Das traurige Gesicht Europas
Zur aktuellen Situation am griechisch-mazedonischen Grenzübergang in Idomeni

29.03.2016_1Europas neue Außengrenze befindet sich mitten in Europa. Längst ist der griechisch-mazedonische Grenzübergang zum politischen Spielball Europas Mächtiger geworden – und das kleine griechische Örtchen Idomeni zum Sinnbild des Versagens dieses gern als so fortschrittlich beschriebenen Kontinents. Hier hocken sie nun, die Verliererinnen und Verlierer des gescheiterten humanistischen Anspruchs Europas.

Es sind bloß ein paar Felder, dazwischen Bahngleise, auf denen die Geflüchteten verharren. Der Dauerregen hat die Felder längst in eine große Schlammlandschaft verwandelt. Es gibt nur einen befestigten Weg, der sich durch die Wiesen schlängelt, auf dem sich die Menschen drängen, um die Füße vielleicht doch trocken zu behalten. Es gibt wenige große und beheizte Zelte – die meisten Geflüchteten müssen jedoch in kleinen minderwertigen Iglu-Zelten, dicht an dicht gereiht, dem Wetter trotzen. Die Nässe dringt von allen Seiten ein, notdürftig sind Kunststoffplanen über die Außenhäute der Zelte gelegt, sodass jeder weitere Regen zumindest nicht ins Innere eindringen kann. Einige wenige Böden sind mit Paletten ausgelegt, in den meisten jedoch bedecken lediglich Müllsäcke oder dünne Kunststoffplanen den Boden. Irgendwie soll die Bodenfeuchtigkeit aus den Zelten gehalten werden. Auch wenn sich der Dauerregen mittlerweile verzogen hat und immer häufiger die Sonne scheint, geht nachts die Temperatur bis auf den Gefrierpunkt runter. In Verbindung mit der permanenten Feuchtigkeit ist es kaum verwunderlich, dass allerorts im Camp gehustet und geschnauft wird.

All dies findet unter den Augen der europäischen Öffentlichkeit statt. Ein Übertragungswagen reiht sich an den nächsten. Scharen von Journalisten ziehen mit ihren Kameras und Mikrofonen durchs Camp. Doch nach Akteuren der Europäischen Union oder der griechischen Regierung sucht man vergebens. Von ihnen kommt keine Hilfe für die bis zu 15.000 Menschen. Stattdessen sind es Organisation und freiwillige Helfer aus ganz Europa, die sich um die Menschen kümmern und sie mit dem nötigsten versorgen: Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung. Sie scheren sich nicht um die absurde Frage, ob diese Menschen Europa legal betreten haben. Sie fragen, was die Geflüchteten brauchen, um zu überleben!

Wer den Blick etwas weitet, wird neben Idomeni noch zahlreiche weitere Camps finden. Sie stehen nicht so stark im Blickfeld des medialen Interesses. Es sind Tankstellen an Autobahnen, abgelegene Wiesen, alte Flugplätze. Manche werden von Organisationen versorgt, andere von der griechischen Regierung oder vom Militär. Häufig sind die Zustände noch schlechter als in Idomeni, weil die Kreativität und Hilfsbereitschaft der freiwilligen Helfer und Organisationen nicht bis hierher vordringt. Hier hocken die Vergessenen, die Geflüchteten ohne Stimme, ohne Öffentlichkeit.

Wir Grünhelme arbeiten nun seit drei Wochen an eben diesen Orten. Zunächst an einer Tankstelle nahe der Kleinstadt Polykastro, etwa 20 Kilometer südlich von Idomeni, und nun in einem Militärcamp in Cherso, im Nirgendwo zwischen Polykastro und Kilkis. An der Tankstelle haben wir die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) unterstützt und Unterstände für die Lebensmittelverteilung gebaut.

Das Miltärcamp, in dem wir nun arbeiten, ist ein unwirtlicher Ort. Es liegt am Rande des Dörfchens Cherso. 4.000 Geflüchtete treffen hier auf etwa 1.000 Griechen. Als wir vor gut zehn Tagen das erste Mal vor Ort waren, bot das Camp ein desaströses Bild: Eilig waren 600 kleine Zelte, mit je 15 Quadratmetern Grundfläche, auf die Wiese gestellt worden. Der Untergrund hatte sich durch den Regen in Matsch verwandelt, Kieswege gab es nicht. Bereits vier Wochen mussten die Menschen unter diesen Bedingungen aushalten. Mittlerweile verfügt das Camp über ein gewisse Infrastruktur: Kieswege wurden gezogen, Elektrizität verlegt und das Deutsche Rote Kreuz kümmert sich um die medizinische Versorgung – vor ein paar Tagen kam das erste Camp-Baby zur Welt.

