„Die Regierung macht Druck auf die Geflüchteten“
Grünhelme-Arbeiten in Aarsal von Polizei gestoppt

P1020149_klDer Libanon hat mehr als eine Million syrische Geflüchtete aufgenommen. Dies ist eine große Herausforderung für das kleine Mittelmeerland, in dem es auch vorher schon in Armut lebende Bevölkerung gab. Um die Geflüchteten zu unterstützen, aber auch um die lokale Bevölkerung zu entlasten, haben wir seit mehreren Jahren Projekte im Libanon. Doch vor einigen Wochen fand unsere Arbeit dort ein jähes Ende.

Die Regierung hat uns gestoppt. Sie will nicht, dass wir Dächer für die Zelte und Holzverschläge der Menschen bauen. Den Syrer*innen wird zusehends zu verstehen gegeben, dass sie wieder gehen sollen. Wir halten das nicht nur für falsch, sondern auch für ein fatales Zeichen. Wie die Lage vor Ort ist, berichtet unser Mitarbeiter Frieder Marticke.

Frieder, im Libanon unterstützen die Grünhelme syrische Geflüchtete. Doch die politische Stimmung wird zusehends feindlicher gegenüber den Syrern. Wie hast du die Lage in Aarsal erlebt bei deinem letzten Einsatz?

Frieder Marticke:  Die Situation war komplett anders als zuvor. Die gesellschaftliche Spannung war enorm. Mal ein Beispiel: Im Januar ist ein Mob von Jugendlichen und Schuljungs Steine werfend durch Aarsal gezogen und hat Läden, in denen Syrer arbeiten, beschädigt. Ein Handyvideo zeigt das Geschehen. Die haben Fenster von Geschäften und Autos zerstört und keiner hat sie aufgehalten. Das Militär schaute tatenlos zu und ließ den Mob gewähren, schickte lediglich die Syrer nach der Kontrolle ihrer Papiere nach Hause. Eine Woche später, Ende Januar, wurde dann unsere Arbeit gestoppt. Seither steht das Projekt in Aarsal still. Das ist für uns, unsere Mitarbeiter und viele Geflüchtete, die nur darauf warten, dass ihre Zelte verbessert werden, ein absoluter Tiefpunkt.

Wie kam das?

Wir haben ganz normal gearbeitet, da kam plötzlich die Polizei und meinte, dass wir unsere Arbeit sofort einstellen müssen. Es hatte im Fernsehen einen Beitrag gegeben aus Aarsal und darin sah man die Dächer, die wir auf die Zelte bauen. Daraufhin gab es eine Debatte, dass die Syrer nicht wieder zurück gehen würden, wenn man ihnen Dächer baut – was natürlich völliger Quatsch ist.

Wer hat denn entschieden, dass ihr aufhören müsst?

Das war eine nationalpolitische Sache. Die Regierung in Beirut macht Druck auf die Geflüchteten. Der Bürgermeister von Aarsal hingegen wollte sogar, dass wir weiter machen. Er sagte, wir könnten ein Vordach für eine Schule zu Ende bauen. Dann kam wieder die Polizei, die uns höflich, aber mit Nachdruck gebeten hat, die Arbeit sofort einzustellen. Die Jungs haben noch Späße gemacht, aber als allen bewusst wurde, dass mit unserer Arbeit jetzt definitiv Schluss ist, war die Stimmung extrem gedrückt. Für unsere Mitarbeiter und die Geflüchteten war die Arbeit ein Hoffnungsschimmer.

Wie gehen die Beteiligten damit um, dass dieser Hoffnungsschimmer erst mal weg ist?

Unsere Mitarbeiter brennen für die Sache. Der Stopp der Arbeit ist für alle eine riesige Enttäuschung. Die Arbeit bot die Möglichkeit, dem tristen Alltag in den Camps zu entfliehen. Es ist eine freundschaftliche Beziehung zu den Menschen vor Ort entstanden, das macht die Situation noch schwerer auszuhalten. Als ich gefahren bin im Februar, war der Abschied gar nicht schön. Ich wusste ja nicht, ob wir je weitermachen können. Viele Geflüchtete fragen sich: Wie geht’s weiter? Steht die Zwangsrückführung vor der Tür?

Ist das deiner Meinung nach wahrscheinlich?

Ich denke nicht, dass der Libanon dies eigenmächtig entscheiden würde. Wenn, dann müssten auch die Türkei und Jordanien mitziehen. Und die Länder erhalten ja auch Unterstützungsgelder aus der EU und von den Vereinten Nationen. Aber auch ohne Zwangsrückführung wird das Leben der Menschen so erschwert, dass die Entscheidung zwischen Libanon und Syrien für viele eine ist zwischen zwei schlechten Optionen.

Wovon leben die Geflüchteten im Libanon?

Offiziell dürfen sie nicht arbeiten, dennoch arbeiten die meisten in den Steinbrüchen um Aarsal herum. Die Bezahlung ist aber nicht gut und die Bedingungen sind auch gefährlich. Einige arbeiten auch in Lebensmittelläden oder in Werkstätten für Autos oder Mopeds, andere fahren Taxi. Eine Einnahmequelle ist das Geld von den UN, das sind 27 Dollar pro Person im Monat. Es ist ein tägliches Überleben.

Wie geht es den syrischen Geflüchteten nach teilweise sechs Jahren Leben im Zelt?

