Wenn aus Kurden und Arabern Freunde werden
Idomeni: Ein Erfahrungsbericht unseres Projektleiters David Leitz

29.04.2016_01Jisal ist elf Jahre alt, aufgeweckt und immer fröhlich. Und: er begleitet unsere Arbeiten im Flüchtlingscamp an der griechisch-mazedonischen Grenze mit großem Eifer. Jisal ist eigentlich ein ganz normaler Junge – wären da nicht der Krieg in Syrien und seine Flucht. Jisal ist Kurde. In der Hoffnung auf eine bessere und vor allem sicherere Welt, ist Jisal mit seiner Familie aus der syrischen Stadt Aleppo nach Europa geflüchtet.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die Milchzähne von Jisal zu spät ausgefallen sind, denn ihm fehlen mehrere Vorderzähne. Auch seine Narben am Haaransatz fallen nur auf, wenn man genau hinsieht. Jisals Zähne fehlen nicht, weil sie als Milchzähne ausgefallen sind. Nein, leider nicht. Und seine Narben am Haaransatz hat sich Jisal auch nicht beim Spielen oder einem Fahrradunfall zugezogen. Auch das nicht. Jisal wurde Opfer eines Bombenangriffs in Syrien. Das erzählt uns sein Vater, der uns nach wenigen Tagen in unseren Produktionszelten besucht. Voller Stolz zeigt er uns Bilder seines Sohnes. Bilder, die Jisal nach dem Bombenangriff im Krankenhaus zeigen. Jener Jisal, der uns jeden Morgen pünktlich in unseren Produktionszelten besucht. Manchmal mit ein paar Kleinigkeiten, die beim Frühstück seiner Familie übrig geblieben ist. Oft sind es Äpfel, eine Bananen oder Schokocroissants – oder wie Jisal sagen würde „Schococo“.

Jisals Vater hat allen Grund der Welt auf seinen Sohn stolz zu sein. Denn Jisal ist trotz seines jungen Alters eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Jisal und sein Freund Hasan schaffen das, was vielen Erwachsenen nicht gelingt – eine Freundschaft zwischen Kurden und Arabern. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, mussten wir während unserer Arbeit an der griechisch-mazedonischen Grenze in den Flüchtlingslagern feststellen. Immer wieder gibt es Konflikte zwischen kurdischen und arabischen Flüchtlingen hier in Idomeni.

Auch Hasan hat uns während der vergangenen Wochen treu begleitet. Wie Jisal ist auch er begierig darauf, die Grünhelme bei ihren Arbeiten im Camp zu unterstützen. Bereits nach wenigen Tagen verkündet Hasan uns mit großem Stolz, mit Hilfe eines Übersetzers, dass er später, wenn er irgendwann in Deutschland lebt, auch ein Handwerk erlernen möchte – am liebsten das des Zimmermanns. Wir schmunzeln und sind gleichzeitig ein bisschen gerührt, dass der junge Hasan unsere Arbeit hier bewundert. Doch gleichzeitig stellen wir uns die Frage, ob der Traum des Jungen jemals wahr werden wird. Bisher stehen die Chancen schlecht. Denn die Grenzen bleiben nach wie vor verschlossen; zumindest für Jisal, Hasan und ihre Familien.

Wann werden die Grenzen wieder geöffnet? Wann hat der Irrsinn an der griechisch-mazedonischen Grenze endlich ein Ende? Wie viele Aufstände wird es in Idomeni noch geben müssen? Und wie viele Kinder müssen noch durch die von Grenzschützern abgefeuerten Gummigeschosse verletzt werden, bevor die Europäische Union endlich handelt?

Das traurige Schicksal der beiden Flüchtlingskinder Jisal und Hasan teilen viele Flüchtlingskinder. Und jedes dieser Schicksale ist eines zu viel. Es muss gehandelt werden. Nicht morgen und nicht heute, sondern jetzt!

David Leitz

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