Hilfe für die „Unerwünschten“
Neues Grünhelme-Projekt im Libanon für syrische Flüchtlinge

20171011_122430Die Grünhelme haben in der letzten Septemberwoche ihr erstes Projekt im Libanon gestartet. In der südlichen Hafenstadt Saida wird ein riesiger Rohbau winterfest gemacht, in dem knapp 1.500 geflüchtete Syrerinnen und Syrer untergekommen sind

Der Libanon ist das Land, das im Verhältnis zu seiner Bevölkerung die meisten geflüchteten Menschen aufgenommen hat. Neben der „Stammbevölkerung“ von 4,5 Millionen Einwohnern, leben hier durch die diversen israelisch-arabischen Kriege 450.000 palästinensische Geflüchtete und mittlerweile auch etwa 1,5 Millionen Syrerinnen und Syrer. Letztere sind vor allem sunnitische Araber, die vor der hemmungslosen Gewalt der assadschen syrischen Armee geflüchtet sind. Während in anderen Staaten der Region internationale Organisationen eine einigermaßen funktionierende Infrastruktur für die Geflüchteten etablieren konnten, in dem neben Wasser und Nahrung auch die medizinische Infrastruktur und Bildungsangebote für die Kinder gedeckt sind, wurde dies im Libanon von der Regierung verhindert. Mehr noch: Die Geflüchteten werden weitgehend sich selbst überlassen, dürfen offiziell nicht arbeiten und sind willkürlichen Übergriffen durch Polizei und Armee ausgesetzt. Es wird ihnen jeden Tag ein Gefühl des Nicht-Gewollt-Seins vermittelt, wobei sie doch inoffiziell die libanesische Wirtschaft am Laufen halten, durch Schwarzarbeit auf dem Bau oder als Reinigungskräfte. Es hat sich eine syrische Parallelgesellschaft herausgebildet, die hier und dort eine Verbindung zur libanesischen Gesellschaft hat, jedoch absolut rechtelos ist. 

In der südlibanesischen Küstenstadt Saida ist das Ouzai Center ein Ort dieser Parallelgesellschaft. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Oberklasse-Autohäusern, Strandbars und Privathospitals befindet sich dieser riesige Rohbau, der einst eine islamische Universität werden sollte. Seit sechs Jahren haben hier syrische Familien Zuflucht gefunden, erst nur einige wenige, mittlerweile weit über 200, sodass heute fast 1.500 Menschen in dem fünfstöckigen Gebäude, in kleinen durch Sperrholzplatten abgetrennten Räumen leben. Alle Familien stammen aus einem Dorf in der Nähe von Hama. Das Leben der Menschen hat sich von einem Bauerndorf in Syrien in ein Gebäude im Südlibanon verschoben, zusammen mit der Großfamilie und den Nachbarn. Früh morgens stehen die meisten arbeitsfähigen Männer und auch einige junge Frauen mit ihren Beuteln bereit und warten auf Busse, die sie abholen und auf Baustellen bringen. Unterdessen schruppen die Frauen den großen Hof, fegen die Treppenhäuser oder sammeln den Müll ein, den ihre Kinder überall im und um das Gebäude herum verteilt haben. Insgesamt ist das Gebäude nie über den Rohbaustatus hinausgekommen: Hohlblock-Zementsteine, teils verputzt, teils nackt, kalter und harter Betonfußboden. Im Inneren Sperrholzplatten und Kunststoffplanen, die den Familien etwas Privatsphäre geben. Daneben Gemeinschaftstoiletten für jede Etage und eine Küche mit eigenem Abfluss und Gasherd in fast jedem Raum. Auf den Winter ist diese Sperrlichkeit nicht vorbereitet. Zumeist hängen nur Planen oder notdürftig zusammengenagelte Bretter vor den Fenstern, sodass die Kälte und Feuchtigkeit in den letzten sechs Wintern mehr oder weniger problemlos eindringen konnte.

