Bitte um Freilassung des Syrers Padre Paolo dall’Oglio
Seit dem 27. Juli 2013 in Geiselhaft

Er wird das nicht wünschen, dass wir nur für ihn als Entführten und nicht die zweihundert anderen gleichermaßen schreien und bitten. Aber es gibt niemanden, mit dem das Volk in allen Ethnien und Konfessionen so identifiziert werden kann wie ihn: Pater Paolo dall’Oglio ist immer noch in Entführungshaft und wir alle wissen nicht, wie es ihm geht. Wir wissen nicht einmal genau, ob er noch lebt. Obwohl wir alle, wie Navid Kermani im Spiegel geschrieben hat, es nicht wahrhaben wollen, dass er nicht lebt.

Denn niemand wird für die Aussöhnung der verschiedenen Religionen, Konfessionen und Ethnien in Syrien heftiger gebraucht als er. Er ist ja eigentliche ein Ehrensyrer. Von Herkunft ist Padre Paolo Italiener. Er studierte Theologie und trat in den Jesuitenorden ein. Während der vierwöchigen Exerzitien, die jeder Jesuit zu Lebzeiten machen muss, hatte er die Berufung gefühlt, etwas zu tun: „In der Liebe zum Islam, im Glauben an Jesus“. 1982 kam Padre Paolo dall’Oglio zu diesem Felsenkloster, ein Relikt aus der Zeit mönchischer Eremiten. Das Kloster war ganz verfallen, er baute es auf und machte es zu einem privilegierten Platz für Muslime und Christen. Es sei die Liebe zum Islam, die das Kloster Mar Mussa kennzeichnet. Navid Kermani hat geschrieben: Das sei verrückt, das klinge verrückt, ja widersinnig, aber genau so sehe Pater Paolo seine Aufgabe, die ihn vor fast vierzig Jahren im Gebet offenbar wurde.

In Rom geboren, war er mit 20 Jahren in den Orden der Jesuiten eingetreten und sah während der Exerzitien das Wort Islam am Horizont geschrieben. Er erzählte das dem Provinzial des Ordens, der ihn in den Orient schickte, wo er Arabisch und den Koran studierte.

Er wurde berühmt als jemand, den niemand für sich reklamieren kann, weder die Muslime noch die Christen, weder die Bischöfe noch die Gläubigen. Niemand. Als die Freunde des in Homs ermordeten jungen Filmemachers Bassel Shahade in der Kirche St. Kyrill in Damaskus einen Gedenktrauergottesdienst für ihren Freund abhalten wollten, kamen die Geheimdienstleute des Regimes und nahmen einige aus der Trauergemeinde fest und warfen sie ins Gefängnis. Der Bischof und die Führer der Melkitisch-katholischen Kirche intervenierten nicht. Aber Pater Paolo lud
die Freunde von Shahade ein, in dem Bergkloster Deir Mar Musa zu trauern und zu beten. Nirgendwo sonst durften die Freunde des Filmemachers beten, in keiner Kirche in Damaskus. Am 16. Juni 2012 wurde er vom Regime des Baschar al Assad aus Syrien ausgewiesen. Er zog erst nach Beirut, dann später nach Sulaimanija. In Beirut erklärte er. „Die Tatsache, dass ich für den Wandel bin, für Demokratie, für Menschen-rechte und Würde, ist die Provokation“, weshalb er aus Syrien ausgewiesen wurde.

Pater Paolo dall’Oglio war der beste Beweis für die Verlogenheit der Regime Propaganda, mit der sie immer wieder nach Westen behauptet, sie würde die Christen besonders beschützen. „In den letzten 40 Jahren werden die Christen damit betrogen, dass man ihnen sagt, dieses Regime schützt sie als Minderheit, aber das ist eine Lüge“, sagte Sarjun al Akkadi, ein Freund von Paolo, der Chef des Koordinationskomitees in Latakia, eine der wenigen christlichen Gruppen, die offen die Regierung attackieren. Pater Paolo wurde mit der erzwungen Ausreise bestraft, weil er diese Gruppen unterstützte wie das Komitee in Latakia. „Wenn er nicht Italiener gewesen wäre, hätte man ihn bestimmt verhaftet und vielleicht getötet.

Die Christen machen etwa zwei Millionen der 23 Mio Syrer aus. Das ist eine Prozentzahl von acht Prozent. Paolo machte sich bei den Bischöfen der christlichen Kirche unbeliebt, weil er sie dafür kritisierte, dass sie nichts gegen das Bombardieren von Zivilisten-Stadtteilen in Homs und anderen Städten sagte. Diese Angriffe in Homs führten dazu, dass neben vielen anderen auch 150.000 Christen die Stadt verlassen und fliehen mussten. “Wie können wir darüber schweigen?“, fragte sich Dall’Oglio immer wieder. „Wir müssen mit denen, die unterdrückt werden, solidarisch sein, besonders weil die Kirche verneint, dass da eine Unterdrückung ist.

Paolo machte sich noch unbeliebter, weil er den Patriarchen der Russisch-orthodoxen Kirche Kyrill I. heftig kritisierte, der zum Staatsbesuch in Damaskus eintraf, von Baschar al Assad empfangen wurde und kein Wort fand, um den Partner der Russen in Damaskus zu bitten, die Christen in Homs zu beschützen. In Bkiri während des Staatsbesuches von Patriarch Kyrill I dem Sitz der Maronitischen Kirche, predigte der Patriarch Bechara Peter Rau und sagte: Die Christen wären in der Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens immer dann geschützt gewesen, wenn sie loyal zur Regierung gestanden hätten. In Syrien hätten die Christen die Gesetze eingehalten und sich nicht in politische Fragen eingemischt.

Pater Paolo machte sich aus seinem Exilort in Sulaimanija auf, um nach Rakka zu gehen, wo er es übernommen hatte zu vermitteln zwischen Dschihadisten der ISIS und der Bevölkerung. Noch am 27. Juli 2013 sandte er eine Mail nach Sulaimanija mit der Nachricht, dass er die Vertreter der Isis morgen in der Nacht treffen werde. Er traf diese Vertreter. Unmittelbar nach der Videoaufnahme, die wir von dem Treffen haben, wurde er entführt.

In einem seiner Vorträge in Rom hat er sich selbst gefragt: „Betrachte ich mich selbst als Muslim?“ Und antwortete auf diese selbst gestellte Frage: „Ja, vermittels der evangelischen Gnade und des Gehorsams. Ich bin Muslim auf Grund der Liebe Gottes zu den Muslimen und zum Islam“. Sein Ziel war es, die radikale Eingemeindung des christlichen Glaubens in ein muslimisches Umfeld zu leisten. Mit „radikal“ meinte er etwas, was über Folklore, Kleidung, Teppiche auf dem Boden der Kirche, nackte Füße und den regelmäßigen Gebrauch muslimischer Ausdrücke hinausgeht.

Die Grünhelme tun gut daran, für seine Freilassung so heftig zu kämpfen wie im letzten Jahr um die Freilassung von Ziad Nouri, Bernd Blechschmidt und Simon S. Wir wollen nicht aufhören, für sicher zu halten, dass Pater Paolo dall’Oglio noch lebt. Und wenn er lebt und freikommt, dann werden wir ihn zu unserem Berater und Patron machen. Dann werden wir unsere Jahrestagungen in dem Kloster Mar Mussa abhalten, an keinem anderen Platz der Welt.

 

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