Das Prinzip Fayad
Zum Besuch des Chefs der palästinensischen Autonomiebehörde Salam Fayad in Berlin

Alle reden von Fayad, Salam Fayad. Das ist der Mann, der Schwung in den Palästina Politik Betrieb bringt. Früher war er Weltbankmanager, dann kam er zurück für die Weltbank nach Palästina. Er macht alles anders. Erstens gehört er nicht zum Establishment, weder zur Fatah, der uralten Honoratiorenpartei des Jassir Arafat, Mahmut Abbas und Abdallah Frangi. Noch weniger zur Hamas, die im Gaza ein ziemlich diktatorisches Regime aufgebaut hat. Er ist das, was die Palästinenser sich kaum vorstellen können: Ein Hoffnungsträger. Sie haben jetzt ein Wort für Hoffnungsträger: Das Wort heißt Fayad.

Er wirkt auch immer noch linkisch. Wenn er bei einer Schuleröffnung ein Kind hochhebt, wirkt das immer noch wie die Pflichtübung eines Weltbankfunktionärs. Bisher galt jemand wie Fayad als aussichtslos. Ohne Seilschaften, ohne Parteiennetz, ohne den doppelten Boden einer eigenen Miliz. Aber jetzt macht er alles anders.

  1. Keine symbolischen Aktionen, sondern Taten. Straßenbau will er sehen, oder die neue Stadt Rawabi inmitten von Palästina.
  2. Keine großen Reden, sondern Resultate. Mitarbeiter im Arbeitstab von Fayad berichten. Alle hören gebannt zu, weil er von Wirtschaft was versteht.
  3. Er will den Nationalstolz anfeuern. Aber dazu dürfen seine eigenen Landsleute nicht mehr in den israelischen Siedlungen arbeiten. Sie dürfen die Produkte der Siedlungen nicht kaufen, sie müssen sie boykottieren.

Die meisten deutschen Politiker wissen nicht, wie die Palästinenser leben: Sie donnern nur mal von Tel Aviv nach Ramallah hinein, mit Hubschrauber oder mit dem Auto auf der sog. „Apartheid-Autobahn“, 45 Minuten von Tel Aviv nach Ramallah. Auf dieser Autobahn darf aber kein Palästinenser fahren. Ich fuhr dieser Tage über zwei Stunden mit einem Minibus und 18 NIS Schekel pro Person den langen Umweg von Bethlehem nach Ramallah, weil wir weiträumig an allen eingezäunten israelischen Siedlungen vorbei fahren mussten. Die Kilometer-Entfernung von Bethlehem nach Ramallah lässt nach der Landkarte allein eine Fahrt von 20 Minuten zu.

Das bedeutet: je länger diese weiteren Wehrdörfer genannt „Siedlungen“ in der Westbank entstehen (mittlerweile fast 500.000 israelische Siedler), desto schwerer wird es, den zweiten Staat zu machen. Aber der Geist Fayad zieht überall ein. Die GRÜNHELME wollen mit dem jungen in Deutschland ausgebildeten Palästinenser Daoud Nassar eine Berufsschule aufbauen: „Nelson Mandela Vocational Centre“. Direkt auf dem Weinberg Daher (nicht weit von Bethlehem), der der Familie von Daoud Nassar gehört. Dort sollen zwei Werkstätten (für je 80 Auszubildende) gebaut werden, dazu ein Internat, eine Küche, eine Mensa und ein Lehrerwohnheim.

Dazu aber brauchen die Grünhelme und Daoud Nassar eine Baugenehmigung der Israelischen Besatzungsbehörde. In den „Siedlungen“ wird überall gebaut, nach meinem Augenschein. US-Präsident Obama hat den Baustopp nicht hingekriegt, den er bei seiner großen Kairo Rede versprochen hatte. Die Palästinenser müssen eine langwierige Genehmigungsprozedur hinter sich bringen, um in ihrem Land bauen zu dürfen. Diese Berufsschule soll mit der besten deutschen Schule verbunden sein, der von der Evangelischen Kirche unterhaltenen Schule Talitha Kumi in Beit Jala (Bei Bethlehem). Diese deutsche Auslandsschule soll das Dach für die Berufsschule auf dem Berg werden.

Bisher gibt es auf dem Berg Daher eine Begegnungsstätte für Jugendliche, Pilger, Schulklassen, genannt „Tent of Nations“ (Zelt der Nationen). Diese Begegnungsstätte bekam am 3. Februar 2010 eine Solaranlage von den Grünhelmen geschenkt, die dort für Strom sorgt. Anwesend bei der Eröffnung: der deutsche Abgeordnete von Münster Ruprecht Polenz (CDU). Das Motto dieser Begegnungsstätte steht am Eingang: „We refuse to be enemies!“. „Wir lehnen es ab Feinde zu sein!“

Aber es sieht gar nicht so schlecht aus. Die Bundeskanzlerin (immerhin nächst den USA die beste politische Freundin Israels) hat ihren Segen gegeben: „Die Begegnungsstätte ‚Tent of Nations’ ist in der Tat ein bemerkenswertes Projekt, dem ich für die in Zusammenarbeit mit der Talitha Kumi Schule geplante Einrichtung zur beruflichen Bildung Erfolg wünsche.“

Fährt man aus Ramallah heraus nach Norden kommt man nach neun Kilometern an den großen Bauplatz, wo die neue Stadt RAWABI für etwa 40.000 Menschen der palästinensischen Mittelschicht entstehen soll. Eine große mondäne Kulturhauptstadt neben der politischen in Ramallah. Die letzten Genehmigungen werden von Israel noch verzögert. Aber auch deshalb ist Fayad in Berlin, um Druck zu machen.

Israel muss sich entscheiden. Auf Dauer wird man die Palästinenser, zumal die unter der Führung von Salam Fayad, nicht hinhalten könnten. Entweder es gibt in diesem Jahr das Ende der Besatzung und den zweiten Staat Palästina. Oder es gibt in diesem oder nächsten den einen Staat Israel/Palästina. Etwas Drittes gibt es nicht. Der eine Staat wird dann aber keine jüdische Mehrheit haben, sondern eine arabische.

 

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