Hier setzen wir Grünhelme nun an und bauen massive Holzfenster mit Doppelstegplatten als Verglasungselementen ein. Die Fenster sollen den Familien nun im anstehenden Winter, in dem auch an der südlibanesischen Küste die Temperaturen auf bis zu drei Grad absinken, vor Wind, Regen und Kälte, in ihren kleinen unbeheizten Räumen schützen. Für die Produktion der Fenster haben wir auf dem Dach des Gebäudes im wahrsten Sinne des Wortes unser Zelt aufgeschlagen: Neben unserer Schlaf-Unterkunft und unserem „Büro“ haben wir dort auch eine kleine Produktionsstätte errichtet, in der Tag für Tag die Fenster gebaut werden, die anschließend gemeinsam mit den Familien in ihren Räumen eingebaut werden. Auf dem Dach werden wir von den beiden jungen syrischen Müttern Taiba und Falek unterstützt, die das erste Mal in ihrem Leben mit Akkuschrauber und Bohrmaschine hantieren und mittlerweile jeden Arbeitsschritt so verinnerlicht haben, dass sie fast allein in der Lage sind, die Fenster aus Fichtenholz zu herzustellen. So sind die ersten beiden Obergeschosse bereits mit neuen Fenstern ausgestattet werden. Bis Ende des Monats wollen wir diese Form der Winterbefestigung hier abgeschlossen und insgesamt gut 200 Fenster verbaut haben. Das Zusammenleben mit den Geflüchteten erweist sich als äußerst angenehm. Wurden wir im Vorfeld noch vor Unsicherheiten und möglichen Übergriffen gewarnt, begegnen uns die Menschen mit großem Respekt und großer Herzlichkeit. Nicht nur beim Einbau der Fenster in ihren Räumlichkeiten werden wir mit Tee und Kaffee versorgt, auch abends werden wir meist zu Familien zum Essen eingeladen. Auch als die große Materiallieferung aus Bauholz und Doppelstegplatten kam, haben sich gleich freiwillige Helferinnen und Helfer gefunden, die alles die fünf Stockwerke hoch aufs Dach geschleppt oder mittels Flaschenzug hinaufbefördert haben. 

Im Erdgeschoss eines Flügels des Rohbaus befindet sich eine von einer belgischen Organisation verwaltete Schule, in der die syrischen Kinder auf den Unterricht in den libanesischen Schulen vorbereitet werden. Die kleine Schule mit seinen sechs Räumen, in denen auch eine Psychologin arbeitet, ist baulich in einem denkbar schlechten Zustand: Die Fensterscheiben sind zerbrochen und nur eine Plane verhindert das Tropfen der darüber verlaufenden Abflussrohre in die Räumlichkeiten. Um dieser unhygienischen Situation zu begegnen werden die Grünhelme nun die undichten Rohre austauschen und eine abgehängte Decke einziehen, um den Unterricht in der Schule auch in Zukunft zu ermöglichen.

Im November nun wollen wir unseren Blick ins libanesische Hinterland, in die nordöstliche Bekaa-Ebene an die syrische Grenze richten. Rund um das Örtchen Arsal, in dem es in der Vergangenheit immer wieder Auseinandersetzungen zwischen libanesischem Militär, eingeschleusten IS-Kämpfern und der Hisbollah gab, leben etwa 100.000 syrische Geflüchtete, denen es an fast jeder Unterstützung durch die libanesische Regierung und die internationale Gemeinschaft mangelt. Wir wollen die Menschen in dieser bergigen und kargen Landschaft dabei unterstützen, den winterlichen Härten zu widerstehen, durch den Bau großer Holzunterstände, die die Menschen in ihren Zeltverschlägen vor Regen und Schnee schützen. Hierfür suchen wir noch erfahrene Bauhandwerkerinnen und -handwerker, die uns in unserer Arbeit unterstützen können und wollen.

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