Abseits der Quote und der Terminkalender
Zu einem Buch unseres Grünhelmes Ulrich Kasparick

Er war immer ‚unser’ Ulrich Kasparick – Von Beginn an war er das beste Führungsmitglied und einer der großzügigsten Förderer der Grünhelme. Er war so stark überzeugt von der Idee, etwas mit den Christen und Muslimen gemeinsam zu tun. Wir waren seinerzeit gemeinsam im Juni 2003 in Afghanistan, Ulrich Kasparick war nicht nur einer unter 630 Abgeordneter, er war immer schon ein nonkonformistischer Hoffnungsträger. Er schrieb danach ein kleines Buch: „The war is over. Der Krieg ist vorbei“. Er organisierte eine Kennenlern-Tour für die GRÜNHELME durch Deutschland, setzte jemanden aus seinem Büro, Anne Jacobs an, und wir tourten zum ersten Mal durch Deutschland.
Von Anfang an war er die verkörperte Idee der Grünhelme, er setzte sich an die Spitze des Kuratoriums, organisierte in Berlin gemeinsam mit Wolfgang Thierse die erste Kuratoriumssitzung. Und – nicht nur beiläufig – er zahlte die auch. Ulrich war immer aus einem Guß: Nichts Kleinliches an ihm, immer großzügig. Wir waren in Balkh, dem islamischen Sufi Zentrum in Afghanistan. Wir wollten unbedingt bei unserer 1500 km Fahrt durch das Land auch an den Ort des uns vertrautesten islamischen Mystikers sein: Dshellaludin Rumi (1207 – 1273). Da habe ich ihn glücklich gesehen: Ein Volk, das seine islamischen Heiligtümer nicht museal bewahrt, ist noch lange nicht verloren.

‚Unser’ Ulrich Kasparick hat einen sensationellen Schritt getan. Er sagt: 20 Jahre Politik, 20 Jahre im Hamsterrad der Politik sind genug. Und als Christel und Rupert Neudeck ihre Buchvorstellung („Zwei Leben für Menschlichkeit“) in dem Haus für Geschichte in Bonn hatten, kam ‚unser’ Ulrich Kasparick dorthin – eigentlich als „Überraschungsgast“. Aber seine Sekretärin im Bundesverkehrsministerium in Berlin hatte sich fragend verplappert, so dass wir es schon wussten. So kam er – damals Staatsekretär – zu dieser Buchvorstellung, blieb noch lange mit Franz Alt, Konstantin Wecker, mit Thomas Schmitz, dem Cheflektor des Verlages. Und der hatte ihn gefragt, ob er denn nicht zu dem, was er erzählte, ein Buch schreiben wollte.

Das Buch ist nicht nur die rückwärtsgewandte Beschreibung einer Politiker Karriere. Es ist auch ein kritischer Blick darauf, wie wir im 21. Jahrhundert leben und uns lieben – schlecht.

Der junge Kasparick beschreibt, wie er (geb 1957) im Osten Deutschlands als Pastor groß wird. Wie er die kirchlichen Strukturen seiner Kirche in der DDR als verführbar erlebt hat. Wie er dann fasziniert nach der Wende die Möglichkeiten der Friedrich Ebert Stiftung ergreift. Wie er Lust hat, für die Menschen in seinem Wahlkreis Politik zu machen, wie ihm das gelingt, wie er nicht abhängig wird von der Landesliste seiner Partei, sondern seinen Wahlkreis direkt erobert. Dreimal hintereinander.

Er spürt im Berliner unbarmherzigen Betrieb, wie nicht mehr er LEBT, sondern wie er GELEBT wird. Was müssen wir heute machen?, so geht es jeden Morgen als Frage an die Sekretärin, die die Termine zusammenhält. Er wird als Abgeordneter zweimal hintereinander Staatssekretär, und dafür dann auch immer schon für ihn unangenehm herausgehoben wird. Dauernd bekommt er als Minister einen Sonderplatz im Flugzeug zugewiesen.

Er schildert, wie kaum jemand vor ihm, die Mechanik des Hamsterrades, ähnlich vielleicht wie die Miriam Meckel jetzt in ihrem Buch (Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout. Rowohlt Verlag Reinbek 2010), aber viel radikaler, weil er nicht nur einen Zusammenbruch als Monografie beschreibt. Er hat die Notbremse gezogen. Er geht in das Hamsterrad nicht mehr herein. Er kommt allerdings zu den Grünhelmen, hat uns versprochen, auch Mitglied im Verein der Grünhelme zu werden.

