„Guma Guma“ oder Beten für Deutschland
Rupert Neudeck aus Ntarama, 40 km. östlich von Kigali/Ruanda

11.07.2010Alle Ruander bedauern, dass die deutsche Fußballmannschaft das Endspiel nicht erreicht hat und von Spanien geschlagen wurde. Die ruandische Ministerin Angelina Muganza sagte es mir bei der Feier zur Verabschiedung von 20 Studenten als Elektro- und Bau-Techniker des Nelson Mandela Educational Centres in Ntarama, wie sehr sie die Niederlage der Deutschen Mannschaft bedauert hatte.

Die Kongolesen, bei denen ich das Spiel Deutschland gegen Spanien mir noch hatte ansehen können, wollten sogar den Beistand Gottes herbeiflehen in der Halbzeit. Der Vize-Gouverneur der Provinz Süd-Kivu Jean-Claude Kibala, der mit uns das Spiel über eine breite Leinwand in dem Haus eines deutschen Unternehmers in Bukavu, der Hauptstadt der Provinz, hatte sehen konnte, bekam einen Anruf des Bischofs von Bukavu. Und er gab den Inhalt in der Pause sogleich preis: Der Bischof wollte „für die deutsche Mannschaft beten“, damit sie am Ende gewinnen würde. Und Jean-Claude Kibala, der 15 Jahre in Deutschland gelebt und studiert und als Bauingenieur gearbeitet hatte, war sich auch der sehr deutschen Definition des Fußballspieles sicher: Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten „und am Ende gewinnt Deutschland“.

Alle gemeinsam – ob Kongolesen oder Ruander – sind stolz darauf, dass es Afrika ist, der unterschätzte Kontinent, der diese Fußball-Weltmeisterschaft austrägt. Aber gerade bei dieser WM im Fernsehen werden die Zivilisations- und Technologie-Abstände der einzelnen Regionen Afrikas besonders deutlich. In Kibe am Ende der Welt des Kongo, gibt es ein größeres Haus, das sich wie eine Art Restaurant gibt, in dem der Besitzer etwas reicher ist, einen Fernsehapparat mit einem Generator betreibt und daraus ein Geschäft macht. Für das Semifinale „Pays bas Niederlande – Uruguay“ verlangte er von jedem im Raum 100 FC, das sind 20 cents. Diese Menschen sind einerseits auf dem Stand Deutschlands von 1946, sie kommen aus dem „ersten Weltkrieg in Afrika“ (US-Außenministerin unter Clinton, Madeleine Albright) heraus.

Die Kriege in der Nachfolge des Völkermordes in Ruanda und der 30 Jahre Kleptokratie im Kongo unter Mobutu sind vorbei. Es gibt einen Fernseher, so wie ich als kleiner Schüler 1954 in Hagen/Westfalen das Endspiel in Bern in einem Weltkriegsbunker-Restaurant gesehen habe mit zweihundert anderen Deutschen zusammen.

In Ruanda versucht man mit riesigem Ehrgeiz den Anschluß an die Weltgemeinschaft zu schaffen. Public Viewing in der Öffentlichkeit der Hauptstadt: Etiamsi omnes, dann können wir das auch. Also macht man das immer noch berühmt-berüchtigte Amahoro (deutsch: Frieden)-Stadion in der Mitte Kigali frei für ein Volksfest. Berüchtigt, weil hier die UNO-Truppe, die UNAMIR mit 2700 Mann 1994 ihr Hauptquartier hatte, als der Völkermord ausbrach am 6. April und diese Truppe dann ohne Scham das Land verließ, damit der Völkermord dann an den Tutsi und den versöhnungsbereiten Hutu beginnen konnte.

Die Stimmung am 10. Juli ist ausgelassen und interessanterweise auch für „L’Allemagne“, man hörte die französische Moderatorstimme, die immer wieder mit Bravour das urdeutsche „L’Allemand Schweinsteiger“ herausbrachte, das ur-deutsche „Müller“, weniger gut den türkischen Namen Özil, dafür aber gut den des Brasilianers Caucau. Als das zweite Tor für die deutsche Mannschaft fiel: Großer Beifall. Als das dritte fiel: Frenetischer Beifall. In Ruanda gab es auch Schadenfreude für die Niederlage und den schmählichen Abgang der französischen Equipe. Die Verhältnisse zwischen dem ursprünglich (mittlerweile anglophon werdenden) französisch-sprachigen Ruanda und Frankreich sind immer noch sehr gespannt, tiefinnerlich. Zwar machte Nicholas Sarkozy im März hier einen ersten Staatsbesuch bei Paul Kagame, aber die heimliche Beteiligung französischer Waffenlieferungen an die Genocidaires, der ruandischen Völkermörder, hat die Beziehungen nachhaltig zerstört.

Im Fußball ist man noch nicht so weit, obwohl man gern die Beteiligung der eigenen Mannschaft gesehen hatte. Sport, und besonders Fußball kann für die Nation Building in Afrika nicht überschätzt werden. In der ruandischen Mannschaft ist das wahrscheinlich am weitesten vorangetrieben: Ich sehe nicht mehr Hutu noch Tutsi, es sind alle Ruander, und der beste ist der, der die meisten Tore für die Nation schießt.

Alle im Kongo wie in Ruanda bedauerten den Ausfall der stärksten Mannschaft, der von Ghana. Aber es hat mit der Korruptionsanfälligkeit der Verbände zu tun. Wo viel Geld zu holen ist, da ist in Afrikanischen Ländern eine gewissenlose Gier bei den Eliten. Das betrifft auch die Fußball-Nationalverbände. Deshalb lebt der internationale Fußball, leben die großen Clubs in Europa von afrikanischen Fußball-Könnern und Künstlern, aber die afrikanischen Mannschaften und auch Nationalteams selbst haben es noch nicht geschafft.

Es gibt eine lustige Reklame auf den Plakatwänden in Ruandas Straßen. Für die WM macht die Biersorte „Primus“ (eine Tochter der belgischen Heineken Brauerei hier) Reklame mit den beiden herrlichen Worten: GUMA GUMA, was im Zusammenhang mit der Bierflasche einfach nur heißt: Trink weiter oder auch: Trink (ruhig) mehr. „Guma Guma“ wurde für uns hier der Slogan der WM, sehr afrikanisch, wenig sportlich effektiv. Und als Zeichen, was Afrika im Internationalen Fußball noch lernen muss, um die Spitze zu erreichen.

 

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