Die Kurden allein sind mit den Flüchtlingen überfordert

SAMSUNG CSC Es war eine Reise in meine eigene Vergangenheit. Kurdistan hatten wir kennengelernt, als es noch nicht Kurdistan war, als Saddam Hussein die Kurden noch am langen Arm seiner Diktatur verhungern ließ. 1991 wurden die Kurden von Saddam Hussein zu Hunderttausenden in die kalten Berggebiete von Sirnak und Hakkari hinein gejagt Es war ein massives Bild des Elends, das wir damals antrafen. Aber wir erlebten auch Solidarität, es waren Kurden in Sirnak, die für die Flüchtlinge alles taten.

Die Weltgemeinschaft tat damals etwas sehr Wichtiges, was heute auch zu beherzigen wäre: Sie verfügte die Rückkehr dieser Kurden in ihre Heimatgebiete im Nord-Irak unter bewaffneter Begleitung von UN-Blauhelmen. Auch jetzt wäre angesagt etwas Ähnliches zu beschließen, damit sowohl die 1,5 Mio Iraker, die in die nordirakische Kurden-Entität geflohen als auch die mehr als fünf Millionen Syrer wieder in ihre angestammten Gebiete, Häuser, Höfe zurückkehren können.

Jetzt traf ich auf ‚unserem‘ Grünhelme Berg Tom Moeller und Isabelle Schriever, die sich beide in der Nachfolge von Martin Mikat und Max Werlein und Simon Bethlehem sich daran gemacht hatten für eine große Zahl von verjagten irakischen Kurden Zelte aufzuschlagen und die sanitären Einrichtungen herzustellen. Es war schön, die vier Grünhelme mitten im Camp zu erleben – für die Flüchtlinge ist das die beste Versicherung um bis zu ihrer Rückkehr an diesem Platz in Sicherheit zu sein. Vorbeifahrende Helfer sind nicht mal die Hälfte wert. Alle Flüchtlinge sind total traumatisiert. Man sieht den Menschen in dem Lager Dallal /Zakho an, dass sie total am Ende sind. Sie lebten in einer traditionellen Gesellschaft, in der die Rollen klar verteilt waren. Die Männer hatten z.B. für den Schutz und das Überleben zu sorgen. Jetzt müssen sie hier in Zakho zusammen mit allen anderen in einem Zelt leben.

Sie müssen notdürftig gebaute Toiletten benutzen, die die Grünhelme für sie angelegt haben. Die Provinz Dohuk hat 1,5 Mio Einwohner, muss jetzt aber 700.000 Flüchtlinge aus den benachbarten Regionen aufnehmen. Zusätzlich kommen jetzt auch noch Flüchtlinge aus Kobane –schon über 6000 in den ersten Oktobertagen. Sie haben kurzfristig den Weg über die Türkei genommen haben, weil sie ihre Versorgung nicht mehr den Türken anvertrauen können. Sie gehen lieber zu ihren Brüdern und Schwestern, Kurden in dem nordirakischen Kurdistan. Insgesamt hat der Ministaat bei einer Bevölkerung von 4,5 Mio bereits 1,5 Mio Menschen aufgenommen. Für Deutschland würde das bedeuten, wir nähmen 28 Mio Menschen in unser Land auf – und das auf einem Schlag.

Es gab viele Reibereien um dieses Camp, das nicht vom ‚zuständigen‘ UNHCR, dem Flüchtlingskommissar der UNO eingerichtet wurde. Aber wir konnten uns davon überzeugen, dass die beiden Größtlager, die fast industriell durch einen Kontraktor in die nordirakische Wüste verlegt wurden, nicht ausreichen werden, um alle Flüchtlingsfamilien aufzunehmen. Deshalb wollten wir uns um die etwas kleineren Lager kümmern, die auch noch einen Kontakt zu den Menschen der Zivilbevölkerung von Kurdistan haben. Ich konnte selbst sehen, wie viel sicherer sich die Menschen inmitten von Zakho und den vier Grünhelmen auf dem Berg Dallal fühlen. Als Isabelle und Tom die Toiletten-Vorhang zwischen den Frauen und den Männer Toiletten am Rande des Lagers einrichteten, gaben ihnen die Zeltbewohner zum Dank selbstgebackenes Brot und ein Mittagessen. Sie hatten mitbekommen, dass wir „Allemani“ sind, und hier ehrenamtlich arbeiten – nur darauf bedacht, es den Menschen in dieser tragischen Phase Ihres Lebens weniger beschwerlich zu machen. Schön zu sehen, dass einzelne der Flüchtlinge zu uns auf den kleinen Platz vor dem Container kommen, um etwas zu fragen. Auch kurdische Frauen kommen zu unserer Isabelle. Die Menschen kommen aber auch, um ihren Akku aufzuladen, denn das wahrscheinlich beste Schutzmittel eines Flüchtlings in dieser digital globalisierten Welt ist sein Mobiltelefon. Ich konnte sehen, wie dringend wir auch einen deutsch-kurdischen freiwilligen Grünhelme mit dabei haben müssen, oder auch zwei.

