Grünhelme bauen erste Kirchen-Moschee der Welt

13.12.2014„Wahrlich, erhebst Du auch deine Hand gegen mich, um mich totzuschlagen, so erhebe ich doch nicht meine Hand, um Dich zu erschlagen.“ (Sure 5, Vers 28): Diese Worte, die man gleichsam in Koran und Bibel finden kann, verdeutlichen wie nah sich Christen und Muslime im Glauben stehen. Der Schriftsteller und Grünhelm-Freund Navid Kermani hat sie uns Grünhelmen für unser einzigartiges Projekt in Ruanda mit auf den Weg gegeben.

Hier sollen Sie den Menschen der verschiedenen Religionen und Konfessionen eine gemeinsame Überschrift sein: Im Ruandischen Gitarama-Gefängnis für Völkermord-Verbrecher bauen wir Grünhelme nach einem Therapiezentrum für traumatisierte Täterinnen und einem Kindergarten für unschuldig im Gefängnis lebende Jungen und Mädchen nun das zweite Gebäude für das Versöhnungszentrum „Amahoro“ (Frieden) von Eugenie Musayidire. Dieses Multifunktionsgebäude wird hauptsächlich der Herstellung von besonderem Ruandischem Kunsthandwerk dienen, das den Müttern die Möglichkeit eines eigenen Einkommens schaffen soll – im Gefängnis und nach einer möglichen Entlassung auch in Freiheit. An den Wochenenden wird das Haus darüber hinaus allen hier vertretenen Religions- und Konfessionsgruppen als Gebetshaus dienen. Zum ersten Mal und nur hier im Gefängnis von Gitarama werden dann Christen und Muslime ein- und denselben Raum für ihre jeweiligen „Gottesdienste“ nutzen.

Seit 8 Jahren kommen die Grünhelme nun schon regelmäßig nach Ruanda (Rupert Neudeck war sogar bereits 1994 als erster humanitärer Helfer während des Völkermordes dort) und beobachten die einzigartige Entwicklung, die sich Ruanda kontinuierlich in allen gesellschaftlichen Bereichen erarbeitet. Wirtschaft, Infrastruktur und Kultur blühen. Sicherheit, Frieden und das niedrige Korruptions-Niveau sind Afrikanische Spitzenklasse. Und an der kollektiven Verarbeitung des grausamen Völkermords wird nach wie vor gewissenhaft gearbeitet.

Nur an einer Stelle scheint in Ruanda immer noch große Ungerechtigkeit zu herrschen: Im Gefängnis. Hier leben Kinder, die für die Verbrechen ihrer Mütter büßen und in engen Zellen unter Mördern aufwachsen müssen, statt mit ihrer kindlichen Neugier das Leben in Freiheit zu erforschen. Neben ihnen leben Frauen, die sich im Gegensatz zu den eingesperrten Männern nicht frei im Gefängnis bewegen dürfen, damit keine Gefängnisbeziehungen entstehen. Und selbst die inhaftierten Männer können einem leidtun: vor 20 Jahren lebenslang für Verbrechen verurteilt in die fast 90% der Bevölkerung verwickelt waren, haben diese heute oft sehr freundlichen Männer kaum eine Chance auf Vergebung. Sowohl innerhalb des Gefängnisses als auch nach ihrer Freilassung werden die Sträflinge, egal ob Kinder, Frauen oder Männer, für ihre Vergangenheit im Gefängnis geächtet und der Weg zurück in die Gesellschaft wird noch schwerer als er ohnehin schon ist.

Zudem bedauern die Gefangenen sehr, dass es für Sie auch auf religiöser und spiritueller Ebene kaum Möglichkeiten gibt Trost und Hoffnung zu finden. Noch nie gab es hier im Gefängnis von Gitarama auch nur das kleinste Gotteshaus. Für mehr als 3000 Gefangene fallen somit jedes Mal dann Gottesdienst und Freitagsgebet aus wenn es regnet oder wenn die Sonne zu sehr scheint – zwei nicht gerade seltene Wetterphänomene hier unter dem Äquator und am Rande des Regenwaldes.