Jeder geht anders damit um. Es gibt einige, die wirklich sehr traumatisiert sind, die Depressionen haben. Einer erzählte mit Tränen in den Augen, er wolle sich am liebsten was ans Bein binden und ins Meer springen. Dann gibt es andere, die sich jeden Funken Hoffnung bewahren. Das finde ich beeindruckend. Einer unserer Mitarbeiter und mittlerweile guter Freund sagte letztens: ‚Egal wie lang die Nacht ist, der Morgen kommt auf jeden Fall.‘  Wenn ich sage: ‚Das ist unmenschlich‘, sagt er: ‚Damit leben wir seit sechs Jahren. Das ist unser Leben. Wir müssen weitermachen.‘  Sie leben von Tag zu Tag, von Repressalie zu Repressalie.

Was für Repressalien sind das?

Ein Beispiel ist, dass die Polizei immer öfter Kontrollen macht, Mopeds und Autos konfisziert. Die sind nicht angemeldet im Libanon und somit illegal. Letztlich ist das ein Instrument, um den Druck auszweiten auf die Menschen zurück nach Syrien zu gehen. Einer unserer Angestellten war eine Woche nicht mehr unterwegs zum Einkaufen. Er hat sich das nicht getraut, weil er Angst hatte, dass sein Moped einkassiert wird. Das ist meist der größte Wert, den die Familie besitzt. Wenn der Fahrer keine Papiere hat, wird er auch festgenommen. Es geht nicht so sehr darum, zu kontrollieren, ob sie arbeiten, sonst würde auch einiges still stehen in Aarsal.

Wollen die Geflüchteten denn zurück?

Eigentlich möchte jeder, den wir getroffen haben, so schnell wie möglich weg aus Aarsal und nach Syrien. Ich habe niemanden getroffen, der im Libanon bleiben will. Es ist für viele dort einfach nicht auszuhalten. Das ist ja auch das Verrückte: Die Argumentation der Libanesen war, dass die Syrer bleiben, wenn wir deren Zelte ausbessern. Nur, weil sie ein Blech auf dem Zelt haben, bleiben sie doch nicht da. Sie wollen ihr altes Leben wieder aufbauen. Sie können aber oft nicht zurück, weil ihre Dörfer militärische Sperrgebiete sind oder weil sie politische Gegner des Assad-Regimes sind. Für viele Menschen ist es auch absolut keine Option zurückzugehen unter Baschar al-Assad. Der Krieg mag aufgehört haben vielerorts, aber die Spannungen sind ja weiter da. Es muss eine internationale politische Lösung gefunden werden.

Wie bekommen die Geflüchteten Infos aus Syrien?

Von Verwandten, die noch dort sind oder mit Hilfe von Satellitenbildern, die zeigen, wie ihr Dorf vor dem Krieg ausgesehen hat und wie es jetzt aussieht. Letztens kursierten Videos aus dem Dorf unserer Mitarbeiter. Eigentlich ist der Ort durch Checkpoints abgesperrt und nicht zugänglich. Mithilfe des Videos und Google Maps haben sie versucht herauszufinden, welche Straßenzüge zu sehen sind. Ein weiteres Video hatte ein Verwandter gemacht, den das Regime ins Dorf gelassen hat. Offenbar mit der Auflage, eine Syrien-Flagge zu tragen. Das muss man sich mal vorstellen: Das waren die ersten Bilder, die die Leute von ihrem Grundstück gesehen haben – seit sieben Jahren. Die Häuser sind alle zerstört, das ganze Dorf ist dem Erdboden gleichgemacht worden.

Wie haben die Leute auf die Bilder reagiert?

Die erste Reaktion war erst mal Freude darüber, etwas Neues aus der Heimat zu erfahren. Zum anderen aber auch Trauer. Ein Mann sagte, er habe zwölf Jahre gebraucht, um sein Haus zu bauen. Binnen Sekunden wurde es zerstört. Er meinte, er würde dort ein Zelt hinstellen – Hauptsache, er kann zurück in sein Dorf. Das Video hat auch Hoffnung gespendet, dass die Menschen irgendwann wieder zurück dürfen.

Wie geht es weiter?

Das Gesamtpolitische ist etwas, das wir leider nicht beeinflussen können. Das wichtigste ist, dass unsere Arbeit weiter gehen kann. Wann das der Fall ist, wissen wir leider derzeit nicht. Mit unserer Partnerorganisation SB Overseas versuchen wir, die Sache mit dem zuständigen libanesischen Ministerium zu klären. Unser Projektkoordinator Simon Bethlehem wird Ende April wieder in den Libanon reisen und versuchen, eine Lösung zu erreichen. Wir hoffen sehr, dass es bald weitergeht, denn der Bedarf ist da. Das hat der vergangene, harte Winter mit seinen Schneemassen und Überschwemmungen gezeigt. Solange die Menschen nicht zurückkönnen, ist es wichtig, ihnen ein einigermaßen lebensfähiges Umfeld zu schaffen. Das Arbeiten miteinander schafft nicht nur den Mehrwert, sondern vor allem das Gefühl, nicht vergessen worden zu sein. Wir wollen zeigen: Ihr seid nicht ganz allein.

 

Zur Person: Frieder Marticke (31) ist gelernter Tischler und war für die Grünhelme in verschiedenen Einsätzen, 2016 in Nepal und von 2017 bis 2019 mehrmals im Libanon. Er ist in der Nähe von Gummersbach aufgewachsen und hat acht Jahre in Münster gelebt. Derzeit arbeitet der studierte Lehrer wieder als Tischler in Bayern.

 

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