Kaum jemand hat den unerbittlichen Terminkalenderbetrieb so ungeschminkt und untaktisch beschreiben können wie Ulrich Kasparick. Im Zusammenhang mit einer Ostseeanrainerreise, wo er die deutschen Interessen als Staatsminister vertreten muss, schreibt er Klartext: Das politische Geschäft bleibt so mühsam, weil das politische Personal an der Spitze so häufig wechselt. “Die Ansprechpartner wechseln nach fast jeder Wahl, oft kommen neue Zuständigkeiten während einer Legislaturperiode hinzu, je nachdem, wen die Gazetten gerade jagen“. Es gäbe eine Fülle von Problemlagen, „in denen das Tempo zwischen politisch Möglichem und eigentlich Erforderlichen nicht zueinander passen“. Die eine Möglichkeit, mit der unser Autor hausieren geht, wäre: Das ohnehin unglaublich hohe Tempo in der Politik noch weiter zu erhöhen. Dann würde auf den Unterschriftsmappen nicht nur „EILT“ stehen, sondern „BITTE WIRKLICH SOFORT“.

Politiker – so beschreibt er vom ersten Kapitel an – sind Gehetzte. Vom Kalender Getriebene. „Wenn Sie ihr Tempo der Naturzerstörung wenigstens etwas annähern – dann werden sie noch schneller scheitern“. Deshalb plädiert Kasparick mit Dag Hammarskjoeld, der mit seinen Tagebucheintragungen das Buch durchzieht, für „Entschleunigung“. Gerade weil die Megathemen wie der Klimawechsel so sehr drängen – gerade deshalb wäre sorgfältigere Arbeit notwendig. Doch sagt der Autor realistisch auch: Nach seinen „20 Jahren Arbeit im Hamsterrad“ fürchte er, dass die Hoffnung auf einen entschleunigenden Politikbetrieb ein Wunschtraum bleiben wird.

Das nicht chronologisch gearbeitete Buch beginnt mit „Impressionen aus der Welt des Lärms“. Sonntag 21. Juni 2009. Kasparick ist mit einer kleinen Delegation für ganze drei Tage nach Asien unterwegs. 8860 Kilometer bis Seoul. Gemeinsam mit „German Trade und Invest“ soll Investorenwerbung gemacht werden. Er kann während dieses Flugs noch mal zurückblicken in die seltsame Welt der Politik, die er gut gemacht hat, weil er für uns immer menschlich ansprechbar blieb. „Es ist die Welt der sinnentleerten Kommunikation: Egal, über welches politische Problem gesprochen wird – die Mehrheit sieht die Politik ’ihres’ Ministeriums immer ’auf einem guten Wege’“. Misserfolge gibt es nicht. Misserfolge gibt es nur in der Wahrnehmung der Opposition „und die irrt ja bekanntermassen schon deshalb, weil sie Opposition ist“.

Noch einmal, weil so selten jemand in unserem Betrieb, in dem wir alle gefangen sind, so spricht: „Wir haben die Stille-Erfahrenen nicht. Wir haben nur sehr wenige, die sich dem Druck entziehen. Die meisten lassen sich bestimmen von der Quote und dem Rang auf der Bekanntheits- und Beliebtheitsskala. Wir werden zu getriebenen Wir müssen ‚Erfolge’ haben, müssen ‚Erfolgsgeschichten’ schreiben.“ Das will er alles nicht mehr.

Deshalb hat er dieses unordentliche Buch geschrieben. Es könnte 50 Seiten weniger haben, denn am Ende wiederholen sich einige der geschilderten Erfahrungen fast wörtlich. Aber das ist nur ein Hinweis für die zweite Auflage. So jedenfalls ist das ein Buch, das hoffentlich in den Parteien und Fraktionen gelesen und aus dem hoffentlich Konsequenzen gezogen werden.

Er hat einen Traum. Es könnte Politik gelingen, die so geht wie sie ein ganz Großer der Weltpolitik vorgelebt hat: Dag Hammarskjoeld, Uno Generalsekretär 1953 bis zu dem bis heute mysteriösen Flugzeugabsturz (oder Abschuß) in Ndola in Sambia am 18. 9. 1961 im Zusammenhang mit der ersten großen Kongo Krise. Der hat es versucht, sich dem Betrieb nicht zu überlassen, sondern in dem höchsten und verantwortlichsten Amt der Welt immer wieder zur Meditation und zur Begegnung mit sich selbst und Jesus Christus Zuflucht zu nehmen. „Wenn es um dich still wird. Erkenne, dass Arbeit eine Flucht vor der Angst und der Verantwortung geworden ist und Altruismus eine verkappte Selbstquälerei. Wenn Du des Steppenwolfs schadenfrohen Herzschlag hörst, – dann betäube dich nicht damit, dass Du die Hetze wieder suchst“. Das hat Hammarskjoeld in seinem Tagebuch festgehalten. Das würde Kasparick gern als eine neue Möglichkeit von Politik vorschlagen. Und er schlägt es vor.

Aus der Überzeugung, die der Luther-Schüler und Protestant mehrmals formuliert: Sola Gratia. Nicht aus der Kraft unserer Leistungen und der Fülle der Termine und der Pressekonferenzen werden wir die Gnade und Ruhe finden, sondern weil wir uns geborgen wissen woanders als im Hamsterrad.

Ulrich Kasparick: Notbremse. Ein Politikjunkie entdeckt die Stille. Gütersloher Verlagshaus 2010

 

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