Dank Eugenie Musayidire und Ihrer Idee für das Versöhnungszentrum „Amahoro“ können wir Grünhelme seit 2011 an ihrer Seite für die Verbesserung der Zustände im Gefängnis arbeiten. Das erste von uns Grünhelmen im Gefängnis gebaute Haus beherbergt einen Raum für die Therapie der traumatisierten Frauen sowie einen Kindergarten, für die Jungen und Mädchen, die erst im Alter von 3 Jahren in Pflegefamilien außerhalb des Gefängnisses untergebracht werden.

Nun träumt Eugenie M. von einem zweiten Gebäude um den gefangenen Müttern Kurse für Kunsthandwerk anzubieten. Mit dem Erlös aus den hergestellten Produkten lassen sich dann die Lebensbedingungen der Kinder verbessern und mit den hier erlernten Fähigkeiten können die Frauen später in Freiheit schon vom ersten Tag ihres neuen Lebens für ihre Kinder sorgen. Auch Therapie Arbeit in großen Gruppen wird in diesem Multifunktionsgebäude möglich sein.

 

Weil wir uns den Dialog zwischen Christen und Muslimen auf unsere Grünhelm-Fahne geschrieben haben, freuen wir uns zudem sehr, dass der große Raum an arbeitsfreien Tagen auch von den unterschiedlichen Religions- und Konfessionsgruppen genutzt werden kann. Neben den Vertretern der fünf größten Glaubensrichtungen im Gefängnis (Katholiken, Muslime, Protestanten, Adventisten und Pfingstkirchler) sind auch der örtliche Imam und der verantwortliche Bischof von diesem Projekt begeistert. Letzterer muss bei der Päpstliche Synode zweifelsohne zu den moderneren Bischöfen gehört haben, so selbstverständlich scheint ihm die spannende Idee eines einzigen Raumes in dem Christen und Muslime ihren bekanntlich gleichen Gott lobpreisen.

Gemeinsam mit den verschiedenen Nutzern dieses Gebäudes haben wir dessen einzigartige Form entworfen: Der große Raum wird großzügig natürlich belichtet und frei von Stützen damit Arbeit und Gruppentherapie in allen erdenklichen Formen möglich ist. Auf einem sowohl quadratischem Moschee-Grundriss und einer traditionell langgezogenen Kirchen-Grundform richtet sich das Gebäude gleichzeitig nach Mekka und in den Sonnenaufgang, von wo aus Jesus am jüngsten Tag auf die Erde zurückkommen wird.

Eine Gebetsnische für den Imam und ein buntes Ostfenster hinter der kirchlichen Altar-Wand sowie unterschiedlich Fassaden geben zarte Hinweise auf den religiösen Charakter der beiden ineinander verschmolzenen Gebäude. Die interpretierten Gotteshäuser lassen sich also erahnen ohne das Symbole der ein- oder anderen Glaubensrichtung verwendet werden müssen. Auf das Gebäude setzen wir ein vielfach gestaffeltes Dach mit großen Oberlichtern – so kommt viel Helligkeit für alle unterschiedlichen Nutzungen ins Innere und wie in den meisten sakralen Gebäuden verschwimmt der Übergang zwischen Wand und Decke. Der Boden richtet sich mancherorts nach dem Grundriss der Kirche, an anderer Stelle orientiert er sich an der Ausrichtung der Moschee. Dazwischen muss er sich genau wie alle späteren Nutzer arrangieren.

Gerade in einem Jahr, in dem der Islam zu Unrecht mit dem Extremismus der Terrorgruppe IS in Zusammenhang gebracht wurde, wollen wir mit dem Gebetshaus ein Zeichen für mehr Toleranz zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen setzen, ähnlich wie Papst Franziskus, der zum Jahresende Muslime zum gemeinsamen Gebet in Türkischen Moscheen eingeladen hat. Benennen wollen wir das geplante Gebäude nach Paolo Dall’Oglio, dem Italienischen Jesuiten Pfarrer, der sich dem Dialog mit dem Islam in besonderer Weise gewidmet hat. Er ist 2013 von Mitgliedern der Organisation „Islamischer Staat“ in Syrien entführt worden – seitdem hat niemand mehr von ihm gehört.

Mit dem Allgäuer Schreiner Nico Döring dem Londoner Architekten Sebastian Barrett und dem Berliner Anwalt Nicolay Büttner sind bereits drei motivierte Grünhelme nach Ruanda geflogen um mit den Bauarbeiten vor Ort zu beginnen. Zusammen mit einem Team aus 20 Gefangenen wollen wir das Gebäude schon im kommenden Sommer fertigstellen.