Das Vietnam unserer Tage ist SYRIEN
BITTE um eine QUOTE für 10.000 Syrische Bürgerkriegsflüchtlinge

Das Vietnam unserer Tage ist Syrien. Dort ist eine ganze Bevölkerung in einer kollektiven Notlage. Die meisten können gar nicht heraus aus dem Land, aus dem schon an die 300.000 Flüchtlinge über die Grenzen in die Nachbarländer geflohen sind. Im Lande irren mindestens 300-500.000 Menschen herum, die den brutalen Luftangriffen von Assads Luftwaffe und den Bodenkämpfen in Aleppo und in Damaskus, in Homs und Hama entflohen sind.

Einzelne können über eine Grenze kommen, sie haben deutsche Angehörige, die für sie auch sorgen würden. Aber sie müssen sich in Amman oder Ankara oder Beirut in die unendliche Schlange vor der Deutschen Botschaft stellen und dann sagt ihnen ein Sachbeamter der Konsularabteilung: Die Bearbeitung Ihrer Unterlagen wird zwei Wochen beanspruchen! Kommen Sie dann wieder…! Dann spätestens kann ein Mensch verrückt werden, der sich schon gerettet glaubte.

Hier einer unter zig-Fällen, die mir zugesandt oder am Telefon erzählt werden, seit man weiß, dass die Grünhelme e.V. in einem Teil Syriens, in Azaz arbeiten, in Hospitälern und bei der Reparatur von kaputt geschossenen Schulen. In Rheine/Münsterland gibt es den Janusz Korczak Kindergarten. Dem Gründernamen entsprechend geht es dort sehr freundlich und menschlich zu. In diesem Kindergarten arbeitet Aishana, eine syrische Frau mit vier eigenen Kindern. Mir wird berichtet, dass diese Frau von allen geliebt und geachtet wird. Seit zwei Wochen ist sie in Tränen aufgelöst, weil bei dem Untergang eines Flüchtlingsbootes vor der türkischen Küste Aishana einen Großteil ihrer eigenen Familie verloren hat. Die Familie des Bruders von Aishana ist bis auf einen 16jährigen Sohn dabei ums Leben gekommen. Eine Cousine mit einem drei Monate alten Baby hat den Schiffsuntergang auch nicht überlebt.

Insgesamt verlor die deutsche Bürgerin Aishana 10 Familienmitglieder bei diesem Unglück. Die Frau und Kindergärtnerin hat schon zu Beginn des Krieges März 2011 einen kleinen Sohn ihres Bruders zu sich nach Deutschland geholt. Dieser kleine Junge weiß noch gar nicht, dass seine Eltern und Geschwister bis auf einen Bruder gestorben sind.

Aishana hat trotz der Lebensgefahr nicht gezögert, sofort noch mal nach Syrien zu reisen, um zu versuchen, den überlebenden Neffen aus Syrien nach Deutschland zu holen. Bisher ohne Chance. Wie soll er hier herein kommen?

Zweiter Fall:

Ein Aachener Deutscher „mit syrischem Hintergrund“, der uns sehr geholfen hat, das erste Projekt von deutschen Humanitären in der befreiten Stadt Azaz aufzurichten, will seine Schwester nach Deutschland holen. Durch die Einladung und die Verpflichtungserklärung, dass er für eine gewisse Zeit für alles aufkommen wird, konnte sie unter großer Gefahr die Grenze nach Jordanien überwinden und ein Visum bei der deutschen Botschaft in Amman beantragen. Der Antrag wurde abgelehnt – mit der Begründung – bei der man sich angesichts der „Tagesschau“ und „heute“- Bilder vom Abend an den Kopf fasst: Weil „kein ausreichender Nachweis zur Rückkehr nach Syrien vorliegt“. Diese Schwester des Aachener Bürgers ist somit in Jordanien. Nach Syrien kann sie unter den jetzigen Verhältnissen nicht zurück, unabhängig davon, dass sie das auch nicht will. Dieser Syrierin wurde aber gnädig in Amman bei dem deutschen Konsulat gesagt: Sie habe „das Recht auf Widerspruch innerhalb von vier Wochen!“. Da kann ich nur sagen: Bravo, deutsche Diplomatie und deutsche Außenpolitik.

Nein, es wird dringlich Zeit, eine Quote zu machen für solche Fälle, für die die beiden in diesem Artikel erwähnten nur der Fingerzeig sind. Die Bundesregierung sollte bei den Innenministern der Bundesländer Quoten für Kriegsflüchtlinge aus SYRIEN beantragen, zumindest für diejenigen, die hier einen oder mehrere Angehörige haben, die in der Regel ja schon unsere wertvollen Mitbürger sind. Immerhin höre ich, dass es viertausend syrische Ärzte in Deutschland geben soll. Wenn das nicht ein wertvoller Beitrag ist, den Mitbürger syrischer Herkunft schon geleistet haben!

Ich erbitte auf jeden Fall eine Quote für 10.000 Syrer, die zu uns kommen und von ihren Angehörigen betreut und aufgenommen werden können – jedenfalls für die erste Zeit. Man kann wie ein Krämer auch sagen 5.000 – aber ich möchte gern, dass die Tradition der Bundesrepublik Deutschland aufrechterhalten wird: Nämlich ihre Großzügigkeit. Die 11340 vietnamesischen Bootsflüchtlinge wurden auch alle in einem Kontingent aufgenommen und mussten sich nicht mehr bemühen. Ähnlich sollten wir jetzt syrische Menschen auszeichnen, die so Entsetzliches in einem Krieg durchgemacht haben und durchmachen, den wir nicht stoppen können. Und dass die westliche oder UNO-Politik ihn nicht stoppen kann, sagt uns unser Außenminister jeden Abend in wohlgesetzten Worten.

Rupert Neudeck, Der übermorgen wieder nach Azaz fliegt, um dort die Arbeit der Grünhelme e.V. zu verstärken.

 

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