Azaz – „befreit“ oder „umkämpft“? Syrische Rebellion am Scheidewege
Zu den Arbeiten der Grünhelme in dem Krankenhaus und den Schulen von Azaz

06.11.2012Unsere beiden Grünhelme Syrer arbeiten jetzt nun schon seit dem 4. September in der Stadt Azaz und haben sich mehr als bewährt. Es war nicht einfach alles durchzuhalten, denn zwischendurch war sogar der Titel der „befreiten Stadt“ in Frage gestellt. Es brachen Kämpfe aus zwischen der Brigade des Abu Ibrahim, die wir seinerzeit kennengelernt hatten und die wir für die einzige hielten, die die Wacht aufrechterhielt an der Grenze und der zweiten Brigade unter Ahmad. Jedenfalls wurde der verpflichtende und ehrenvolle Titel „Befreiung“ vom Regime des Baschar al Assad ganz schön besudelt. Kämpfe in der Stadt, Schusswechsel, Checkpoints, Auseinandersetzungen zwischen den beiden um ihre Pfründen kämpfenden Brigaden.

Die beiden GRÜNHELME Bernd Blechschmidt (Mechaniker, Berlin) und Dr. Saru Murad (Bauingenieur, Darmstadt) sind aber weiter an der Arbeit. Im „Al – Mashfa Al-Ali“-Krankenhaus sind jetzt nicht nur der gesamte Keller und die beiden OP-Säle eingerichtet (s. Foto), sondern auch der Aufzug gemacht, die Stromversorgung wieder hergestellt. Auch die Heiztechnik ist fast fertig. Nebenbei, es wird jetzt schon ganz schön kalt in Azaz.

Auch in der Hygiene gibt es Verbesserungen. Es gibt jetzt einen festen Raum zum Essen, mit Tischen und Stühlen und sogar einer Köchin, die das Krankenhaus eingestellt hat. Bisher hatte die gesamte Staff immer auf dem Boden eines Seitenganges des Krankenhauses gegessen: Arabisch ohne Messer und Gabel, mit der Hand. Alle Zimmer sind verglast. Durch eine 400 kg Bombe waren im Umkreis des Zentrums alle Fensterscheiben kaputt gegangen auch im Hospital.

Die erste Schule,. die „Gazal Berho Al – Khoder“ Schule ist jetzt fast schon zur Übergabe fertig. Es hat eine Grundreinigung aller Gebäude gegeben. Die sanitären Verhältnisse sind wieder in Ordnung. Es wurden die Grundstücksmauern wieder errichtet. Der Eingangsbereich musste neu gemauert und neu gepflastert werden. Es gab diverse Betonierarbeiten auf dem ganzen Gelände, besonders die Löcher durch Granattreffer mussten alle repariert werden. Es gab auch das Recycling alter Mauersteine von umliegenden zerstörten Gebäuden. Es wurden fehlende Türrahmen, Türen, Fenster repariert und wenn nötig ersetzt. Die Schornsteine mussten gereinigt werden, die Außentreppen wurden repariert und gefliest. Die Malerarbeiten sind an dieser Schule noch im Gange. 60 Schulbänke wurden repariert, weitere folgen. An der zweiten Schule beginnen die Arbeiten erst jetzt: Die sanitären Einrichtungen sind fertig und die Elektrik ist repariert, auch größere Maurerarbeiten in den Klassenräumen und an den Außenwänden sind getan.

Aber die Massaker und das haarsträubende ungehinderte Gemetzel, das die Regierungsarmee und Luftwaffe weiter gegen die Zivilbevölkerung anstellt, gehen ungehindert durch den UNO-Sicherheitsrat in die nächste Runde nach eineinhalb Jahren Aufstand in Syrien. Unser Team schreibt, dass es einen sympathischen Deutsch-Syrer zu Gast hatte vor wenigen Tagen. Ein Student, der seine Familie in Aleppo besuchen wollte. Er hatte in Azaz nur Station gemacht. Vor zwei Tagen wurde seine blutüberströmte Leiche hier in Azaz eingeliefert. Ein Kumpel hatte mit seiner Waffe Unsinn gemacht. Auch sind die Verhältnisse zu dem Teil der Kurden, die der PKK folgen sehr angespannt. In den letzten Tagen wurden sieben Kämpfer der F.S.A. von der PKK erschossen. Meistens an Checkpoints durch Scharfschützen.

Wir haben einen gehörigen Respekt vor unseren beiden Grünhelmen, die wir, wenn sie Anfang Dezember gehen, vermissen werden. Selten in der Geschichte der Grünhelme hatten wir bessere, mutigere und besonnenere Mitarbeiter als den Berliner Mechaniker Bernd Blechschmidt. Und unseren Saru Murad, ohne den wir allzu oft – wie man deutsch sagt – Bahnhof verstanden hätten. Vorsorglich schon mal ganz herzlichen Dank den beiden.

 

Posted in Syrien