Das Dorf Gbentu in Sierra Leone: Von Traditionen und Buckelpisten

22.11.2018_04Zehn Stunden Fahrt von der Hauptstadt Freetown entfernt, im Norden Sierra Leones, liegt Gbentu. Dort bauen wir Grünhelme eine Schule. Wie leben die Menschen, wie sieht ihr Alltag aus und welche Herausforderungen meistern sie täglich? Porträt eines Dorfes.

Das Scheinwerferlicht des Geländewagens entblößt alle paar Minuten einen neuen Gegner: Eine riesige Pfütze etwa, so breit wie die gesamte Straße. Wie tief mag sie sein? Wie matschig der Untergrund? Es spritzt, rumpelt, die Reifen geben alles.

Wenn es regnet, und das passiert oft zur Regenzeit, ist Gbentu (gesprochen: Bentu) noch abgeschiedener als sonst. Das Dorf liegt im Norden des Landes, nur zehn Kilometer vor der Grenze zu Guinea. 370 Kilometer sind es von Freetown. Die ersten 320 Kilometer sind asphaltiert, es fährt sogar ein Bus. Danach geht es 50 Kilometer über sandige Hügel, kleine Brücken, große Löcher und Gräben. Drei Stunden benötigt man für diesen Abschnitt – wenn man nicht stecken bleibt.

Die schlechte Infrastruktur sei eines der größten Probleme, sagt der Paramount Chief, Alhaji Fenda Modu Kamara II. Er ist der traditionelle Vorsteher in Gbentu und in den umliegenden Dörfern. „Unsere erste Priorität ist, dass die Straße ausgebaut wird“, sagt der Chief. Oft ist die Straße nahezu unpassierbar, weil der Regen sie in eine Spur aus Matsch verwandelt.

Neben der Infrastruktur mangelt es in Gbentu an vielem. An Strom, fließendem Wasser, einer guten Gesundheitsversorgung und an Schulgebäuden. Die staatliche Grundschule ist mit ihren zwei Klassenzimmern viel zu klein für alle Kinder. Oft fällt der Unterricht aus, weil das Dach leckt. Seit Juni 2018 bauen wir Grünhelme deshalb sechs neue Klassenzimmer für etwa 400 Kinder in Gbentu. (MEHR DAZU HIER) Außerdem gibt es in Gbentu eine Grundschule in christlicher Trägerschaft. Die „Mission School“ hat bislang keine eigenen Räume. Die Lehrer*innen müssen sich immer wieder neu nach Unterrichtsräumen umsehen.

Bildung

Neben den zwei Grundschulen gibt es in Gbentu eine „Junior Secondary School“ (Klasse 7 bis 9), auf die derzeit 150 Kinder gehen. „Nur ein Lehrer wird von der Regierung bezahlt“, sagt Lehrer Mohamed S. Kamara. Der 33-Jährige arbeitet ehrenamtlich, wird aber von der Dorfgemeinschaft unterstützt. Wer studieren möchte, muss nach weiteren drei Schuljahren an einer „Senior Secondary School“ die WASCE-Prüfung ablegen (West African Senior School Certificate Examination). Die nächste „Senior Secondary School“ sei mehr als 30 Meilen entfernt, klagt Kamara. Eine Unterkunft für sein Kind in einer anderen Stadt könne sich kaum jemand leisten. Laut UNESCO können gerade einmal 48,1 Prozent der Menschen in Sierra Leone lesen und schreiben. Doch es soll sich etwas ändern. Die neue Regierung unter Präsident Julius Maada Bio (SLPP) hat einen Plan 2018-2020 ausgerufen, wonach nicht nur mehr Schüler*innen Zugang zu Bildung erhalten sollen, sondern auch die Qualität des Unterrichts besser werden soll.

