Die Welt hat Syrien verlassen und vergessen!
Ein Bericht der Grünhelme aus dem befreiten Azaz

27.01.2013_1Könnten Menschen in dem Bürgerkriegsland Syrien unsere Debatten über den Krieg in Mali, auch die bei den Feiern des Deutsch-Französischen Vertrages in Berlin miterleben, sie würden verrückt oder wahnsinnig. Sie leben seit dem März 2011 in ununterbrochener unterschiedlicher Härte unter dem Generalangriff der eigenen Luftwaffe von Baschar al Assad. Wir sind Zeugen geworden der beiden letzten schweren Bombenangriffe. Auf Grund der Zerstörungen in dem Marktplatz von Azaz vermutet man 400 kg Bomben, die dort heruntergingen und mindestens zwanzig Menschen in den Tod, ganz viele in das einzige Krankenhaus und Tausende erneut in die Flucht geschlagen haben über die nahe türkische Grenze (5 km) in den ersten türkischen Ort Kilis.

Diese Bombardierung erfolgte am 13. Januar, einem Sonntag. Unsere Grünhelme erlebten das glücklicherweise in dem Dorf Tal REFAAT, 20 km in Richtung Aleppo, sie konnten nur die Rauchsäule sehen. Erst heute bekommen wir die Fotos vom Gräuel der Verwüstung in Azaz. In Tal Refaat waren sie mit der neuen Assad-freien Zivilverwaltung, um den Neubau einer Schule zu besprechen, die ebenfalls von dem Regime Assad in den Boden gestampft wurde. Es gab am 23. Januar einen Angriff einer Mig auf das Dorf Keljebrin, die Bombe zerstörte ein Haus und hatte fünf zerfetzte tote Menschen zur Folge.

Die Menschen sind erstarrt in diesem Syrien. Immer wieder haben sie damit gerechnet, dass es eine Weltgerechtigkeit gibt, die sich am stärksten in der UNO ausgeprägt hat. Und es gibt ja auch für Menschen, die durch Angriffe aus der Luft durch die eigene Luftwaffe so massiv gefährdet sind, das Institut der „Flugverbotszone“. Das ist ja eigens für solche Fälle eingeführt worden.

Aber die westliche Welt, die NATO setzt sich mit großem Getöse in Gang, um 120 km von der Grenze in der Türkei eine Patriot-Raketenabschussstation einzurichten, aus Bündnissolidarität mit dem NATO-Partner Türkei. Das hilft den meist betroffenen Syrern gar nichts. Dabei gibt es eine ganze Reihe von Aktionen, mit denen unsere Staaten den Syrern ihre Solidarität beweisen könnten: Durch die Einrichtung eines Büros Humanitäre Hilfe, wie seinerzeit 1993 in Zagreb beim Bosnien-Krieg, ein Büro des Auswärtigen Amtes an der türkisch-syrischen Grenze stationiert, um die Lieferungen dringend benötigter Materialien zu gewährleisten, die alle in der Türkei zu kaufen sind. Die Syrer erleben die kältesten Winter seit Menschengedenken. Gleichzeitig mit der Abschaltung des Stroms für Aleppo und Azaz, was die Menschen bitterlich frieren lässt. Generatoren rattern zwar hier und dort, aber der geschmuggelte Diesel ist auf drei Euro pro Liter im Preis gestiegen.

Das Mehl wird knapp. Wir haben uns in der Brotfabrik von Azaz verpflichtet, entweder einen Teil des Diesel für die Generatoren oder des Mehls zu übernehmen, das wir in der Türkei besorgen müssten. Diese Brotfabrik produziert am Fließband täglich 72.000 Pakete Fladenbrot, was die Grundnahrung der Syrer darstellt. Die Stadt Azaz braucht zur Bergung von Toten unter den Trümmern ein Bergegerät, das geht wahrscheinlich über die Kraft der Grünhelme hinaus, aber vielleicht kann sich eine größere Stadt in Deutschland „erbarmen“?!

In Keljebrin haben die Grünhelme die Lieferung von Heizöl für die Klassenräume des Mohamed Ismael Mohamed Gymnasiums versprochen und das erste Heizöl geliefert. Die Bundesregierung sollte uns durch die Positionierung eines solchen Büros für humanitäre Hilfe mit einem deutschen Botschafter an der Spitze helfen, die bürokratischen Hindernisse an der Grenze der Türkei zu Syrien zu erleichtern. Das sind auf jeden Fall Aktionen, die der Bevölkerung ein Zeichen geben, dass sie nicht allein gelassen sind.

Außerdem könnte die Bundesregierung im Zug ihrer pathetischen Bekenntnisse zur Einigkeit mit Paris auch die Nationale Syrische Koalition anerkennen, der in Katars Hauptstadt Doha vor vier Wochen begründet wurde, der in den nächsten Wochen als Übergangsregierung gute Aussichten hat, von den Syrern anerkannt zu werden. Beiläufig: Francois Hollande hat diese Syrische Nationale Koalition schon anerkannt. Russland hat den Chef Moas Al Chatib schon eingeladen. Wir sollten ihn auch anerkennen.

Auch wenn die militärische Durchsetzung der Flugverbotszone wegen der anhaltenden Blockade des UN-Sicherheitsrat durch das Veto Russlands und Chinas schwierig bleibt: All die hier genannten Maßnahmen könnten heute schon auf den Weg gebracht werden, um die Menschen wenigstens nicht hungern und frieren zu lassen.

 

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