Der Kampf gegen die „globale Pyromanie“ geht weiter
Lotta continua: Zu dem Vermächtnis von Hermann Scheer, Kurator der Grünhelme

Hermann Scheer hat an diesem letzten Buch bis zum Schluss gearbeitet. Es wirkt wie sein Vermächtnis. Als ich erfuhr, dass die Gorleben Protestierer im Wald still gestanden sind mehrere Minuten, um ihrem Vorbild und Vorreiter Hermann Scheer zu gedenken, wusste ich: Wir sollen dieses Erbe als Grünhelme weitertragen.

Hermann Scheer beschreibt die „globale Pyromanie“: Die Erde, unsere Mutter Erde, wie wir das begütigend nennen, wird weiter maltraitiert. Es wird nicht akzeptiert, dass wir mit dem Herausholen der fossilen Energie an ein Ende kommen, sondern es wird ganz viel Geld für die Abscheidung von CO2 in Kohlekraftwerken hineingesteckt: „Milliardenschwere Subventionen“. Gefördert werden sogenannten CCS-Kraftwerke, um das CO2 anschließend in Erdlager zu pressen. In der kanadischen Provinz Alberta graben gigantische Bagger Teersände in einem dafür vorgesehenen Fördergebiet von 20.000 qkm aus, um daraus fossile Kraftstoffe zu produzieren. Scheer: „Mit erschreckenden Eingriffen in den natürlichen Wasserhaushalt, weil für die Produktion von einem Liter Erdöl 20 l Wasser gebraucht werden“. In West-Virginia, der großen US-Kohleregion, werden ganze Berge weggesprengt, um mit immer größeren Baggern noch mehr Kohle zu fördern. Wie katastrophal das Tiefenbohren auf den Ozeanböden sich anlässt, haben wir alle im Golf von Mexiko jüngst erfahren können.

Zwar sei die erneuerbare Energie auf dem Vormarsch, auch und gerade im Bewusstsein der Mehrheit der Bevölkerung. Sie sei populär geworden. Aber die Prioritäten sind immer noch andere. Weltweit werde immer noch deutlich mehr in konventionelle Energien investiert, 2009 war es das Vierfache als in erneuerbare.

Überall werden neue Atomkraftwerke geplant. Die Internationale Energieagentur (IEA) fordert bis 2050 den Bau von jährlich (!) 32 neuen Atomkraftwerken. Das – so Hermann Scheer – würde bedeuten, dass alle elf Tage ein neues hinzukäme. Die „globale Pyromanie“ hat noch lange nicht aufgehört. „Drill, drill, drill“ sei die vom „big oil“ intonierte Parole des Krieges gegen die Umwelt, eine Parole, die selbst während der Bohrkatastrophe im Golf von Mexiko nicht verstummte.

Das Buch ist ein glänzend geschriebenes Vermächtnis unseres Grünhelme-Freundes Hermann Scheer. Das schöne Wortspiel im Titel der Buches „Energie-Ethik“, also Energethische Imperativ“ wird in allen sechs großen Kapiteln durchgehalten. Im zweiten Teil entwickelt er so etwas wie ein Regierungsprogramm, das er nicht mehr durchführen durfte. Auch seine Partei holte Hermann Scheer nicht auf die Barrikaden. Hat sie ihn denn damals bei der großen Koalition mit dem Posten bedacht, für den er ja als einziger im Bundestag in Frage kam?

Auch die CDU ist seinerzeit mit Herbert Gruhl, dem ersten Pionier des Kampfes gegen die Umweltzerstörung ähnlich umgegangen. Ein Prophet gilt nichts in seiner eigenen Partei.
Er widmet sich der unmöglichen Frage, wie wir die Atomenergie in den Griff durch Abschaltung und Abschaffung bekommen. Wir seien immer noch in der Hybridphase – das in Analogie zum Hybridauto, das mit zwei Motoren für zwei unterschiedliche Energien ausgestattet ist. Die konventionellen Energiegiganten halten die Trumpfkarte des eingespielten Systems und erlauben nur ganz langsamen Energiewechsel. Die „Trumpfkarte der erneuerbaren Energien: Dass sie tendenziell unabhängig vom konventionellen Energiesystem genutzt werden können“.

Ganz gefährlich sei das Beharren auf der Atomkraft. Scheer weist nach, wie die fünf Atomwaffen-Monopolisten-Länder einfach vergessen haben, dass sie die Atomwaffen abrüsten wollten. Die Sünder sind nicht nur die USA und Russland, sondern auch die EU-Mitglieder Frankreich und Großbritannien, die auf diesem Weltmacht-Räppelchen beharren. Scheer: „Die internationalen Aktionen gegen den Iran wegen dessen Atomwaffenplänen sind ohne moralische Autorität, solange die Atommächte selbst an Atomwaffen festhalten“. Niedlich wie Hermann Scheer von „fünf offiziellen Atommächten“ und einer „inoffiziellen Atommacht“ Israel schreibt. Was das wohl ist, eine inoffizielle Atommacht?

Zivilisationsethisch sei es undiskutabel, den Atommüll unter die Erde zu verfrachten, wo er auf Dauer nicht sicher gelagert werden kann. Scheer: Ihn unter die Erde zu bringen, heiße nur, ihn „aus den Augen, aus dem Sinn“ zu bringen, bis seine Radioaktivität die Menschen ereilt sie vor unlösbare Probleme stellt.

Die alte Bismarck Definition von der Politik als „Kunst des Möglichen“ dreht Hermann Scheer um. Heute könne Politik nur noch als die „Kunst des Notwendigen“ gedacht und betrieben werden.

Für ihn selbst gilt das Wort, das er in diesem Buch an einer Stelle von Mahatma Gandhi zitiert. Es sollte auch für die Grünhelme gelten: „First they ignore You, then they laugh at You, then they fight You, then You win!“ Hermann Scheer: Der Energetische Imperativ. 100% JETZT: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist.

Antje Kunstmann Verlag München 2010 271 Seiten

 

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