Das tägliche Leben in Gbentu ist von Entbehrungen geprägt. Die etwa 4.000 Menschen leben von Subsistenzlandwirtschaft, pflanzen Erdnüsse, Maniok, Mais, Reis oder Süßkartoffeln an. Einige Familien besitzen Ziegen, Schafe, Hühner oder Kühe. Da die Ernte oft nur für die eigene Versorgung reicht, sind die Auslagen auf dem wöchentlichen Markt spärlich. Es gibt Zwiebeln, Chilis, getrockneten Fisch und halbreife Tomaten. In kleinen Geschäften lassen sich frisches Brot, Bananen, Bonbons und Getränke kaufen. Flaschen mit Saft sind für die meisten allerdings nicht erschwinglich. Die Regierung hat kürzlich die Subventionen für Benzin und Diesel aufgehoben. Kraftstoff kostet jetzt ein Drittel mehr. Der Transport sämtlicher Waren oder Lebensmittel werde immer teuer, klagt der Paramount Chief.

Wer den Akku seines Handys laden möchte, kann zum Kono Kiosk gehen. Er versorgt abends über einen Generator das halbe Dorf mit Strom. Taschenlampen funktionieren in der Regel mit Solarenergie. Seit sechs Jahren gibt es Telefonempfang und schwaches Internet im Dorf. „Das war meine erste Amtshandlung“, erzählt der Paramount Chief. Der 45-Jährige, der viele Jahre in Freetown lebte und für sein Amt zurück in sein Heimatdorf ging, vermisste die Möglichkeit, sich über das Weltgeschehen auf dem Laufenden zu halten.

Die Frauen

Die Stellung der Frauen in Gbentu ist traditionell. Sie kochen, waschen, kümmern sich um die Kinder oder arbeiten auf dem Feld. Frühe Hochzeiten und Schwangerschaften sind verbreitet. Bomba, eine junge Frau von 20 Jahren, hat ihr erstes Kind mit 16 Jahren bekommen. Ihr Mann Mohamed arbeitet auf der Grünhelme-Baustelle und sorgt so für ein gutes Einkommen für die vierköpfige Familie.

Die Regierung will frühe Schwangerschaften verhindern und setzt dabei auf Abschreckung. Mohamed S. Kamara, der Lehrer, ist vom Bildungsministerium als Multiplikator ausgewählt worden. Die Idee: Er soll jungen Männern einschärfen, keine sexuelle Beziehung zu einem Schulmädchen einzugehen. „Wer einem Mädchen ein Kind macht, kommt ins Gefängnis“, sagt Kamara. Schwangere Mädchen würden vom Unterricht ausgeschlossen.

Kamara und seine Frau Aminata leben ein Modell, das im Dorf für Gesprächsstoff sorgt. Er hat seine Frau aus Liebe geheiratet, gegen den Widerstand der Brautmutter. Kamara ist ein Mann, der seiner Frau beim Kochen und Waschen hilft. Sie konnte nur wenige Jahre zur Schule gehen. Deshalb hat der Lehrer die erwachsene Frau zurück in die Schule geholt. Aminata kann wieder zur Schule gehen und lernen. „Ich möchte Krankenschwester werden“, sagt die 26-Jährige und lächelt verlegen. Es kostet sie Überwindung, auf Englisch zu sprechen. „Habe ich das richtig gesagt?“, fragt sie ihren Mann. Der lobt: „Ja, sehr gut.“ Er sagt: „Es ist besser, wenn die Frau auch gebildet ist. Das erhöht die Chance, dass sie eine Arbeit hat und wir unsere künftigen Kinder gut ausbilden können.“

Die Gesundheitsversorgung

In der Gesundheitsstation des Dorfes begrüßt der Verfall. Ein Eimer fängt vom Dach tropfendes Regenwasser auf, der Putz bröckelt von den Wänden, vergilbte Plakate zeigen den menschlichen Körper.

„Wir brauchen dringend mehr Betten“, sagt Schwester Mary. Sie führt in einen Raum, der an eine Besenkammer erinnert. Eine Liege mit grauem Plastikbezug steht darin. „Das ist unser Geburtsraum“, sagt sie. 15 bis 20 Kinder kommen hier jeden Monat zur Welt. Ohne Strom. Ohne fließendes Wasser. Ohne Ultraschallgerät. Hat die Frau die Geburt überstanden, steht für sie ein paar Schritte weiter ein Krankenbett. Es ist das einzige. Wenn gerade ein Patient dort liegt, bleibt der Frau nichts anderes als die harte Liege.

