Das ist die ZUKUNFT
Die List der ökologischen Vernunft – Auch ohne Aschenregen?

Ich machte mich heute morgen (Sonntag, den 18.04.2010) für das tägliche Yogging fertig und hatte ein überwältigendes Natur und Atmosphäre-Gefühl: Der Himmel war blank gefegt von allen Kondensstreifen, mit denen er sonst durchschossen und verunstaltet wird. Kein Flugzeug weit und breit, kein Fluglärm. Unsere Kölner Zeitung schreibt: „Himmlische Ruhe dank Vulkan Asche. Die Bewohner der lärmgeplagten Siegburger Stadtteile atmen auf“: „Während viele Reisende am Köln Bonner Flughafen festsaßen, bekannte Jürgen Pees freimütig: ‚Ich wünsche niemandem Unglück. Aber ich habe endlich mal wieder ruhig geschlafen’.“ Sogar das Schlafzimmerfenster habe der in der vergangenen Nacht offengelassen (Kölner Stadt Anzeiger, 17./18.04.2010).

Die Nachrichten der Tagesschau und des Deutschlandfunks melden es unisono: Die Flughäfen in Deutschland bleiben auch noch geschlossen an diesem 18. April bis 20 Uhr. Und ob sie danach aufgehen und die Kondenzstreifen morgen wieder zu sehen und die Fluggeräusche wieder zu hören sind, ist auch noch fraglich. Der Vulkan in Island lehrt uns ökologische mores, Sitten. Er bringt uns zurecht. Das, was wir theoretisch immer schon für wahr hielten, wird uns jetzt von der isländischen Vulkanasche und dem Ausbruch des Vulkans eingebleut: Du sollst nicht immer und nicht so häufig fliegen.

Damit die Lehre und die Belehrung auch richtig sitzt, heißt es für diese Tage kategorisch: Du sollst überhaupt nicht fliegen. Und damit diese Lehre auch noch demokratischer und damit egalitärer rüberkommt, können auch Angela Merkel, Barak Obama, Nicolas Sarkozy, Barroso und tutti quanti nicht fliegen und die Flughäfen in Warschau, in Krakau und in Danzig mit ihren Flugzeugen ‚bevölkern’. Denn: rien ne va plus, nichts geht mehr im Flugverkehr. Island hat uns alle etwas gelehrt, was Island uns nicht lehren wollte. Das ist – mit Hegel gesagt, etwas abgewandelt – die List der ökologischen Vernunft: Du sollst besser nicht fliegen.

Schade, dass Carl Amery und dass der Herbert Gruhl nicht mehr leben: Sie würden an dieser Situation Ihr Gefallen und ihre bestätigende Erkenntnisfreude haben. Das, so sagte ich mir aufatmend ist die Zukunft. Wir sollten das als die ganz große Chance nehmen, bescheidener gegenüber der Natur zu werden und weniger arrogant gegen die Schöpfung.

Wir sollten auf das Fliegen verzichten und den Zustand auf den riesengroßen Flughäfen ab sofort als Freiluftmuseen einrichten: Museen über unsere Vergangenheit. So waren wir Menschen mal in der Zeit, in der wir sogar unter grünen ökologisch angehauchten Regierungen (Düsseldorf) die Zahl der Flughäfen (zumal in Nordrhein-Westfalen) sich verdoppeln sahen. Die Zahl der mit Flugzeugen zu leistenden Urlaube pro Bürger auf drei im Jahr zunahm, die heftigste und ausbeuterischste Wachstumsindustrie im Tourismus lag.

Warum sollten wir da nicht uns zurücknehmen und uns bescheidener machen. Und unsere Machbarkeitsarroganz hintenanstellen. Sollte das ein richtiges quälendes Opfer oder eine strahlende Entschleunigung werden? Sollten wir auf etwas wirklich verzichten dabei oder alles Mögliche gewinnen?

Die große humanitäre Ärztin und Nonne Dr. Ruth Pfau schreibt aus Pakistan in ihrem wunderbaren Altersvermächtnis: „Denen, die aus dem Westen ins Land kommen, kann ich nur raten: Wenn ihr langfristig nach Pakistan kommen wollt, dann reist mit dem Schiff und nicht mit dem Flugzeug. Ihr kommt sonst mit völlig falschen Voraussetzungen. Wer mit dem Flugzeug kommt, landet wie im Sturzflug mitten in einer völlig anderen Kultur, er kommt sozusagen in eine ganz andere Zeit hinein.“ (Ruth Pfau: Und hätte die Liebe nicht. 50 Jahre in Pakistan, Freiburg 2010, S. 50)

Sollten wir das nicht überlegen, ob das eine bessere und für uns alle verträglichere Existenz ist? Sollten wir nicht einfach die Flugzeuge abschaffen und uns nur noch in andere Kontinente im Schiff auf den Weg machen? Ich höre Sie alle sagen: das geht doch nicht. Aber warum? Werden wir in der Zeit der erneuerbaren Energien nicht sowieso gebieterisch und sanft auf diesen Weg gerufen werden?

Man muss auch mal ein Opfer bringen – so lautete der typisch theologische Satz. Was aber, wenn das gar kein Opfer ist, sondern ein Zugewinn an Lebenslust, an Naturlust, an Gemeinschaftslust, aber auch Einfühlsamkeit, an Miteinanderleben, weil der Ausweg in die Individualismus-Falle nicht mehr geht?

Die moderne Theologie hat sich da schon (ganz untheologisch) einen schönen Jux erlaubt, mit dem ich diese Betrachtung einfach fröhlich abschließen möchte: „Man muss auch auf ein Opfer verzichten können!!“ So ist es gemeint. Das Opfer so weit herunterbringen, dass es uns als solches nicht mehr erscheint. Sondern nur als Gewinn.

 

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