Seit Anfang Dezember ist Tischler Fabian Metzger aus Rettigheim in Baden-Württemberg für die Ausbildung in unserem „Tischlern for Future“-Projekt im Libanon verantwortlich. Bei seiner Arbeit bekommt er hautnah die Lebensumstände der Geflüchteten mit – aber auch ihre kreative Ader.

Ein Mann in einer schwarzen Lederjacke hält ein fertiges Werkstück.,

Die Reaktion der Geflüchteten imponierte mir

Als ich einen Schüler, der sichtlich am meisten unter Strom stand, fragte was los sei, meinte er, dass seine Frau und Kinder „sick“ (Englisch für „krank“) seien. Ich dachte zunächst, dass sie einfach erkältet seien wegen der winterlichen Kälte in den Zelten. Durch Zeichensprache erklärte er mir aber, dass sie zittern würden. So wurde mir klar, dass sie durch das Eindringen der bewaffneten Soldaten äußerst verängstigt waren, die Bilder dieser Aktion vermutlich noch lange in ihren Köpfen bleiben würden.

Einmal mehr wurde mir dabei bewusst, dass der scheinbare Friede und die Ruhe in Aarsal nur ein Deckel sind, unter dem es gewaltig brodelt. Die Razzien und die generelle Willkür, der die Syrer*innen in Aarsal ausgesetzt sind, sind Instrumente des Staates, um die Geflüchteten stetig daran zu erinnern, dass sie unerwünscht und unwillkommen sind und sie ohnehin keine Zukunft in diesem Land haben werden. Protest dagegen oder gar ein Aufstand der Syrer*innen wird allerdings nicht erwachsen. Zu verängstigt sind die Menschen in ihrer rechtlosen Situation. Und die Sicherheit, die sie hier in Aarsal zumindest vor dem Krieg in Syrien gefunden haben, möchten sie nicht aufs Spiel setzen.

Die Nachricht der nächtlichen Razzia machte schnell die Runde und setzte alle unsere Kursteilnehmer unter Anspannung. Ihre Reaktion hat mir aber einmal mehr imponiert: Nachdem sie sich fünf Minuten lauthals über das gewaltsame Eindringen in ihre Zelte aufgeregt und ihr Unverständnis für diese Aktion bekräftigt hatten, sagte einer unserer Azubis: „Yalla!“ – und alle gingen zu ihren Hobelbänken, nahmen ihre Werkstücke und machten sich an die Arbeit.

Ein Teilnehmer hält einen kleinen, selbstgebauten Tisch
Ein Teilnehmer zeigt einen selbstgebauten Tisch

Der Tischler-Workshop, der im März 2020 einen coronabedingten Sommerschlaf einlegen musste, ist nun seit Dezember unter neuen Hygieneauflagen wieder eröffnet. Die Werkstatt, die die Grünhelme 2019 selbst gebaut haben, liegt in einem Hinterhof, direkt neben einer Moschee. Die Schüler sind Syrer und Libanesen, zwischen 14 und 60 Jahre alt. Von der populistischen Stimmungsmache im Land, mit der die Regierung versucht, Libanes*innen und Syrer*innen gegeneinander auszuspielen und den Geflüchteten die Schuld für die wirtschaftliche Misere zuzuschieben, ist in den Kursen nichts zu spüren. Es ist immer wieder schön zu beobachten, wie sich eine Gruppe, die sich über Altersunterschiede, Herkunft und sozioökonomischen Status hinweg gebildet hat, miteinander scherzt und sich gegenseitig beim Verleimen oder Holz richten hilft.

Zu Beginn war ich noch unsicher, wie ich den Kurs gestalten sollte. Ich hatte die Befürchtung, dass auch der Altersunterschied zwischen mir und einigen Schülern schwierig werden könnte. Würden sich die Älteren, die schon Berufserfahrung gesammelt hatten und bereits Väter oder gar Großväter sind, auf den Unterricht und die Ratschläge eines 26-jährigen Fremden einlassen?

Diese Zweifel haben sich dann aber schnell verflüchtigt. Vom ersten Tag an war der gegenseitige Respekt zu spüren – und auch der Wille, voneinander zu lernen. Ich kann unseren Azubis beibringen, akkurat, geduldig und systematisch zu arbeiten. Gleichzeitig lerne ich von ihnen und dem Umfeld, zu improvisieren. So haben sich schon viele Lösungen ergeben, die mir als deutschem Schreiner nicht unbedingt als erstes eingefallen wären. Beispielsweise haben wir eine Furnierpresse aus einem alten Wagenheber und einem Stahlgestell gebaut, deren Ergebnisse sich tatsächlich mit denen deutscher Industriemaschinen messen können.

In den Kursen bauen wir nützliche und schöne Dinge zugleich. Immer wieder muss ich den Schülern erklären, worin die Vorzüge einer Schwalbenschwanz-Zinkung gegenüber einer geschraubten Verbindung liegen. Bei den Projekten und Werkstücken, die wir in den Workshops verwirklichen, geht es eben nicht vorrangig um schnelle konstruktive Lösungen, indem wir etwa einfache Schränke zusammenschrauben. Dafür sind andere Projekte da. Bei uns erlernen die Teilnehmer, dem deutschen Lehrplan an Berufsschulen folgend, wie man zu fachgerechten Lösungen kommt.

Was wir im Kurs haben, ist Zeit. Und so wollen wir nicht die einfachsten und schnellsten Lösungen finden, sondern die richtigen. Daraus leitet sich in der Folge dann aber auch ab: Wer in der Lage ist, eine Zinkung von Hand auszuführen oder durch komplexen Maschineneinsatz traditionelle Massivholzverbindungen umzusetzen, wird im Endeffekt auch davon profitieren, wenn es mal einfach und schnell gehen soll.

Aus allem Möglichen bauen sie etwas

In der syrischen Community hat sich in ihrer Diaspora eine Do-It-Yourself-Bewegung etabliert. Hier wird aus allen möglichen Resten noch etwas Nützliches gebaut. Ein Schüler hat beispielsweise einen Rahmen für einen Wandspiegel aus alten Eisstielen gefertigt, außerdem eine Wanduhr und kleine Schiffspielzeuge für seine Kinder. Dieser Einfallsreichtum ist auch in den Kursen spürbar.

Die gegenwärtige katastrophale wirtschaftliche Situation im Libanon ist aber leider auch für die eingesessenen Schreiner spürbar. Denn wer kaum genug Geld hat, um das Nötigste zu besorgen, denkt wohl zuletzt an eine neue Tür, die nicht mehr knarzt oder ein neues Sofa. Deshalb ist es momentan auch sehr schwierig, unseren Schülern eine Möglichkeit zu bieten, ihre neu erlernten Fähigkeiten auch in Betrieben einzusetzen – der Arbeitsmarkt gibt das leider nur vereinzelt her.

Die Ausbildung wird deshalb aber nicht ins Leere laufen. Nach meiner Einschätzung bietet sie unseren Azubis neben der beruflichen Qualifikation eine vielleicht noch wichtigere Komponente: Die Schüler erfahren Selbstwirksamkeit und können in der Gruppenarbeit gegenseitig ausbildende Fähigkeiten ausbauen. Und bestenfalls können sie hoffentlich eines Tages den Wiederaufbau ihrer Heimat und ihres Zuhauses mitgestalten.

Grünhelm Fabian Metzger in Aarsal