In dem Lager müsste ein Riesen- Transparent hängen und von allen gesehen werden: „Auf Wiedersehen in Sinjar“ sollte darauf stehen und es müsste in ihrer Sprache, in Kurdisch, verfasst sein. Und das würden sie am Morgen, wenn sie unausgeschlafen aus ihren Zelten zu den gemeinsamen Waschräumen und Toiletten wanken, als erstes sehen. Und die Helfer aller internationalen Organisationen müssten bei den Flüchtlingen im Lager leben.

Die kurdisch-irakische Gesellschaft hat sich hier sehr verändert. Es ist so viel gebaut worden, dass sich die Gegend, die ich aus der Zeit der Vertreibung der Kurden durch Saddam Hussein von 1991/ 1992 nicht mehr wiedererkenne – sowohl von der türkischen als auch von der kurdischen Seite nicht. Beide Seiten haben sich total in der Infrastruktur geändert und beide haben längst Anschluss an den globalisierten Weltmarkt. Im türkischen Sirnak, wo damals die von Saddam verjagten Kurden unterkommen durften, gibt es jetzt einen Nationalen Flughafen, die türkische Straße nach Habur an die Grenze wird neu aufgebaut mit Tarmac und vier Spuren, so dass der Verkehr ununterbrochen fließen kann. Im Moment ist die Stimmung natürlich im Keller, denn der sog. Islamische Staat hat alles zerstört; der Tourismus läuft nicht mehr. Er war seitens der Türkei und vom Iran her immer eine große Einnahmequelle. Die Hotels sind voll mit reichen Flüchtlingen – auch solche Flüchtlinge gibt es.

Das Konzept des immer noch viel zu umständlichen und bürokratischen UNHCR besteht darin, 15 große Lager einzurichten, von denen schon drei bestehen sollen. Zwei davon habe ich gesehen, Sie sind beide für ca 2500 Familien ausgelegt. Die 12 anderen sind vielleicht ausgemessen aber es fängt jetzt ein Wettlauf mit der Zeit an. Mit dem November kommt die Kälte und der Regen kündigt sich bereits jeden Tag an. Die Zelte in den Großlagern müssen endlich winterfest sein.
Der Wettlauf mit der Zeit kann nur mit Deutschland gewonnen werden. Die Bundesregierung sollte schnellstens die versprochenen 2000 Container verschiffen, damit sie noch rechtzeitig Kinder und alte Menschen erreichen, bevor es kalt wird. Die Hilfsorganisationen sollten den Mut haben, hierherzukommen um mit den Flüchtlingen die schreckliche Zeit der Flucht und Vertreibung zu überstehen. Filme sollten gezeigt werden und Informationen gegeben werden. Die Religionen haben Gott sei Dank in Kurdistan alle den Freiraum, den sie jetzt auch in den Lagern brauchen.

Deutschland hat sich bei den Kurden viel Gutes Ansehen erworben. Die Kurden fühlen sich zum ersten Mal richtig anerkannt. Man schätzt die deutsche Hilfe und man schätzt, dass der Außenminister und die Verteidigungsministerin und der Fraktionsvorsitzende der CDU-CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder aus Deutschland schon in Erbil waren. Falls sich das IS Problem im Nordirak und in Syrien nicht ändert, müsste das kleine Kurdistan an die Ansiedlung dieser Menschen denken, die ja immerhin die gleiche Sprache sprechen. Das sollte zwar wenn irgend möglich verhindert werden, aber man weiß ja nicht, wie weit dieser Fanatismus noch gehen wird und in welchen Zeiträumen er bezwungen werden kann. Flüchtlingslager dürften nicht über den Juli 2015 hinausgehen, Flüchtlingslager sind der Tod für die menschliche Existenz einer Familie oder eines Einzelnen: Er ist nichts mehr wert, er ist kein Subjekt, er kann und soll nicht für sich sorgen, er bekommt alles in den Rachen geworfen.

Aufnahme in Europa – das dürfte nur die allerletzte Lösung sein. In Gesprächen in Kurdistan bekam ich heraus, dass man dort eher die Ansiedlung in der Region vorziehen würde. Menschen fühlen sich am besten in ihrer Heimat oder in der Nähe ihrer Heimat. Der Präsident Mustafa Barzani sollte für die beispiellose Leistung Kurdistans ausgezeichnet werden, in dem es einen Besuch unseres Staatspräsidenten und/oder unserer Bundeskanzlerin gäbe.