Menschen aus 32 Dörfern kommen in die Krankenstation. Sie legen dafür Strecken von bis zu 25 Kilometern zurück, meist mit dem Motorrad, denn ein Auto besitzt fast niemand. Bluttransfusionen oder Operationen sind nur im drei Stunden entfernten Kabala möglich. Einen Krankenwagen gibt es nicht. Die häufigsten Erkrankungen sind Malaria, Durchfall und Infektionen nach Insektenstichen oder offenen Wunden.

In einer mit Solarstrom betriebenen Kühltruhe liegen Impfstoffe gegen Tuberkulose, Polio und Durchfall bei Kleinkindern. Auch Verhütungsmittel wie Kondome oder Hormonimplantate sind in der Krankenstation in einem Vertrauensraum erhältlich. Viele Frauen in Sierra Leone sind beschnitten. Das Thema ist allerdings ein Tabu, die Frauen reden ungern darüber.

Der Paramount Chief

Fenda Modu Kamara II. genießt höchsten Einfluss im Ort. Er ist moralische und rechtliche Instanz in einem. Wer Streit mit seiner Ehefrau hat oder sich mit dem Nachbarn um Landesgrenzen nicht einig wird, löst seinen Konflikt bei ihm und seinem Ältestenrat. Der Chief befragt die Beteiligten, sieht Dokumente an und hört Zeugen.

Die Funktion der Chiefs stammt noch aus der Kolonialzeit. Die Briten setzten mit ihrer Hilfe ihren Einfluss durch. Das Amt hat die Unabhängigkeit 1961 und die Demokratisierung überdauert. Der Paramount Chief äußert sich nicht parteipolitisch. Er trägt keine politischen Symbole. „Um Paramount Chief werden zu können, muss man aus einer königlichen Familie stammen“, erzählt Fenda Modu. Sieben Jahre ist der 45-Jährige mittlerweile im Amt. Der Jahrestag wurde mit einer großen Zeremonie gefeiert. Andere Paramount Chiefs reisten an, auch ein Minister aus Freetown. Stolz zeigt Fenda Modu Kamara die Bilder. Jede*r Dorfbewohner*in hat ihm ein Blatt aus dem Wald gebracht, auf das er gebettet wurde. „Mit dem Blatt haben sie gezeigt, dass sie unter meiner Führerschaft stehen“, sagt der Chief.

Die Hierarchie ist klar geregelt: Unter dem Paramount Chief stehen der Section Chief, der Town Chief, ein Youth Chairman für die jungen Leute im Dorf und die Mummy Queen, die Streitigkeiten der Frauen regelt. Erst wenn die unteren Ebenen keine Einigung finden, kommt die Angelegenheit zum Paramount Chief.

Der Paramount Chief hat uns Grünhelme mit offenen Armen in Gbentu empfangen und hilft bei sämtlichen Problemen. Seine Unterstützung ist sehr wichtig und unerlässlich für das Projekt. „Dass die Grünhelme ausgerechnet nach Gbentu gekommen sind, ist ein Traum“, sagt der Paramount Chief. Regelmäßig schaut er auf der Baustelle vorbei und macht dafür sogar eine Ausnahme: Er zieht das Grünhelme-Shirt an – obwohl grün die Farbe der politischen Partei „SLPP“ ist.

Wir Grünhelme sind sehr zufrieden mit der Art und Weise, wie wir im Dorf aufgenommen wurden. Die Menschen begegnen uns äußerst freundlich und suchen trotz der Sprachbarriere das Gespräch. Sie freuen sich auf die neue Schule und können es kaum abwarten, ihre Kinder dort zum Unterricht zu schicken. An den Community Days packen alle mit auf der Baustelle an. Vor allem die Kinder in Gbentu kennen kaum Scheu vor uns, den Neuen im Dorf. Sie toben und lachen zu sehen ist für uns eine tolle Motivation!