Auch in Afghanistan gibt es etwas zu lachen…
Von einem listig – mit Hilfe der Grünhelme-Schulen – nicht gezahlten Brautpreis

Unter den 30 Schulen, die die Grünhelme 2003 – 2011 in Afghanistan gebaut haben (plus zwei Werkstätten und einer Entbindungsklinik) gab es immer ein- zwei Lieblingsschulen. Das ist sehr menschlich und die Hilfsorganisationen sind auch menschlich. Eine Lieblingsschule, auf die ich mich bei meinen Besuchen immer sehr freue, ist die in Malume.

Nicht wegen der wild zerklüfteten bergigen Landschaft, die dort schon etwas von dem Hochgebirge dem Hindukusch ahnen lässt. Sondern wegen eines Lehrers, der die Forderung der Mädchen in seiner Familie, in der Schule und im Ort irgendwie mit der Muttermilch eingesogen hat. Und der gleichzeitig jemand ist, der so herrlich lachen kann, dass man das nie vergisst.

Die Reporterin der FAZ, Frederike Böge war damals gerade dort an dieser Schule, als wir sie gerade fertig gebaut hatten. Sie befragte ein Mädchen, das – was die Reporterin nicht ahnte – die Tochter des Lehrers war und fragte sie, was sie werden wollte. Sie sagte wie die Hälfte der afghanischen Mädchen: „Ärztin“. Das war 2006. Inzwischen ist dieses Mädchen verlobt. In Afghanistan ist das ein unabdingbares klares Ritual vor der Heirat. Sie geht trotzdem in die 11. Klasse – ich habe sie bei meinem Besuch im Oktober 2011 in Malume noch selbst gesehen. Der Vater und Lehrer hatte mit dem Verlobten der Tochter einen Deal gemacht.

Die Tochter muss in die Schule gehen, auch in das Gymnasium, sie muss Abitur machen und muss danach Medizin studieren. Die beiden dürfen im Studium zwar schon heiraten, aber noch keine Kinder bekommen, bevor sie mit dem Studium fertig und Ärztin ist. Dann nämlich muss sie in dem Beruf als „Ärztin“ tüchtig Geld verdienen. Mit dem Geld bauen sie dann zwei schöne Häuser. Eines dieser Häuser wird der Tochter und ihrer späteren Familie gehören. Das andere Haus wird der Vater und der Lehrer an der Grünhelme Schule in Malume bekommen und dort wird er mit der dann für diese neue Wohnung frisch angeheirateten jungen Nebenfrau wohnen. Wer diese Nebenfrau sei, sei noch unklar, aber: „Allah ist groß und er schneidet mir eine zu. Er hat ja auch noch Zeit, denn das Medizin- Studium dauert ja einige Jahre“, sagte er auf die Frage eines Kollegen.

Der Deal: Unter diesen Bedingungen verzichtet er auf den Brautpreis für seine Tochter. Der Vater-Lehrer ist beim Erzählen dieser selbst eingefädelten Geschichte vor Lachen fast umgefallen. Die Tochter lief rot an, als ich sie fragte, was sie denn von diesem Vertrag halte?! Sie meinte, die einzige Macke an dem Vertrag wäre, dass ihre Mutter ihr unter diesen Umständen nicht die Daumen drücken würde. „Ich hatte im letzten Jahr die besten Noten in der Schule, weil ich meiner Mutter und dem Papa eine Pilgerreise nach Mekka versprochen habe, sollte ich mal eine gut verdienende Ärztin sein. Dafür hat meine Mutter Tag und Nacht gebetet“.

Und dann sagt sie leise: „Für die Noten im letzten Jahr waren weder meine Mutter noch die Gebete zuständig, sondern einzig und allein ich“. Ja, sagt der Vater-Lehrer noch: „Für große Ziele muss man große Preise zahlen“. Er bekommt noch einmal einen Lachanfall, in den alle Umstehenden mit einfallen.

Zobair Akhi und Rupert Neudeck

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