Der einzige Staat mit Koexistenz für alle Religionen ist noch keiner
Impressionen und Erfahrungen aus dem nordirakischen KURDISTAN

Kurdistan im Nordirak ächzt unter den Belastungen der Terror- und Kriegssituation in den benachbarten Staaten Irak und Syrien. Der neue Staat, der es de facto mehr ist als de jure, hält sich tapfer an seine Verpflichtungen und ist stolz auf seine einzigartige Koexistenz: Menschen aller Religionen des Nahen Ostens wurden hierhin vertrieben und dürfen hier ihren Gottesdienst feiern und ihre Kirchenführer unterbringen. Was wir Westler so leicht unterschätzen: Für die Masse der nach Kurdistan über Nacht hineinkommenden Flüchtlinge ist ihre Religion und sind ihre Gebete sehr wichtig, wesentlich möchte man sagen, um den Unterschied zudem zivilen Leben in unseren Ländern auszudrücken.

Ich hielt mich einige Tage in Erbil und in der westlichen Provinz Dohouk auf, die als Teil vom Nordirak die meisten Flüchtlinge akzeptieren musste. Aber auch in den anderen beiden Regionen, also Erbil und Sulaimaniah gibt es Flüchtlinge. Und zwar hat der kurdische Staat nirgendwo ausgewählt. Es sind arabische und in der Hauptmasse kurdische Flüchtlinge, es sind schiitische, jezidische, christliche, sunnitische Kurden, die hier alle aufgenommen wurden. Eine Bevölkerung von Kurdistan von 5,3 Millionen Menschen hat eine Zahl von jetzt knapp zwei Millionen Menschen aus den Gebieten des Irak und Syriens aufgenommen. Klaglos.

Sie wollten sich nur erst einmal in Sicherheit bringen. Ich bin froh, dass meine Bundesregierung ganz schnell diese Waffen dorthin gegeben hat, denn dadurch ist der Vormarsch einer der bislang düstersten Terroristenheere der Welt von Kurdistan abgehalten worden. Die Führer der kurdischen Seite, auch ein General der Peschmergas, den wir trafen, hat uns gesagt, dass das ohne die deutschen Waffen nicht möglich gewesen wäre. Denn die Peschmergsas sind jetzt einen Schritt voran gegangen. Sie haben die deutschen Milanraketen so gesetzt, dass in Mossul der IS Bescheid weiß. Drei Grünhelme haben einen Besuch in Sindjar geschafft, um zu erkunden, wie viele von den Kurden dort noch in den Bergen aushalten. Es sind tausende, die dort in der Kälte es ausharren. Deshalb haben die Grünhelme gleich einen ersten Transport für über 20.000 USD mit Decken und Matratzen organisiert, damit die Familien und Menschen dort nicht erfrieren. Die Schweizer Organisation „Arameic Relief“ hat sich uns darauf hin angeschlossen und für 15.000 USD Lebensmittel geliefert.

Die einzige gute Nachricht, die ich aus der Region bringen kann: Die ganz große Kälte und der Schnee sind vorbei, wir hatten in den Lagern um Dohouk und Zackho strahlende Sonne und Temperaturen von tagsüber 17 Grad. Gott sei Dank für die Menschen. Es ist ganz viel geschehen. Ich ging durch ein ganz großes Flüchtlingslager in Khanke für 3200 Familien. Danach kamen wir durch vier kleinere Flüchtlingsagglomerationen in der Nähe der dörflichen Bevölkerung. Die materielle Versorgung ist in einem großen Gewaltakt zwischen den UNO-Behörden und der kurdisch-irakischen Regierung gesichert. Viele kleinere Organisationen haben dabei auch mitgewirkt. Vor Ort sind die Caritas, aber auch die deutsche Welthungerhilfe, das Diakonische Werk.

In dem großen Lager in Khanke trafen wir auf verzweifelte Menschen, die uns ihr Leid klagten. Sie leben jetzt in einem generalstabsmäßig angeordneten Lager, sie bekommen die notwendigen Kalorien um zu überleben, sie haben Toiletten und sanitäre Anlagen und Duschen. Aber es fehlt Ihnen etwas Entscheidendes: Sie haben keine Möglichkeit, jemanden anzusprechen. Es gibt kein Zentrum im Lager, in dem diese sehr gläubigen Menschen beten und ihre Versammlungen abhalten können. Wir haben mit dem Bürgermeister von Erbil gesprochen und gebeten, dass die Grünhelme und die Kurdische Gemeinde in Deutschland dafür sorgen, dass in jedem großen Lager – auch in einem geheizten Zelt – unter gleichen Bedingungen wie für die Flüchtlinge ein Zentrum entsteht. Dort sollte jeden Morgen um 8.30 Uhr eine Wandzeitung aufgehängt werden, in der den Flüchtlingen auf Kurdisch die Fortschritte der Peschmerga im Kampf gegen die ISIS berichtet werden. Aber z.B. auch über die Erkundungen der Grünhelme bei ihren Fahrten nach Sindjar sowie über den kommenden Besuch eines deutschen Politikers und/oder eines deutschen Bischofs sollte berichtet werden. Dieses Zentrum wird am Vormittag eine Informationsstunde mit den Ältesten des Lagers durchführen.

