Eiseskälte, Mangel an Nahrung, Bomben und Raketen
Syrien: Zur Situation in Azaz, Keljebrin und Tal Reffaat

16.01.2013Am 13. Januar war es mal wieder soweit: Ein Flugzeug von Assads Luftwaffe tauchte auf und bombardierte einen Marktplatz in unserer Stadt Azaz. Es wurden 20 Syrer getötet, 99 verletzt. 20 der Verletzten wurden in das Hospital der NGO „Ärzte ohne Grenzen“ direkt an der Grenze gebracht. Am 24.12.2012 gab es schon einen Angriff auf das Nationale staatliche Hospital, das zum größten Teil zerstört wurde. Patienten in der Dialyse Abteilung konnten verletzt evakuiert werden. Am 29. Dezember 12 gab es einen Angriff, der gewiss dem anderen Hospital galt, in dem die Grünhelme bisher gelebt haben.

Die Rakete schlug aber nur 120 Meter vom Krankenhaus ein. Die Ärzte ohne Grenzen berichten von Patienten mit abgetrennten Gliedmaßen, Kopfverletzungen und blutenden Augen und Ohren. Viele Menschen haben in diesem Teil Syriens mittlerweile Angst, ein Krankenhaus aufzusuchen, weil sie miterleben, dass das Regime gezielt die Bomben auf Schulen und Hospitäler wirft, um die Bevölkerung zu terrorisieren.

Einer von drei Militärflugplätzen der Regierung in Syrien ist jetzt wohl gefallen: Der Flughafen Taftanaz im Norden des Landes (in der Nähe von Idlib) wurde als eingenommen von den Rebellen deklariert. Es sind noch zwei andere Flugplätze, die heftig umkämpft sind, weil die Rebellen sie lieber heute als morgen um der Sicherheit der umliegenden Bevölkerung willen einnehmen würden sind der Flughafen Kuwairex, der südöstliche von Aleppo liegt, und der Flughafen Mengg, der nur 7 km von Zentrum von Azaz entfernt ist.

Wir können diesen Hubschrauberflughafen sehen vom Dach des Hospitals, am Abend und in der Nacht donnern schon mal Kanonen und Raketen nach Azaz hinein. Deshalb auch müssen die bewaffneten Rebellen den Platz einfach irgendwann einnehmen.

Wir haben als Grünhelme eine Vereinbarung über die Lieferung von 6.000 Liter Heizöl abgeschlossen mit dem Mohamed Ismail Mohamed Gymnasium in Keljebrin, das ist die erste von den drei Schulen, die wir als Grünhelme fertig gemacht haben, die am Netz ist. Damit Lehrer und Schülerinnen und Schüler nicht so erbärmlich frieren müssen, haben wir zugesagt, dass in den Klassenräumen in schon vorhanden Heizöl-Öfchen für eine Stunde am Morgen und am frühen Nachtmittag (Schichtunterricht) geheizt wird, damit die Schulgebäude einmal am Tag durchgeheizt werden.

In Tal Reffaat, wo zwei Schulen ganz in den Erdboden hineingehauen worden sind von Bomben der Assad Luftwaffe, haben wir mit den Aufräumarbeiten an der Schule begonnen. Die Menschen in Syrien und auch die syrischen Flüchtlinge frieren entsetzlich, z. T. leben sie ja in Zelten in der freien Ebene und haben keinen Schutz vor der Kälte. Wir können am besten helfen, wenn wir in der Türkei einkaufen und das Zeug über die Grenze bringen.

Die größte Sorge haben wir, wenn das Regime weiter darauf besteht, die Zivilbevölkerung, die Dörfer und die Städte anzugreifen, dass noch mal 500.000 Menschen aus Syrien über die Grenze zur Türkei oder in den Irak oder nach Jordanien in Sicherheit bringen. Dann bricht das Versorgungssystem auch in der Türkei auseinander. Wir haben uns demnächst auch um das Einkaufen von Mehl zu kümmern, denn die Zivilverwaltung, die es von Frei Syrien (Free Syria) schon gibt, ist nicht mehr in der Lage, das Hauptnahrungsmittel der Syrer zu besorgen, das Mehl für das Fladenbrot. Wir werden evtl. in der Türkei Mehl einkaufen und nach Syrien bringen müssen.

Rami Nakhla beschreibt seinen Weg sehr eindrucksvoll in einem neuen Buch (Larissa Bender Herausgeber: Syrien. Der schwierige Weg in die Freiheit. Dietz Verlag Bonn 2012). Da beschreibt ein junger Rebell, Rami Nakhla, wie er „ganz zufällig“ im Jahr 2006 zur Revolution kam. „Drei Tage lang schlief ich nicht und verspürte nicht einmal Müdigkeit. Ich hatte nämlich nicht wie sonst ein Buch in der Hand, bei dessen Lektüre ich einschlief, sondern ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben einen Computer mit Internetanschluss. Damit konnte ich all die Bücher und Zeitungen lesen, die ich vorher nie in die Hand bekommen hatte, weil sie verboten waren. Jetzt las ich sie, und meine Begeisterung, aber auch meine Angst ließen mich nicht mehr einschlafen. Ich versuchte so viel zu lesen wie möglich, bevor die Geheimpolizei käme und mich festnähme. Als ich schließlich in Schlaf fiel, kam dann doch keine Polizei, und als ich wieder erwachte, hatte sich meine Welt für immer verändert.“

 

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