der Weg dorthin die reinste Qual ist.

In den Gesprächen mit den Menschen haben wir immer wieder ihren unvorstellbaren Mut und ihre Zuversicht erlebt, die sie aus ihrem tiefen Glauben ziehen. Diese Menschen wollen nicht evakuiert und umgesiedelt werden, sie wollen ihr Land zurück und auf diesem in Frieden leben. Dabei ist das Vertrauen in die Kurden verloren gegangen; die Jesiden fühlen sich dem IS preisgegeben, da die Peschmerga kampflos das Feld räumten und sie zurückließen. So ist auch die Verbitterung und Enttäuschung der Jesiden zu erklären, ebenso die Forderung nach Waffen zur Selbstverteidigung.

Mit dieser Situation konfrontiert, haben sich die Grünhelme kurzerhand entschlossen eine erste Hilfslieferung mit 1000 Decken und 1000 Matratzen auf den Weg zu bringen, die noch in dieser Woche bei den Menschen im Shingal ankommen wird.

Solange die Situation im Shingal derart katastrophal bleibt und das Rad der großen Organisationen noch nicht in Schwung gekommen ist, werden die Grünhelme zum Mittel der Hilfslieferungen greifen, um die Menschen in ihrer Tapferkeit zu bestärken und sie durch den Winter zu bringen.

Langfristig steht für uns aber der Wiederaufbau der zerstörten Dörfer im Fokus, um die Rücksiedlung der Geflohenen möglich zu machen. Doch hierfür muss das Shingal zunächst vollständig befreit werden.