„Europa nimmt unsere Rohstoffe, aber nicht unsere Menschen auf“
Gespräch mit dem Pfarrer in Nouadhibou, Father Jerome Dukayio

24.02.2010Wir haben dieses Gespräch hoch über dem Hafen von Nouadhibou geführt, der zum Schicksalshafen für tausende junger afrikanischer Migranten geworden ist. Denn von hier aus, aus dem dicht mit Piroggen und Schiffen angefüllten Hafen von Mauretanien machen sich immer wieder junge Afrikaner in seeuntüchtigen Booten und Piroggen auf den gefährlichen Fünf-Tage-Fünf-Nächte Weg über den Atlantik auf die Kanarischen Inseln, wo sie vermeintlich den Fuß auf den gelobten Kontinent Europa setzen.

Jerome Dukayio – Priester und Pfarrer in der Gemeinde – kümmert sich um alle, die bei ihm Einlass begehren und gibt ihnen die Möglichkeit, etwas zu lernen. Die Kurse für die Sprachvermittlung, für Computer, für das Hotelgewerbe sind proppenvoll. Jetzt wollen die Grünhelme mit ihm zusammen auf seine Halle noch eine Solaranlage installieren und auch gleichzeitig eine Ausbildung zum Solarteur beginnen.

Rupert Neudeck: Jerome, Sie sind aus dem großen Land Nigeria hierher nach Mauretanien gekommen, als katholischer Priester, um in einer islamischen Republik eine Katholische Pfarrei zu leiten. Was sind die größten Unterschiede von Nigeria, wo Sie herkommen und Mauretanien, wohin Sie versetzt wurden?

Jerome Dukiayo: Das ist hier nicht nur ein anderes Land, dessen Klima ganz anders ist. Es setzt sich auch aus einer arabischen und einer schwarzafrikanischen Bevölkerung zusammen. Und dann kommt noch dazu, dass wir es hier mit einem Land zu tun haben, das aus einer hundertprozentigen muslimischen Bevölkerung besteht. Dann gibt es auch einen Unterschied in der Mentalität der Menschen in meinem Heimatland und in Mauretanien. Die Menschen hier sind schlicht langsamer. Insgesamt gibt es für mich sehr viele Unterschiede, obwohl das eben alles Afrika ist. Ich bin hier als Katholik mitten in einer muslimischen Bevölkerung. Und in dieser Bevölkerung haben die „Weißen“ die führenden Positionen inne. Was man „weiß“ nennt, sind die Araber.

Rupert Neudeck: Gestern fand ich das wunderbar, zu erleben, dass die Leute aus den Sprachkursen zur Gebetszeit herauskamen und auf dem Compound der katholischen Kirche ihr Gebet verrichteten. Das sind natürlich sehr gute Voraussetzungen für unser Projekt, wenn die beiden Religionsgemeinschaften so gut zusammenarbeiten?!

Jerome Dukayio: Ich sehe das als eine Herausforderung an uns Christen. Erst mal ist es für mich nun wieder nicht so fremd, weil wir in Nigeria 40 Prozent Muslime und 40 Prozent Christen haben. Im südlichen Nigeria leben wir als Brüder und Schwestern zusammen. Da gibt es gar kein Problem. Das ist eine schöne Herausforderung hier für uns Christen. Denn wir zeigen damit, dass wir hier nicht da sind, um die Muslime zu bekämpfen oder zu besiegen. Hier sind die Menschen ganz frei, ihrer Religion zu folgen. Das sollte auch unsere Richtschnur sein: Freiheit. Die Menschen hier sollen bei ihren sozialen Arbeiten ganz frei sein, alles zu tun. Und die Muslime kommen hier aus den Kursen heraus zu den Gebetszeiten, um ihr Gebet zu verrichten. Ich finde: Es ist ein ganz wunderbares Zeichen, dass die Muslime hier auf unserem Compound vor der katholischen Kirche ganz selbstverständlich ihr Gebet verrichten.

Rupert Neudeck: Die größte Herausforderung in der Politik besteht in der Migration junger Afrikaner auch und gerade hier nach Nouadhibou. Sie haben mir die statistischen Papiere gezeigt, nach denen hier im Untergrund von der Hafenstadt tatsächlich junge Menschen aus sechzehn afrikanischen Ländern leben, die meisten warten auf eine Pirogge, um damit auf die Kanarischen Inseln und damit in den gelobten Kontinent Europa zu gelangen.Was bedeutet das persönlich für Sie?