Wir Grünhelme knüpfen an unsere Arbeit auf der Insel Lesbos an und ziehen stabile Holzböden in die Zelte, sodass die Bewohner auch bei Regenschauern im Trockenen sitzen können. Wir haben inmitten des Camps eine kleine Produktionsstätte errichtet und sind mit einem siebenköpfigen Team vor Ort. Jeden Tag werden nun dreißig Zelte mit Böden ausgestattet. Zugleich leben wir selbst im Camp, schlafen in unserem Produktionszelt, nutzen die gleichen Toiletten und Duschen wie die Geflüchteten.

Die Bewohner dieses Camps sind ausnahmslos Menschen aus Syrien und dem Irak, es sind Kurden und Araber, Sunniten, Schiiten und Jesiden – darunter viele Familien. Die meisten von ihnen wurden nach ihrer Ankunft auf einer der griechischen Inseln und der Überfahrt nach Athen, direkt in dieses Lager gebracht. Nur wenige haben die verschlossen Grenze bislang zu Gesicht bekommen.

In den kleinen Zelten finden bis zu zehn Personen Platz, meist sind es Familien oder Freundesgruppen. Abends werden vor den Zelten kleine Feuer entfacht, um sich vor den kalten Nächten aufzuwärmen, um Duschwasser zu erhitzen oder um darüber zu kochen. Da ist zum Beispiel die Familie von Daniel, Benjamin und Elias, die aus Basra im Süden des Irak stammen. Daniel spricht ein wenig Englisch und unterstützt uns bei der Kommunikation mit den anderen Campbewohnern. Manchmal bringen sie Obst und Brot und drücken so ihre Wertschätzung aus. Und da ist Bilal, ein junger Kerl aus Damaskus, den wir an der Kappsäge angelernt haben und der nun die Zuschnitte für die Unterkonstruktion unserer Böden macht. Er ist mit fünf gleichaltrigen Freunden aus dem Bombenhagel von Damaskus geflüchtet. Seine Familie ist noch immer dort.

Auch Zaid haben wir kennengelernt. Zaid ist mit seinem Freund aus dem Shingal-Gebirge geflohen, kurz bevor der selbsternannte Islamische Staat es überrannte. Als im Camp ein Streit zwischen kurdischen und arabischen Muslimen ausbrach, brach er in Tränen aus und sagte, dass er genau vor einer solchen Gewalt geflohen sei. Auch Haji, Fawaz und Hamid haben wir hier kennengelernt, die aus einem Nachbardorf von Kani Sherin stammen, in dem wir, nach der Vertreibung des Islamischen Staates begonnen haben, eine Schule wieder aufzubauen. Eines Abends luden sie uns an ihre Feuertonne ein und hatten ein Mahl aus Reis und Gemüse vorbereitet.

Immer wieder werden wir gefragt, wann die Grenze geöffnet wird, welche Möglichkeiten es gibt, um doch noch nach Deutschland oder Schweden zu kommen. Und es gibt kleinere Protestaktionen: Die Menschen laufen in Zügen durchs Lager und rufen nach einer Öffnung der Grenzen, nach einer menschlichen Behandlung oder nach Angela Merkel. Doch sie werden nicht gehört. Weder von der griechischen Regierung, noch vom Rest Europas.

Die Kinder des Camps sind diejenigen, die am stärksten unter den Zuständen zu leiden haben. Aber zugleich sind sie es auch, die dem Camp die Lebendigkeit erhalten. Morgens stehen einige von ihnen durchgefroren an unserem Produktionszelt, begierig irgendwie helfen zu können. Dann spielen sie mit Holzabschnitten, bauen Türme, Schwerter oder sogar kleine Tische. Manchmal könnte man dem Eindruck erliegen, es sei für sie ein großes Abenteuer. Doch dann hört man sie wieder husten, sieht ihre Nasen laufen und fühlt ihre durchgefrorenen Hände. Ihre kleinen Körper sind den Strapazen nicht gewachsen.

Das Zusammenleben der verschieden Ethnien und Religion ist nicht immer konfliktfrei, zumal im syrischen Bürgerkrieg die Fronten mitunter entlang dieser Linien verlaufen. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass die Frustration bei vielen Geflüchteten von Tag zu Tag zunimmt. Sie haben nicht ihr eigenes und das Leben ihrer Familie riskiert, um nun eingepfercht im Schlamm zu sitzen. Bei vielen mischt sich die Frustration mit Resignation und Traurigkeit. Ihre Zuversicht und ihr Mut, mit der sie bereit waren das Martyrium der Flucht zu ertragen, nimmt immer weiter ab, doch ihre Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit und mit der Möglichkeit die eigene Familie ernähren zu können, haben sich noch nicht gänzlich verloren.

Für unsere Arbeit vor Ort suchen wir dringend Bauhandwerker, in erster Linie Zimmermänner, Tischler und Schreiner. Je nach handwerklicher Eignung und Absprache sind auch Kurzeinsätze möglich. Jetzt online bewerben!

 

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