Ein trockener Boden für die Geflüchteten
Zur aktuellen Situation im nordgriechischen Flüchtlingscamp von Nea Kavala/Idomeni

06.05.2016_01„Hello my friend!“ wird uns zu Beginn unseres Projekts von allen Seiten den ganzen Tag zugerufen. Nach wenigen Tagen hören wir diesen Satz immer seltener, da viele Leute inzwischen unsere Namen kennen. Und wir Ihre. Dies liegt daran, dass wir eine aufregende Produktionsstätte aufgebaut haben und ein dringliches Problem gemeinsam lösen. Seit März 2016 produzieren wir in Nordgriechenland in einem vom Militär geführten Flüchtlingscamp Böden für die Zelte der Geflüchteten. Nach Fertigstellung von über 400 Böden in Cherso, einem Ort in der Nähe des inzwischen weltweit bekannten Grenzorts Idomeni, sind wir nun seit April im Ort Nea Kavala.

In Nea Kavala haben ca. 4.000 Syrer und Iraker Zuflucht gefunden. Trockener Wohnraum und ein fester Boden unter den Füßen ist bei den extremen Wetterbedingungen dringend nötig. Dauerregen, stürmischer Wind und brennende Sonne wechseln sich mehrmals täglich ab. Die Bewohner des Camps müssen unter harten Bedingungen leben, doch Not macht erfinderisch. So ziehen beispielsweise die Bewohner zweier Zelte in ein gemeinsames Zelt, um das zweite als Lagerraum für Feuerholz und Sonstiges zu nutzen. Mit einer oft unglaublichen Kreativität und enormem Einfallsreichtum holen sich die Leute dadurch zumindest ein wenig Lebensqualität zurück. Doch viele Missstände im Camp können und müssen noch mit externer Unterstützung behoben werden.

So sind aktuell gerade einmal 60 Dixi-Toiletten und 30 Dixi-Duschen für 4.000 Menschen aufgestellt worden. Somit kommt eine Toilette auf 60 und eine Dusche auf 130 Einwohner. Für Kinder gibt es bereits einen Spielplatz, eine Schule soll in den kommenden zwei Monaten auf dem Camp Gelände eröffnet werden. Bis dahin wird der Tagesablauf nur durch das Ausgeben von drei Mahlzeiten strukturiert. Zum Frühstück liefert ein Caterer morgens verpackte Schoko-Croissants, Orangensaft, einen Apfel oder eine Orange. Mittags und abends werden in Plastik verpackte warme Gerichte auf Basis von Nudeln, Kartoffeln, Linsen, Reis und Brot ausgegeben. Die mangelnde Abwechslung, zu wenig Obst und Gemüse und die Tatsache, nicht selber kochen zu können, lässt manchen über das Essen klagen. Abends werden vor den Zelten kleine Feuer entfacht, um sich vor den kalten Nächten aufzuwärmen, zu kochen oder Duschwasser zu erhitzen. Das dazu notwendige Feuerholz ist allerdings oft Mangelware und bei der Ausgabe kommt es immer wieder zu gewalttätigen Ausbrüchen. Durch das in Plastik verpackte Essen fallen jeden Tag große Mengen Müll an. Dieser wird leider selten abgeholt, entsprechend häufig riecht es auf dem Gelände des Camps nach verbranntem Plastik. Außerdem zieht der Müll Ratten an, die im Sommer das Risiko von Seuchen deutlich erhöhen können.

Unser Tagesablauf in Nea Kavala

Der Tag beginnt für uns früh morgens um 6.30 Uhr mit dem Entfernen der Abdeckfolien unserer Materialien und dem Herrichten des Werkzeugs. Danach fangen wir an, die ersten Böden zu produzieren. Nach ein bis zwei Stunden stärken wir uns mit einem Frühstück und fertigen den restlichen Tag weitere Holzböden. Unterstützt werden wir dabei jeden Tag von Ahed, Zidan und Esham. Sie sind vor drei Monaten aus dem Shingal-Gebirge im Nordirak geflohen und sind inzwischen seit zwei Monaten hier im Camp. Das Interesse an unserer Tätigkeit und der Übereifer, mit dem sie mitarbeiten, ist ein Zeichen des starken Bedürfnisses nach sinnvoller Betätigung und des „Gebraucht-Werdens“, das die Menschen hier seit Monaten kaum stillen können. Im Laufe des Tages informieren wir die Bewohner des Camps, dass sie sich ihre Böden abholen können.

Gegen 20 Uhr räumen wir dann unser Werkzeug in unseren Container und decken die Holzvorräte wieder mit Folien ab. Danach gibt es zum Feierabend noch eine Brotzeit, wonach alle erschöpft in ihre Betten fallen. Unser Grünhelm-Van ist dazu mit einem Stockbett ausgebaut und bietet Schlafplätze für drei Personen. Neben den Betten sind im Transporter noch Regale und Verstauungsmöglichkeiten für verschiedenes Werkzeug eingerichtet. Und auf dem Dach ist ein Solarpanel installiert, um Handys, Laptops und andere Geräte zu laden. Für den Fall, dass sich mehr als drei Grünhelme im Projekt befinden, wurde uns noch eine kleine Wohnung kostenlos zur Verfügung gestellt, in der es alle paar Tage ein Teamtreffen gibt, damit auch die Busbewohner mal wieder duschen können.

