Es gibt ein Leben nach Assad
Keljebrin/Syrien: 130 Mädchen und die 370 Jungen gehen weiter zum Unterricht

09.02.2013_1Als wir vor der Ruine des Tal dar Al Shifa Krankenhauses stehen mitten in einem Hochhauswohnviertel in Aleppo, fröstelt es uns. Dort hat das Regime den ganzen Straßenzug stehen gelassen, aber das Hospital getroffen und mit Raketen und Bomben richtig in den Erdboden gestampft. Wir gehen zu drei Kliniken, die die mutigen Ärzte in Aleppo als Ersatz und Kompensation aufgemacht haben, um wenigstens die schlimmsten Krankheiten behandeln zu können. Wir schauen uns die Operationssäle im Keller eines Wohnhauses an, die Apparaturen laufen alle mit Generatoren, denn Aleppo hat keinen Strom mehr, was in Zeiten dieses sibirisch harten Winters etwas unglaublich Anstrengendes ist.

Diese Ärzte sind die Helden der Lage. Sie würden den Medizin-Nobelpreis verdienen, auch zusätzlich den Friedens-Preis mehr als viele Institutionen, denen das Stockholmer Komitee diesen Preis verliehen hat. Es gibt eigentlich nichts mehr für die Menschen in Syrien, das man als lebenswert, menschenwürdig bezeichnen könnte. Es funktioniert der Staat nicht, im Gegenteil, diese ganze Bevölkerung erlebt ihn als Angreifer auf die Bevölkerung. Wieder haben wir die Schrecken der Verwüstung auf dem Marktplatz in Azaz mit ansehen müssen.

Eine Vakuumbombe hat mehrere Häuser in den Eingeweiden der Stadt restlos zerstört und viele Menschen unter sich begraben. Das geschah am 13. Januar. Vor zwei Wochen am 24. Januar gab es eine Rakete, die in vier Wohnhäuser hineinraste und 15 Menschen zerriss, tötete, darunter ein neun Monate altes Baby. Als wir vor dem Elend der Verwüstung stehen, wischen sich die hartgesottenen Männer um uns herum, die uns den Gräuelplatz zeigen, die Tränen aus dem Gesicht. In Tal Rafaath gab es vor einer Woche noch eine Bombe, mit der Folge, dass sich wieder viele Menschen, Väter, Mütter den Kopf zerbrechen, ob sie nicht um der Kinder willen doch den Weg in das türkische benachbarte Exil antreten müssen.

Gleichzeitig muss ich voller Bewunderung sagen: Was die Menschen dort unter unmöglichen Bedingungen noch als Normalität einer kleinen Gemeinde organisieren, ist beispielhaft und verdient unseren größten Respekt. Nicht nur die Ärzte, auch die Imame des Scharia-Gerichts, die sofort zur Stelle sind und Streit schlichten und uns beim Wiederaufbau helfen. Auch die Leute aus der Zivilverwaltung, die am Morgen immer noch die Bündel mit dem syrischen Fladenbrot vorbeibringen, das allerdings im Preis um mehr als das Doppelte gestiegen ist.

Die Menschen wissen weder ein noch aus, sie haben keine Arbeit, damit kein Einkommen. Gewiss, wie in jeder Kriegssituation gibt es Reiche und auch Kriegsgewinnler. Natürlich gibt es jetzt die Heizöl- und die Dieselmafia, die das teure Gut immer noch über irgendeine Grenze schmuggelt. Aber die Disziplin ist vorbildlich.

Keljebrin, dort sind die 130 Mädchen und die 370 Jungen weiter dabei, jeden Tag zum Unterricht zu kommen. Die Lehrer sind stolz darauf, dass sie ihre Schule aufrecht erhalten. Der Brief des Schuldirektors an die Bundeskanzlerin Angela Merkel ist schon längst in Berlin mit der deutschen Übersetzung und dem schönen Satz: „Wir wollen sagen: Es besteht ein großer Unterschied zwischen denjenigen, die alles zerstören und denjenigen, die wieder aufbauen!“

Wir haben mit der Erneuerung der Hauswirtschafts-Berufsschule in Tal Refaath angefangen, gleichzeitig werden die Einschusslöcher in der Mädchenschule zubetoniert, neu verputzt und das Schulmobiliar erneuert. Dann haben wir unseren Mann für Baufach-Angelegenheiten, Martin Mikat, der sich für die Grünhelme schon in Pakistan nach der Flutkatastrophe und in der Demokratischen Republik Kongo geschlagen hat, nach Tal Refaath geschickt, damit er dort mit den Arbeiten für den Neubau der Dritten Schule beginnt. Diese Schule ist im Innersten getroffen. Das ganze Treppenhaus der zweistöckigen Schule wurde entblättert, das gesamte Mauerwerk wurde ins Wanken gebracht, so dass wir vor der entscheidenden Frage stehen, können wir Teile der Schule – durch Strahltrassen verstärkt – noch weiter benutzen oder müssen die größeren Teile der Schule angerissen werden?

Wie kann man noch mehr helfen?

Die kleinen Orte, auch Azaz, brauchen Bergegerät, das man nur in unseren Gemeinden hat. Wenn sich also eine Gemeinde bereit erklärt, so ein Fahrzeug zu stiften, dann würden wir das über zuverlässige Leute an die Grenze bei Kilis und über dieselbe fahren. Vielleicht entschließt sich eine Gemeinde auch mal zu einer Not-Partnerschaft mit einer syrischen?  Die Orte brauchen Müllentsorgungsfahrzeuge und Mülltonnen, Aleppo versinkt in einem Wust und einer Atmosphäre von Ver-Müllung.

Zur politischen Lage fällt mir nicht mehr viel ein. Nur, dass einige skeptische Syrer jetzt beginnen Hoffnung auf ein Ende des mörderischen Regimes zu haben. Die Straße zum Flughafen bei Damaskus solle ebenso in Händen der Rebellen sein wie die Autobahn nach Süden, nach Jordanien. Es gibt einen frontalen Angriff bei Damaskus auf das Zentrum der Macht, die Zentrale der Geheimdienste, die das Regime noch notdürftig über Wasser halten. Die nächste Voraussage geht auf Ende März / Anfang April diesen Jahres.

 

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