Am Ende der bekannten Welt
Ein Bericht von Rupert Neudeck aus Kibe in der DR Kongo

11.07.2010_I_1Wir haben uns in Kibe eingerichtet, einem Ort, der nicht mehr zu der bewohnten und begehbaren Welt gehörte. Jahrelang trieb dort die Völkermördermiliz FDLR ihr Unwesen bis sie sich in die umliegenden Wälder zurückzog. Jetzt aber haben die Chinesen über 20 km eine Straße gebaut, so dass der Weg von Kamituga, der größten Stadt in der Region, nach Kibe nur noch 30 bis 40 Minuten dauert.

Das bedeutet, die Völkermördermiliz FDLr, die seit 1994 in den Regenwäldern des Kongo ihr Unwesen treibt, wird sich jetzt nicht mehr trauen, die kleine Stadt Kibe zu überfallen. Denn dann ist die Armee auf Anweisung des Vize-Gouverneurs in einer halben Stunde da.

Dort am Ende der bekannten Welt haben sich die Grünhelme eingerichtet. Sie haben am 21. Dezember 2009 ein Gymnasium in Kasika eröffnet, aber Kasika lag noch nah genug an der Hauptstadt Bukavu. Jetzt aber ist Kibe fünf bis sieben Stunden auf einer holprigen Serpentinenpiste von Bukavu entfernt. Aber die 6.500 Bewohner von Kibe brauchen ganz dringend eine Schule, sie brauchen sogar zwei Schulen, denn es fehlt dort auch ein Gymnasium. Es stehen schon das Fundament und die ersten sechs gegossenen Betonpfeiler. Unser Team, geleitet von Peter Sache (für alle die, die in den Projekten in Ruanda und Uganda waren: der Vater von Fabien Sachse), dem aber am 24. Juni Markus Neubert zu Hilfe kommen wird.

Wir sprachen mit dem Vizegouverneur von Süd-Kivu Jean-Claude Kibala am Rande der Übertragung des Fußballspieles der WM zwischen Deutschland und Spanien. Kibala hatte gerade den Präsidenten des Landes zum Flughafen gebracht, Präsident Joseph Kabila war am 6. Juli gleich von Kinshasa gekommen, um seine Trauer über den Verlust von 242 Menschenleben bei der Explosion eines Tanklasters aus Tansania auf der Strasse kurz vor Uvira (Grenzstadt zu Burundi) auszudrücken.

Trotz der Niederlage von Deutschland gegen Spanien, kamen wir ins Schwärmen. Was wäre wenn, … ein Bundesland in Deutschland eine Partnerschaft (französisch eine „jumelage“) für diese Provinz Süd-Kivu übernehmen würde. Warum? Weil das die einzige unter den zehn Provinzen des Kongo ist, die einen Ehrgeiz entwickelt hat, Anschluss an die Weltgemeinschaft zu finden.

Wir haben jetzt vereinbart, vier Schulen zu bauen, eine davon wird von der Gemeinde in Haltern/Westfalen finanziert. Dort in Kibe ist das eine Schule mit einem Lehrkollegium von sechs Lehrern und von 455 Schülerinnen und Schülern, die hier unterrichtet werden sollen. Der Platz liegt am Ende der uns bekannten Welt. Im Ort gibt es nur eine Kommunikation mit dem Satelliten -Internet. Und es gibt auf einem winzigen Hügel beim Dorfaufgang auf einem Platz von einem Quadratmeter eine Stelle, von der aus man auch nach Europa telefonieren kann. Wunder der Technik. Wenn unsere Schule in Kibe fertig ist und wir sie eröffnen werden, könnte es sein, dass viele Deutsche diesen Ort kennen werden. Dann wir dieser Ort nicht mehr nur der Ort am Ende der bekannten Welt sein.

Die Chinesen haben sich auf Grund Ihrer rauhbeinigen Art nicht nur Freunde im Süd-Kivu gemacht. Deshalb auch heißt ein Satz, den die Kivois, die Kivu-Bewohner, dem Muzungo sehr stolz entgegenschleudern: „Wa Tuko Ba Chinois“, „Wir sind keine Chinesen.“

 

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