Das Regime hat noch mehr Waffen
An-Archie: Die Abwesenheit von Herrschaft im syrischen Azaz

11.01.2013Der einzige Satz, den ich immer wieder höre bei unserer Wiederankunft (Saru Murad, Jochen Knauf und ich) am 2.Januar 2013 im Hospital oder in den Schulen oder in den Geschäften, ist auf Englisch, arabisch, manchmal deutsch: „Wo ist Bernd? Where is Bernd?“ Man ist enttäuscht, dass wir drei da sind, aber nicht den Bernd mitgebracht haben. Bernd Blechschmidt hat hier ab 3. September bis 3. Dezember unterunterbrochen gearbeitet und sich dabei so beliebt gemacht, dass jeder gebieterisch-freundlich verlangt: Der Bernd muss noch mal wiederkommen!

Er hatte sich auf eine Ebene gebracht, gelebt wie die Kollegen im Hospital und in den Schulen, hatte jeden Tag fünf Worte arabisch gelernt, und war durch seine wunderbare Bescheidenheit und Tatkraft aufgefallen. Jedenfalls wird, wenn es demnächst ein neues Free-Syria gibt, Bernd Blechschmidt als Erstem eine Anerkennung des neuen Freien Demokratischen Syrien zukommen.

Es war an dem Tag, den wir den „Heiligen Abend“ nennen, 24.12.2012, als die Kinder in deutschen Städten und Landen den Nachmittagskrippengottesdienst besuchten. Da krachten drei Raketen in das National Hospital in Azaz, eines der stolzesten Institute medizinischer Versorgung in Syrien: 1987 wurde der Bau begonnen, 2007 fertig gestellt. Die Raketen zerstörten die Gebäude total und verletzten die sechs Dialyse-Patienten schwer, die sich dort gerade befunden hatten. Die Grünhelme hatten zugesagt, die Fensterrahmen und die Fenstergläser selbst zu rehabilitieren. Gott sei Dank wurden die Fenstergläser dabei mit einer Plastikfolie überzogen, so dass die Splitter nicht in alle Richtungen in die Räume flogen und noch größeres Unheil hätten anrichten können.

Diese Bombardierung hat den Ort zurückgeworfen, denn man hatte angenommen, dass es keine so schwere Bombardierung mehr geben könnte. Jetzt ist alles gelähmt, man schickt die Kinder nicht in die Schule, auch unsere beiden neu rehabilitierten Schulen stehe leer da, weil die Eltern verständlicherweise sich nicht trauen, ihre Kinder in Azaz auf die Schule zu schicken. Schließlich wurde das National Hospital sehr absichtlich beschossen.

In Azaz werden wir noch eine weitere Schule reparieren, aber dann wohl ganz aus Azaz verschwinden und unser Quartier in Tal Reffaat aufmachen. Dort sind wir beim Chef des Dorfes in einem Raum, der schon ein wenig Protokoll andeuten soll. Der Militärkommandeur lässt gleich nach dem Verwalter der Schulen rufen, der dann auch fünf Minuten später gleich da ist. Die erste Frage an uns: Ob wir etwas mit der Regierung in Damaskus zu tun gehabt hätten? Zu seiner Beruhigung können wir ihm versichern, dass wir weder irgendeine Beziehung dorthin gehabt haben noch die Absicht haben, jetzt eine aufzunehmen.

Das ist die letzte Phase des Krieges, hatte ich noch im November 2012 bei meinem letzten Besuch gedacht. Aber ich wurde eines anderen belehrt, das Regime von Baschar al Assad hat noch andere Waffen, die es in Anschlag bringt. Strom-Sperren, seit einem Monat gibt es in Aleppo nur noch Strom in den zu Assad loyalen Stadtteilen. In Azaz gibt es überhaupt keinen Strom mehr. Man braucht aber, wie uns der Elektrochef der Stadt versichert, 20 Megawatt, um die Bedürfnisse der Stadt und der Umgebung über Generatoren einigermaßen noch zu sichern.

Die Stromsperre trifft die Menschen sehr hart. Es sind Temperaturen von bis zu 3-4 Grad, die die Menschen frösteln lassen. Denn zusätzlich zu den unmenschlichen Bedingungen, ständig für seine Familien und Kinder neue Quartiere und Sicherheit aufzubieten, wo es keine mehr gibt, geht es jetzt auch an die physische Existenz. Der Treibstoff ist auf 2 Euro pro Liter gestiegen, also höher als in Deutschland.

