Erste Flüchtlingsschule in der Türkei

12.08.2014_2Ein Jahr nach unseren letzten Bauarbeiten in Syrien, sind wir seit letzter Woche endlich wieder mit einem eigenen Team in der Grenzregion um den dort lebenden Flüchtlingskindern eine erste Schule für arabischen Unterricht zu bauen. Im Unterschied zu unseren früheren Wiederaufbau-Aktionen und obwohl wir die Orte unserer damaligen Baustellen von hier aus sogar sehen können, engagieren wir uns nun aber erstmals auf der Türkischen Seite der Grenze.

Die Situation in Syrien ist im vergangenen Jahr so unübersichtlich geworden, dass sich selbst unser Syrischer Freund Hussein Alomar, Journalist und Mitarbeiter von Barada e.V. (mit denen wir Lebensmittellieferungen nach Aleppo organisieren), nicht mehr jenseits seiner Syrischen Heimatstadt Idlib frei bewegen kann. Schon Besuche der Flüchtlingslager hinter der Syrischen Grenze sind für uns Grünhelme auf Grund der erhöhten Sicherheitsmaßnahmen fast unmöglich geworden. Auf der anderen Seite hat kein anderes Land bisher so viele Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen wie die Türkei. Insbesondere in Hinblick auf die bisher dürftige Bilanz der Deutschen Flüchtlingshilfe für Syrien solidarisiert sich die Türkei auf vorbildliche Art und Weise mit den Syrischen Familien, denen die Flucht über die Grenze gelungen ist. Schon längst verdient deshalb nun auch die Türkei unsere volle Unterstützung bei der Unterbringung und Versorgung der Syrischen Flüchtlinge. Fast 1,5 Mio Menschen und eine große Dunkelziffer an Familien, die sich noch nicht bei offiziellen Stellen registrieren ließen, sind schon in das Nachbarland geflüchtet. Die bereitwillige und uneingeschränkte Hilfe der Türkei wird Erdogans Regierung international hoch angerechnet und selbst unser Bundespräsident äußerte seinen „großen Respekt vor den enormen Anstrengungen“ die auf Seiten der Türkei geleistet werden.

Auch wenn uns Europäern weniger gut gefällt, dass Religion und Staat in der Türkei nun möglicherweise wieder enger miteinander verbunden werden und dass der Türkische Staatschef in Zukunft nun wieder wesentlich einflussreicher mitgestalten kann, so bewirkt die gestern von Erdogan deutlich gewonnene Präsidentschaftswahl auch weiterhin viel Verständnis und Unterstützung für Syrische Flüchtlinge. Dafür sollten vor allem die in Flüchtlingsfragen zögerlicheren Staaten Europas ganz besonders dankbar sein. Dennoch stoßen die Kapazitäten für die Aufnahme von Flüchtlingen selbst in der Türkei irgendwann an ihre Grenzen. Zunehmend macht sich Unmut über die steigende Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge breit und immer öfter klagen Türken über Syrer, die ihnen Arbeitsplätze weg nehmen, die dem Staat auf der Tasche liegen und die für die steigende Kriminalität im Land verantwortlich sind. Um Bettler aus den Städten zu holen, ist die Polizei im ganzen Land mittlerweile angewiesen alle syrischen Flüchtlinge von den Straßen in die vorgesehenen Camps zu bringen.

Auch Hüseyin Sahan, der Bürgermeister von Demirköprü, der kleinen Stadt zwischen Reyhanli und Antakya in der wir seit letzter Woche arbeiten, sieht sich mit den Folgen der gutmütigen Türkischen Flüchtlingspolitik konfrontiert. Seine Gemeinde beherbergt neben den 1000 regulären Einwohnern zur Zeit noch zusätzlich 300 Menschen aus Syrien, die nun gleichsam ernährt und untergebracht werden wollen. Die syrischen Kinder bereiten ihm dabei die größten Sorgen. Weil sie nicht türkisch, sondern nur arabisch sprechen, kann er ihnen keinen Unterricht anbieten, so dass sie schon seit drei Jahren nicht mehr zur Schule gehen und stattdessen für ihre Familien auf den Baumwollfeldern arbeiten oder bestenfalls auf der Straße sitzen. Mit dem Wunsch etwas an dieser Situation zu ändern hat sich Hüseyin Sahan nun an Barada e.V. und an uns Grünhelme gewendet. Er glaubt fest daran, dass wir die Antwort auf seine Gebete sind, in denen er seit Jahren um Hilfe für seine Syrischen Mitbürger bittet. Von seiner Idee und seinem Engagement begeistert werden wir Grünhelme deshalb ab sofort in Sichtweite zur Syrischen Grenze und gemeinsam mit allen Syrern der Gemeinde eine Arabische Grundschule für die 150 Flüchtlingskinder aus der Region bauen.