Unsere Produktionsstätte im Flüchtlingscamp

Als Schutz vor Regen und Sonne haben wir uns eine leichte Produktionshalle gebaut, in der uns – vom UNHCR finanziert – Strom gelegt worden ist. Die Abläufe von Materialfluss und Arbeitsschritten haben wir dabei derart gestaltet, dass wir Böden mit hoher Geschwindigkeit und Qualität anfertigen können. An zwei Produktionstischen fertigen jeweils zwei Grünhelme einen Boden. Das Material ist derart gelagert, dass es möglichst schnell und einfach zum jeweiligen Arbeitsschritt bereit steht. Zwei Laufkatzen ermöglichen es uns, zwei Nagelschussapparate parallel nutzen zu können. Auf den Produktionstischen haben wir Anschläge angeschraubt, die als Schablone für die Unterkonstruktion des Bodens fungieren. An diese Anschläge legen wir die Hölzer, die vom Lieferanten bereits auf die passende Länge zugeschnitten worden sind und schießen diese miteinander fest. Zehn Minuten später haben wir daraus einen großen Lattenrost gefertigt, der mit Holzplatten beplankt wird. Sobald diese sogenannten OSB-Platten mit dem Rahmen vernagelt sind, wird der 4 x 3 Meter große Boden in der Mitte durchgeschnitten, um zwei handlichere Teile zu erhalten. Zu guter Letzt wird noch eine fünf Zentimeter große Einkerbung für die Zeltstange in die Platte geschnitten – und fertig ist der Zeltboden. In Summe benötigen wir ungefähr 30 Minuten für einen Boden, was auf den ganzen Tag betrachtet enorme Energie und Ausdauer erfordert. Durch die große Unterstützung und engagierte Hilfe vieler Campbewohner gelingt es uns dennoch, jeden Tag ca. 30 Böden zu fertigen.

Ein trockener Boden für die Geflüchteten

Nicht nur beim Produzieren der Böden, sondern vor allem bei deren Transport und Einbau packen die Geflüchteten tatkräftig mit an. Und Kraft ist nötig, um die ca. 100 kg schweren Böden von unserer Produktionsstätte zu den Zelten zu bringen, wobei sich die Geflüchteten untereinander helfen. Ein paar junge Männer tragen sogar gleich für die benachbarten Zelte die Böden mit, da in diesen Frauen mit kleinen Kindern wohnen. Um sicherzustellen, dass die Böden wie geplant verbaut werden, haben wir eine einfache Einbauanleitung verfasst, die Mustafa aus Aleppo für uns auf Arabisch und Kurdisch übersetzt hat. Diese Anleitung informiert die Camp Bewohner, dass sie ihr Zelt komplett leer räumen und sie sich bei unserer Produktionsstätte eine Plastikplane, neun Zementsteine, zwei Zeltböden und einige Nägel abholen können. Im ersten Schritt wird die Folie auf der Erde ausgelegt, auf welcher viele Bewohner bis dahin geschlafen haben, da die aufgestellten Armee-Zelte keinerlei Boden haben. Als nächstes werden auf der Folie die neun Zementsteine ausgelegt. Darauf werden dann die beiden Zeltboden-Elemente gelegt und schließlich zusammengenagelt. Beim Einbau steht immer ein Grünhelm mit Rat, Tat und Hammer zur Seite. Noch von der Anstrengung gezeichnet, aber auch froh über das Erreichte, wird der Boden sogleich mit Decken ausgelegt und das Zelt neu eingerichtet. Das Ergebnis wird uns dann oft stolz präsentiert und wir werden zum Dank zu einem Glas stark gesüßtem Schwarztee eingeladen.

Hilfsorganisationen vor Ort

Bei all dem Leid freut es zu sehen, dass verschiedenste Regierungsorganisationen und Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) aus der ganzen Welt kostenfrei Hilfe leisten. Das Rote Kreuz ist mit einem internationalen Team aus Deutschland, Österreich, England und Finnland vor Ort, um medizinische Ersthilfe zu leisten. UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, gibt Zelte aus und ist Ansprechpartner für Fragen zum Thema Asyl. Die US-amerikanische Organisation „Nethope“ stellt Internet zur Verfügung, damit die Geflüchteten Kontakt zu Freunden und Familie halten können. Freiwillige von „Drop in the Ocean“ aus Dänemark verteilen Windeln, Binden, Kleidung und sonstige sogenannten „NFI“  – also non-food items. „Save the Childen“ aus England kümmert sich um die Betreuung der Kinder, die mit einem Anteil von 40 Prozent fast die Hälfte aller Bewohner hier im Camp von Nea Kavala ausmachen.

Wenn uns Wind, Wetter, Feiertage und sonstige erschwerende Punkte nicht in die Quere kommen, werden wir nach ca. drei Wochen jedem Zelt in Nea Kavala einen Boden ausgegeben haben. Und so schauen wir uns bereits nach einem Folgeprojekt um, in das wir unsere Kompetenzen einbringen können, um das Leid auf der Balkanroute zu reduzieren.

In der griechischen Bevölkerung haben wir Rückhalt und Unterstützung erfahren. Unser Holzlieferant Christos hat uns sogar zum Osterfest zu seiner Familie nach Hause eingeladen, wo uns gegrillte Ziege, Tsatsiki, mariniertes Gemüse und weitere griechische Spezialitäten gereicht wurden.

Die Zufriedenheit über und der Dank für unsere Leistung seitens Geflüchteter, UNHCR, des griechischen Militärs und vielen weiteren Personen und Organisationen lässt vermuten, dass das nächste Projekt bestimmt nicht lange auf sich warten lässt.

Dennoch: Bei all unserer Tätigkeit sind wir stets zwiegespalten. Einerseits wollen wir möglichst jedem Bedürftigen schnellstmöglich einen Boden zur Verfügung stellen, anderseits wünschen den geflüchteten Menschen ein rasches und vor allem absehbares Ende ihrer beschwerlichen Reise.

 

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