Eröffnung in Sicht
Ein kleiner Beitrag zur Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben - Bericht aus dem Nordirak

16.06.2017_01Das Schulbauprojekt der Grünhelme im Shingal-Gebirge im Nordirak läuft wieder. Noch im April mussten wir das Projekt aufgrund der gewaltsamen Zusammenstöße kurdischer Gruppen sowie türkischer Luftangriffe kurzzeitig unterbrechen. Nun ist der Bau der Grundschule im Dorf Gerke Hasare wieder in vollem Gange und die Schule, die einmal für bis zu 200 Kinder Platz bieten soll, kann voraussichtlich zum neuen Schuljahr Mitte September eröffnet werden.

Der Frühling ist vorbei und das Grün weicht allmählich wieder den kargen Grau- und Beigetönen des Sommers. Die Temperaturen kratzen bereits die 40 Grad und von allen Leuten, die man hier trifft, hört man als erstes „Germa, germa“, es ist heiß. Den Temperaturen trotzend, nimmt unser Bauprojekt unterdessen mehr und mehr Gestalt an: Die Betondecken werden gegossen und auch die ersten Verputzarbeiten haben bereits begonnen. In der nächsten Woche werden die Fliesen der Schultoiletten verlegt. Und auch der Bau des Vordachs, das im Winter Schutz vor dem Regen und wie jetzt im Sommer, Schatten spenden soll, wird nun angegangen. Unser Team auf der Baustelle ist mittlerweile auf 18 Mann angewachsen und an allen Ecken und Enden wird gleichzeitig gearbeitet, damit die Schule zum neuen Schuljahr eröffnet werden kann.

Doch so sehr die Dorfbewohner sich auf die neue Schule freuen, verstärkt der gewaltsame Konflikt zwischen den Peshmerga des kurdischen Präsidenten Barzani und der PKK sowie die türkischen Luftangriffe auf die Region, bei den Menschen das Gefühl der Unsicherheit. Mittlerweile hat sich der Konflikt zwar beruhigt, doch gelöst ist er längst nicht. Die jesidische Bevölkerung, die gerade das kollektive Trauma durch die unvorstellbare Gewalt des IS versucht zu überwinden, wird zum Opfer eines neuen Konfliktes, mit dem sie nur wenig zu tun hat. Die innerkurdischen Interessen und Rivalitäten werden auf ihrem Rücken ausgetragen. Hinzu kommt die schwierige wirtschaftliche und infrastrukturelle Situation. Hier im Norden der Berge ist fast alles auf die Landwirtschaft ausgerichtet, doch der Grundwasserspiegel ist in den letzten Jahrzehnten immer weiter gesunken, sodass die Bewässerung der Pflanzen erschwert wird und die Erträge deutlich zurückgehen. Die Zerstörung von Landmaschinen und die Verminung großer Ländereien durch den IS verstärkt diese Entwicklung noch. Der Brunnen unseres Nachbarn Ali Heidar, der das Grundstück für die neue Schule kostenlos zur Verfügung gestellt hat, ist 90 Meter tief und hat nur wenige Stunden am Tag Wasser. Gleichzeitig ist der Vertrieb der landwirtschaftlichen Erzeugnisse kaum rentabel: Auf dem Markt in Sinuni wird ein Kilo Tomaten für 250 Irakische Dinar verkauft, drei Kilo Kartoffeln für 1000 Dinar, letzteres sind nicht einmal 80 Cent. In Sinuni fahren Tankwagen umher und füllen gegen Bezahlung die Frischwassertanks auf den Hausdächern. Auch die städtische Stromversorgung reicht nur für wenige Stunden am Tag. Punktuell springen Generatoren ein, die jedoch ebenfalls zusätzlich bezahlt werden müssen. Darüber hinaus sind die medizinische Versorgung und das Bildungsangebot katastrophal. Zwar ist das örtliche Krankenhaus in Sinuni wieder eröffnet worden, doch fehlt es an medizinischem Fachpersonal. Internationale medizinische Hilfsorganisationen können die Versorgungslücke nur zum Teil füllen. Von den Schulen in der Region wurden viele zerstört oder sind in einem so maroden Zustand, dass sie nicht nutzbar sind. So wurde zwar der Schulbetrieb an einigen Orten wieder aufgenommen, aber die Wege sind sehr weit, sodass viele Landkinder überhaupt nicht zur Schule gehen können.

So ist es vor dem Hintergrund des neuen Konfliktes und der schlechten technischen und sozialen Infrastruktur kaum verwunderlich, dass sich viele Familien immer noch dazu entscheiden in den Flüchtlingscamps im kurdischen Autonomiegebiet zu bleiben. Trotz aller Enge, allem Mangel und aller Abhängigkeit in den Lagern, gibt es dort zumindest Wasser, Strom, Schulen und medizinische Versorgung.

Wir Grünhelme versuchen mit dem Bau der neuen Schule in Gerke Hasare einen Beitrag zu leisten, dass die Menschen in ihre Heimat zurückkehren und auch dort bleiben und ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Unser Team freut sich wie immer über die Unterstützung von erfahrenen Handwerker*innen und Bautechniker*innen, die vor Ort mit anpacken wollen. Der Dank gilt unseren Unterstützer*innen für die vielen großzügigen Spenden.

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