Jerome Dukayio: Ich bin von dieser Arbeit ganz fasziniert, bei der ich mit diesen jungen Leuten zu tun habe. Und ich bin auch empört darüber, wenn ich erfahre, dass diese Leute kriminalisiert werden, nur weil sie ein Menschenrecht beanspruchen. Die kommen hier aus allen Himmelsrichtungen, aus Nigeria sogar, aus dem Kongo, aus Kamerun, aus Togo, Benin, natürlich auch Mali, Ghana, Elfenbeinküste und Guinea und Guinea Bissao und dem Senegal. Sogar ein Pakistaner fand sich hier ein. Und die haben alle Probleme mit den Regierungen in ihrem Land. Sie haben keine verantwortlichen Behörden, die sich um sie kümmern. Sie haben keine Arbeit. Deshalb machen sie sich auf den Weg. Wir versuchen sie zu verstehen sie wahrzunehmen, der Compound der Kirche ist ständig auf. Wir versuchen ihnen Informationen zu geben, auch darüber wie gefährlich die Reise mit der Pirogge ist.

Rupert Neudeck: Es war hier eine Delegation des Europäischen Parlamentes, die Sie gesprochen haben. Sie haben diese Delegation geradezu gezwungen, sechs betroffene Migranten zu sprechen und nicht nur Funktionäre. Was ist Ihr Haupteinwand gegen die EU Politik?

Jerome Dukayio: Ich bin ganz entsetzt über diese Politik. Diese westlichen Länder nehmen alle unsere Rohstoffe gerne an und auf, aber die Menschen dieses Kontinents wollen sie nicht akzeptieren. Diese sog. Zivilisierten Nationen haben die Menschenrechte kodifiziert, aber wenn Afrikaner sie beanspruchen wollen, dann wird daraus nichts. Bei unseren Rohmaterialien und Rohstoffen schließt Europa nicht die Grenzen, sondern macht sie sperrangelweit auf. Die Afrikaner selbst kommen hier auf tausenden von Kilometern an und wollten einmal Europa erleben, sie rütteln an den Grenzen, aber sie werden nicht angenommen. Ich habe diese Mitglieder des Europäischen Parlamentes gefragt: Wenn unser Öl aus Nigeria, unser Kakao und unser Kaffee, unser Eisen und Kupfer nach Europa darf ohne irgendein Problem, warum nicht auch einige Afrikaner? Unsere Afrikaner hier stellen sich diese Fragen. Sogar die Intellektuellen können nach Europa, aber wenn hier normale arbeitsfähige Leute kommen, dann schließt Europa seine Tore. Das ist unglaublich.  Diese Menschen werden nach einem Weg nach Europa suchen und werden einen finden.

Rupert Neudeck: Kann denn auch hier in Ihrer Stadt Nouadhibou etwas getan werden? Die Grünhelme haben ja schon ein Zentrum aufgebaut, in dem Computer- , Sprach- und Hotelier-Unterricht stattfindet. Was kann mehr geschehen?

Jerome Dukayio: Wir haben hier in dem Zentrum, das die Grünhelme gebaut haben, alle möglichen Formen von Unterricht. Sprach- Unterricht, aber auch Computer und Alphabetisierungskurse. Und wir machen Konferenzen, um den Migranten mehr Informationen zu geben. Wir machen Konferenzen über die Menschenrechte und über gesundheitliche Probleme. Das Geld, das die Europäische Union in die Bewachung des Seeraumes vor unserer Küste steckt, die Hubschrauber und Flugzeuge von Frontex die könnten viel sinnvoller für eine Ausbildung und Berufsausbildung in diese Jungen Menschen investiert werden.

Rupert Neudeck: Kann denn Solarenergie eine Möglichkeit sein, dass diese jungen Afrikaner die modernste Technologie lernen. Und kann die Berufsausbildung zu Solaringenieuren und Solarteuren einen Weg geben, der sie unter Umständen zurückbringt?

Jerome Dukayio: Wir haben hier in Afrika ja jeden Tag und 350 Tage im Jahr die Sonne. Und damit haben wir einen Königsweg für diese Königstechnologie. Wir sollten hier Möglichkeiten den jungen Afrikanern geben, sich in dieser modernen Technologie zu spezialisieren. Es sollte auch hier daran gedacht werden, ob wir nicht diese Energie auch hier selbst produzieren und exportieren könnten?!

Aufgezeichnet am 18. Februar 2010 in Nouadhibou, Mauretanien

 

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