Vor allem durch ihren motivierten Bürgermeister aber auch aus vielen anderen guten Gründen scheint uns Demirköprü ganz besonders als Standort für eine erste von der Türkei organisierte Schule mit Arabischem Unterricht geeignet zu sein. So war die ländliche Region am Mittelmeer in der insbesondere Baumwolle, Getreide, Oliven, Weintrauben und scharfe Paprika angebaut werden früher ohnehin ein Gebiet in dem die heutigen Syrer und Türken zusammen gelebt haben. Im Französischen Volkerbundmandat für Syrien gehörte die heute zu den kleinsten Provinzen der Türkei gehörende Region Hatay noch zu Aleppo. Den stetigen und immer spannenden gesellschaftlichen Wandel in der mittlerweile durch und durch islamischen Bevölkerung beweist vor allem auch die älteste Kirche der Welt, die unweit von Demirköprü in Antakya steht – zu Römischen Zeiten neben Alexandria und Konstantinopel eine der größten und bedeutendsten Städte im östlichen Mittelmeerraum. Nach dem Jesus starb verfolgte man seine Anhänger bis in diese Region und Lukas, der hier erstmals das Evangelium verkünden wollte, hinterließ mit dem Bau der nach seinem Freund benannten St. Petrus Kirche die nördlichste jemals gefundene Spur der Antiken Christen.

Sowohl Antakya, als auch Demirköprü und das Baugrundstück für unsere Flüchtlingsschule liegen direkt am Asi-Fluss, der wichtigsten Wasserstraße der Region, die im Gegensatz zu allen anderen Flüssen der Umgebung nicht ins Mittelmeer, sondern in entgegengesetzter Richtung nach Syrien fließt. Daher und auf Grund von einigen wilden Strömungen hat der Fluss auch seinen ganz besonderen Namen, den man wohl am besten mit „widerspenstig“ oder „ungehorsam“ übersetzen würde. Dieses Adjektiv hat den Fluss auf Syrischer Seite einerseits zur Metapher für den Aufstand gegen die Regierung gemacht andererseits aber auch schon zum nassen Grab für untreue Regimegegner. „Wer ungehorsam ist, der wird in den gleichnamigen Fluss geworfen.“

Demirköprü selbst heißt übersetzt so viel wie Eisenbrücke und ist nicht nur der Name unsers kleinen Ortes, sondern auch der Name dessen von den Französischen Besatzern vollkommen ohne Eisen gebaute Steinbrücke. Auch der Imam von Demirköprü, der die einzelnen Geschichten und Schicksale der hier gestrandeten Flüchtlinge sicherlich am besten kennt, freut sich auf den Bau der Arabischen Schule. Er weiß wie schwer es den Syrern fällt Arbeit zu finden, wie schwer es ihre Kinder haben und dass sich teilweise bis zu drei 5-Köpfige Familien einen einzigen Raum zum leben, kochen, waschen und schlafen, teilen müssen. Gleich nach dem wir uns bei dem Imam vorgestellt haben, hat er im Anschluss an das Abendgebt oben im Minarett seiner schönen Moschee über das große Mikrofon allen Bewohnern der Kleinstadt von unserem Vorhaben erzählt und die Syrischen Flüchtlinge zu einem Treffen am folgenden Vormittag eingeladen bei dem dann die ersten 20 Familien ihre Kinder zum Unterricht anmelden konnten.