Es herrscht An-Archie in Syrien, im griechischen Ursprung des Wortes: Abwesenheit von Herrschaft. Es gibt keinen Staat, der den Boden- und Luftverkehr regelt, es gibt keine Ministerien, die Standards einhalten, die Menschen sind so total um das Überleben bemüht, dass für sie keine andere Überlegung bleibt. So werden in dem Hospital Al-Mashfa Al-Ali, in dem die Grünhelme gewohnt haben, Waffen getragen, obwohl dieses in einem Hospital verboten ist. Es wird geraucht, wie ich das seit langem auf der Welt nicht mehr erlebt habe.

Aber ich verstehe die Menschen, sie sind hypernervös und das Rauchen ist etwas, mit dem man seine Nervosität bewältigen kann. Auch gibt es bei den Zigaretten noch die schöne arabische Großzügigkeit, dass man eine Runde Zigaretten schmeißt. Mehr kann man nicht anbieten.

Wir hatten uns am Sonntag – die zwei Ärzte und Pfleger des Hospitals und die drei Grünhelme – wieder zu zwölf Personen im Keller zum Schlafen in den einzigen Raum zurückgezogen, den man im Hospital noch warm kriegen kann. Da kamen auf dem TV-Schirm über Al Jazeera Auszüge aus der Opernhausrede des Noch Staatschefs Baschar al Assad mit den unwürdigen Claqueuren, die dafür bezahlt wurden, dass sie in die Oper kamen. Die Mediziner wandten sich auf ihren Matratzen mit Ekel und Abscheu ab, und drehten dem Staatschef den Ton und das Bild ab. Sie konnten es nicht mehr ertragen.

Ein Staatschef, der mittlerweile 60.000 Menschen auf dem Gewissen hat, der 500.000 als Flüchtende aus dem Lande gejagt hat, darf sich eigentlich im Lande sich nicht mehr blicken lassen.

Man muss sich immer daran zurückerinnern, dass es zu Anfang, am 15. März 2011, eine gewaltlose Demonstrationsbewegung vor allem jüngerer Leute war, die gegen das diktatorische Geheimdienst- und Einparteienregime des Präsidenten und der Dynastie der Assads auf die Straße ging. Das Regime ging mit der äußersten Brutalität gegen die eigene demonstrierende Bevölkerung vor. Erst mit der Zunahme von Deserteuren bildete sich – fast widerwillig – eine bewaffnete Opposition heraus, die „Freie Syrische Armee“.

Wir besuchen das Dorf Keljebeen, von dort sind es nur 40 km bis Aleppo. In Keljebin haben die Grünhelme die von Einschüssen lädierte Schule wieder zu einem Schmuckstück des Dorfes werden lassen. Wir werden in der Schule „Mohamed Ismail Mohamed“ (ein Gymnasium) überschwänglich begrüßt. Es sind hier 500 Jungen und Mädchen, die im Schichtunterricht regulären Schulunterricht haben mit 20 Lehrern. Es wird hier Arabisch, Französisch und Englisch gelehrt. Der Schuldirektor fragt uns ganz direkt, ob die Bundesregierung ihnen auch zwei Lehrer mal schicken könne, damit sie – schon aus Dankbarkeit gegen die Deutschen, in deren Auftrag die Grünhelme die Schule neu gemacht haben – auch Deutsch lernen können.

Wir ziehen eine Station weiter, nach Tal Reffaat, wo die drei Schulen alle Treffer und Volltreffer aufweisen. Auch dort soll jetzt eine Schule aufgebaut werden.

Was könnte die Bundesregierung tun? Ich wurde gefragt, ob Berlin oder die EU nicht das knapp werdende Mehl liefern könnten über die Türkei. Das Hauptnahrungsmittel der Syrer, ohne das ein ziviles Leben zusammenbricht, ist das Brot. In der Brotbäckerei von Azaz werden 72.0000 Brotpakete gebacken pro Tag. Dazu braucht man jetzt, wo es keinen Strom gibt, 7.000 Liter Diesel pro Woche. Der Generator ist in der Zeit der guten Beziehungen zur damaligen DDR geliefert worden von der VEB Starkstrom Anlagenbau Magdeburg. Die Bundesregierung könnte mit Mitteln des Auswärtigen Amtes Mehl nach Azaz, Aleppo und Tal Reffaat liefern für eine begrenzte Bevölkerung. Sie muss es aber jetzt machen, über die befreundete Türkei. Denn jetzt in den drei kalten Monaten bis März ist die Not am größten.

 

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