Die Phantasie westlicher Organisationen und der UNO reicht nicht aus sich vorzustellen, dass der Mensch und der Kurde nicht vom Brot allein lebt, sondern auch von der Hoffnung. Eine Zuversicht, die ihm dadurch gegeben wird, dass ihm berichtet wird, dass da eine erste Lieferungen mit gekauften Hilfsgütern in seine Heimatregion gegangen ist, das Massud Barzani sich an der Front befindet und dass die Peschmergas dabei sind, sich auf weitere Geländegewinne in der Heimatregion der Flüchtlinge zu kaprizieren.

Der kurdische Staat wartet weiter auf die Einlösung der Verpflichtungen aus der irakischen Zentralregierung in Bagdad. Seit Monaten kommt von dort kein Geld, als ob man die Unabhängigkeit von Bagdad bei den Kurden geradezu befördern wollte. Viel Infrastruktutr liegt brach, so z.B. die Autobahn zwischen Erbil und Dohouk oder der Flughafen von Zackho. Der Staat hat wirklich viel getan, aber er hat wenig Erfahrung. Viele der geflüchteten Bauern aus dem Sindjar-Gebiet würden gewiß gern auch gleich als kleine Landwirte beim Aufbau der kurdischen Landwirtschaft helfen, wenn man sie einfach ansiedeln würde. Durch die Zerstörung von hunderten von Dörfern durch den damaligen Saddam Hussein ist die Landwirtschaft Kurdistans immer noch unterentwickelt.

Eine zweite gute Nachricht aus Kurdistan. Die gemeinsame Aktion von Bundesregierung und NGOs hat den Kurden das Gefühl gegeben, dass sie bei diesem Kampf nicht noch einmal verraten und verloren sind, sondern dass sie in uns Deutschen einen Partner haben. Die Kurden sind ein betrogenes verspätetes Volk. Ihnen wurde 1920 im Friedensvertrag von Sevres ein eigener ständiger Staat versprochen, den es bis heute nicht gibt. Auch beim Einmarsch im Irak wegen der Einverleibung Kuwaits geschah nichts für die Kurden. Die UNO Resolution 688 von 1991 legte dann den Grundstein für die drei Kurdenprovinzen Dohouk, Erbil und Sulaimanya. Seit dem Sturz Saddam Husseins im April 2003 bauten die Kurden ihre Zone beständig aus, verzichteten auch auf die üblichen inneren Rivalitäten, die zuvor ja manchmal in Kämpfen der rivalisierenden Peschmerga-Gruppen endeten.

Drei Tage nach dem dramatischen Fall Mossuls in die Hände der Terrorbande IS nahmen die Peschmergas am 12. Juni 2014 Kirkuk ein. Kirkuk gilt den Kurden als „Herz Kurdistans“. Die Peschmerga rückten in die Stadt ein, die von der irakischen Armee in wilder Flucht verlassen wurde. Bei der Gründung des Staates wurde in Artikel 140 der irakischen Verfassung ein Referendum über den Verbleib von Kirkuk versprochen. Dieses Referendum hat es bis heute nicht gegeben. Massud Barzani will dieses Referendum jetzt bald durchführen. Gleichzeitig wurde bekannt, dass es nun eine Verbindung der Ölfelder von Kirkuk über die Türkei in den Verladehafen Ceyhan gibt. Die irakische Verfassung sah vor, dass die Kurdische Entität von den Gas und Öleinnahmen des Irak 17 Prozent überwiesen bekommt. Überwiesen wurden zum Schluss nur noch 11 Prozent, sodass sich die Kurden im Recht fühlen, auf eigene Rechnung Öl auszuführen, um von Bagdad finanziell unabhängig zu werden.

Wir brauchen bei dieser Arbeit die deutschen Kurden. Ohne die (jetzt) zwei kurdischen Frauen aus Deutschland, die uns übersetzen, würden die Grünhelme die Arbeit nicht machen können. Wir brauchen noch viel mehr erfahrene und ausgebildete junge und ältere deutsche Kurden, die diese Zentren und Versammlungszentren in den großen Lagern mit organisieren und die bereit sind in Zelten und Containern inmitten dieser Lager zu wohnen. Das entscheidende nach der Phase der materiellen Sicherstellung der Lager ist jetzt, dass die Flüchtlinge etwas für ihr Herz, ihre Seele bekommen. Sie brauchen Informationen, sie brauchen die Zuversicht der Geberländer und Europas, dass sie wieder zurückkehren werden, wenn nicht in Wochen dann in Monaten.

Solche Nachrichten sind Nahrung für die Seele der Flüchtlinge. Wir sollten ihnen diese Nahrung schenken.

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