„Es ist beschämend, dass die ganze Welt nur zuschaut“
Brief unseres Grünhelme-Teams aus Tal Rafaat in Syrien

28.02.2013Wir waren fast vor Rührung und innerer Bewegung überrollt, als wir am 24. Februar diesen Brief von Martin Mikat im Namen unseres Dreier-Grünhelme-Teams lasen. Wir haben eine so klare solidarische Haltung für Menschen in Not uns immer gewünscht. Jetzt wurde uns diese Haltung in diesem Brief ausgedrückt. Es tut gut auch für die nächsten Tage, Wochen und Monate unserer Arbeit in Syrien und anderswo, sich an diesen Brief zu erinnern.

24. Februar 2013

Lieber Rupert,
morgen habt ihr ja wieder Rekrutierungstreffen, da wollte ich dir mal schriftlich unsere momentane Situation beschreiben. Am Tamadur Gymnasium sind wir bis auf einige kleine Restarbeiten durch. Der erste Stock ist gestrichen und die Maler werden übermorgen in das Erdgeschoss wechseln. Wir hatten uns noch dazu entschieden den Hof zu entwässern, da sämtliche Wände große Probleme mit Durchnässung hatten.

An der Mädchenschule haben wir begonnen, den Putz auszubessern. Wir müssen jetzt warten bis die Decke der beiden neuen Gebäude ausgehärtet ist, damit wir den Hof Pflastern können und am Gebäude selbst weiter arbeiten können. An der neuen Schule Jamal Jammal ist der Asphalt aufgebrochen und ich werde morgen das Schnurgerüst setzten. Es ist problematisch gewisse Baumaterialien (Holz) ran zu schaffen. Deswegen verzögert sich der Bau immer wieder. Für den Abriss haben wir jetzt den Bauingenieur von Saru verpflichtet, die Baumaßnahmen zu begleiten. So haben wir dafür einen Mann vom Fach vor Ort. Im Anhang schick ich dir noch diverse Verträge mit, aus denen du die Einzelheiten, bei Bedarf, entnehmen kannst.

Wichtig für dich und die evtl. neuen Mitstreiter hier noch etwas zur Sicherheitslage. Momentan sieht es so aus, dass wir so gut wie jede Nacht unter Artilleriebeschuss stehen. Meist gilt dieser aber dem nahen Flughafen. In den zwei Wochen, in denen ich jetzt hier bin, sind außerdem drei Vakuumbomben oder Scud-Raketen in der Stadt nieder gegangen. Wir werden die Tage in ein benachbartes Dorf umziehen, um vielleicht so wenigstens nachts „sicherer“ zu sein. Ich kann für uns alle drei sprechen wenn ich sage: Wir wollen unbedingt die Arbeit fortsetzten und das Risiko, welches besteht, in Kauf nehmen. Ich denk diese Informationen sind für „Rekruten“ und ihre Entscheidung wichtig.

Wir gehen nur ungern aus Tal Rafaat weg, weil wir den Menschen gegenüber dadurch ein schlechtes Gewissen bekommen. Aber die Sicherheit geht nun mal vor.

Ich habe in meiner Zeit als Grünhelm unsere Arbeit noch nie für so wichtig und richtig empfunden wie in diesem Land. Die Herzlichkeit und Freundlichkeit, die uns hier entgegen getragen wird, kennt keine Grenzen. Es ist wirklich bewundernswert wie die Menschen hier, zumindest oberflächlich, einfach ihren Alltag durchziehen, als gäbe es keinen Tod und Zerstörung um sie herum. So eine Stärke ist imposant. Zugleich ist es beschämend, dass die ganze Welt nur zuschaut. Leider haben genau das die Menschen hier schon begriffen. Wenn ich ihnen sage, dass ich mich dafür für Deutschland schäme, sagen sie nur: „ Du brauchst dich nicht für Deutschland schämen, es gucken doch alle nur zu.“ Umso mehr wird unsere winzig kleine Solidarität, in Form von drei Grünhelmen vor Ort, geschätzt. Allein dieser Beitrag reicht für mich als Grund schon aus, hier zu arbeiten.

Jetzt bin ich ein wenig vom Thema ab gekommen. Ich hab hier noch eine Liste von Sachen die wir hier mehr oder weniger dringend benötigen:

  • 2 Bandmaß aus Metall 30m
  • Grünhelme Laptop, wir haben den vom Jochen, aber es ist immer gut einen Computer von den Grünhelmen hier zu haben. So bleiben immer alle wichtigen Daten vor Ort und alle wichtigen Dokumente (Leeres Kassenbuch, Eigenbelege etc.) sind vorhanden. Außerdem kann man so z.B. alte Informationen (Preise) nachschlagen.
  • Wenn der nächste Grünhelm mit dem Auto kommt, könnte er einen Drucker mitbringen. Wir konnten hier keinen auftreiben und ohne Auto (mit unserm dürfen wir nicht) kommen wir auch nicht so einfach in die Türkei zum Einkaufen. Und nur um einen Drucker zu kaufen, naja.
  • Thomas hat auch immer ganz gern mal ein oder zwei gute Handsägen mitgegeben. Da du ja hier längerfristig planst, habe ich hier mal eine Grünhelme Werkzeugkiste mit Grundbedarf angelegt. Aber eine gute Handsäge ist immer schwierig zu bekommen.
  • Schokolade…
  • Wenn der nächste Grünhelm mit dem Auto kommt, hat er ja sicher Platz. Vielleicht kann der Thomas nochmal von der Firma Berner oder sogar Siga ein schönes Paket abstauben (Handschuhe, Meterstäbe etc.)
  • Wasserfilter, solche wie im Kongo. Ich schaue mich hier noch mal um, aber ich habe bis jetzt keine gefunden. Die Wasserqualität ist soweit gut, aber es durch einen Filter zu schicken kann nicht schaden.

Ich schick dir morgen auch mal die Kalkulation für die neuen Gebäude mit. Ich weiß nicht, ob die für dich von Interesse sind, aber so geht sie bei einem Teamwechsel nicht so leicht verloren. Außerdem noch ein paar ganz aktuelle Bilder vom Bau.

Lieben Gruß, Martin Mikat

 

Posted in Syrien