Auch hier in Demirköprü bauen wir Grünhelme wieder zu bestimmten Bedingungen, die sicherstellen dass alle Beteiligten einen essentiellen Teil zum Gelingen des Vorhabens beitragen. So stellen uns der Ort und dessen Bürgermeister zum Beispiel das Baugrundstück und eine Unterkunft für alle Grünhelme, während die Gemeinde der Syrischen Flüchtlinge freiwillig beim Bau der Schulen für ihre Kinder mit helfen wird. Wir Grünhelme werden vor allem selbst mit anpacken, zudem leiten, organisieren und finanzieren wir wie immer die Bauarbeiten. Schließlich wird unser Partner Barada e.V. den Syrischen Eltern bei der Rekrutierung der neuen Lehrer helfen und die Unterhaltskosten der Schule übernehmen.

Auf diese Weise entstehen in den nächsten fünf Monaten insgesamt vier Klassenräume und ein großzügiger, überdachter Gemeinschaftsraum im Freien. Dazu soll ein Lehrer- und Direktorenzimmer gebaut werden, so wie Sanitäre Anlagen in ausreichender Anzahl. Der Entwurf, der zu einem Teil aus den Arbeiten der 100 Architekturstudenten entstanden ist, die im letzten Semester an der Berliner Beuth Hochschule Schulen für die Grünhelme entworfen haben, sieht zudem viel natürliches Licht in den Räumen und überdachten Höfen des Gebäudes vor sowie verschattete Terrassen die den Schülern vor allem an heißen Tagen kühle Sitzgelegenheiten zum Ausruhen anbieten. Hier in der Türkei müssen wir unsere Schule zum ersten Mal sogar so stabil bauen, dass sie eventuellen Erdbeben standhalten wird.

Nach dem wir die Anfangs geplante Umnutzung der alten Moschee von Demirköprü vor allem aus Bautechnischen Gründen schnell ausschließen konnten, hat uns der Bürgermeister nun schließlich das traumhafte Schulgrundstück am Fluss zur Verfügung gestellt. Dort wo ein Seitenarm auf den Asi-Fluss trifft entsteht am Rand der Kleinstadt eine langgestreckte Halbinsel, dessen äußerste Spitze zukünftig zum Schulgelände und somit auch zum Treffpunkt und zur ersten gemeinsame Adresse der hier lebenden Syrer werden wird. Im Moment noch Müllhalde und Brachland, wird unser Schulhof schon bald zu einem schönen Garten mit schattenspendenden Feigenbäumen und Dattelpalmen umgestaltet. Wilde Himbeeren wachsen hier ohnehin schon und befestigen die Böschung, die nur noch vom Unkraut befreit werden muss, bevor die Schulkinder bald am türkisblauen Wasser sitzen und spielen können.

Insbesondere wollen wir beim Bau der neuen Schule darauf achten, dass wir der Einrichtung so wenige Folgekosten wie möglich verursachen. Damit der Bürgermeister später Heiz- und Wasserkosten für seine Syrischen Schulkinder bezahlen kann, sind eine effiziente Wärmedämmung und ein intelligentes und kostengünstiges Abwassersystem besonders wichtig. Damit auch keine Kosten für die Beleuchtung in den zwar milden aber dennoch dunkleren Wintermonaten anfallen, möchten wir der Schule zusätzlich eine kleine Solaranlage auf ihr Dach setzen. Je besser sich die Schule unabhängig von Deutschen Spenden-Geldern selbst organisieren und finanzieren kann, desto sinnvoller und einfacher wird der Bau von weiteren Schulen in diesem Kontext. Im besten Fall ist unsere Schule in Demirköprü erst ein erfolgreiches Pilotprojekt für viele weitere Flüchtlingsschulen, die wir in der Türkei und in Jordanien aufbauen können. Für dieses Vorhaben wünschen wir unseren ersten beiden Grünhelmen Christine Hartl (Architektin) und Andreas Frizen (Arabistiker), die ab Ende August Verstärkung von Simon Bethlehem und Martin Güdelhöfer bekommen, viel Erfolg und eine gute Zeit in Demirköprü.

Wir freuen uns mit euch auf die vor uns liegenden Bauarbeiten, mit denen [in šāʾa llāh / so Gott will] ab Morgen begonnen werden kann.Ganz herzlich danken wir auch Marko Dietrich vom Visualkollektiv für die Erstellung der hier zu sehenden ersten Bilder unserer Schulvision, die in der Türkei allen Beteiligten gut gefallen hat.