In der Türkei für syrische Verletzte und Flüchtlinge
Erster Bericht aus Antakya

SONY DSCIn der Türkei für Syrien sein, das war ein ganz neues Gefühl für die Grünhelme. Noch in den neunziger Jahren hatten wir in der Türkei und im Nordirak für die Kurden gekämpft, waren mit den Kurden zusammen aus den Quartieren der Türkei nach einem entscheidenden Wort des damaligen britischen Ministerpräsident in den Nord-Irak sicher zurückgekehrt. Das entscheidende Wort damals war „safe heavens“, sichere Häfen müssten die verfolgten Kurden bekommen.

Jetzt haben wir eine andere Situation, die an Leid und Elend vergleichbar ist. Ein Volk wird von seinem Regime bekämpft. Das Volk will den Wechsel des Regimes erst ohne Hilfe und ohne Unterstützung mit Waffen von außen friedlich bekommen, aber der Diktator setzt bis heute alles ein was er hat. Und er hat die Unterstützung von Russland, China, dem Iran. Wie kann man sichere Häfen für die verfolgten und ausgehungerten Syrer aufbauen? Der eine, der es schon getan hat lebt in der Türkei. Er ist für uns der beste Ansprechpartner: Es ist der syrische deutsche-türkische Arzt Dr. Hassan Naggar. Er ist schon 1935 in Syrien geboren. Er hat 30 Jahre als Chirurg in Deutschland, in Hannover und in Baden-Württemberg gearbeitet und spricht deshalb auch fließend Deutsch. Er hat sich aber noch lange nicht zur Ruhe gesetzt. Er hat am 15. 7. in Antakkya, dem kleinen Hafen für die verfolgten Syrer eine gut ausgerüstete chirurgische Unfallambulanz aufgebaut. Er hat ein syrisches Hilfs-Komitee für Verletzte und Vertriebene in Antakya, dem biblischen Antiochien aufgebaut. Er ist unser Gesprächspartner. („Syrians Relief Coordination of Casualties and Refugees in Antakya“).

Die Lage ist noch instabil was die befreiten Zonen angeht. Man hat auf der Seite der Türkei eine freundliche, bereitwillige Bevölkerung. Die auch schon aus eigenem Antrieb sehr viel mehr tut, als die Regierung vielleicht will. Die Regierung hat immer noch viele Angst Komplexe gegenüber Kurden aus Syrien, gegenüber Alewiten aus Syrien und andere Komplexe. Die Bevölkerung haben wir hilfreich erlebt. Auch die gute islamische Hilfsorganisation IHH (Insani Yardim Dernegi), die Verteilung von Hilfsgütern in den Dörfern vornimmt, die ganz einfach Flüchtlingsfamilien aufnimmt, ohne zu fragen, wer das bezahlt und unterstützt. Mahmut Yilmaz sprach mich an, er wäre zu jeder Zusammenarbeit bereit. 150 Familien kamen in Güvecci Köyü zusammen, als ein großer Transport in fünf LKWs mitsamt einer vornehmen diplomatischen Delegation aus Kuweit ankam. Der Bürgermeister dieses Dorfes ist unser zweiter Partner. Er will uns ein kleines Depot zur Verfügung stellen, von dort geht ein Weg, den ich selbst gegangen bin, in eine befreite Zone Syriens, die aber noch nicht so sicher ist wie das gegenüber der türkischen Stadt Kirlis gelegene syrische AZAZ.

Wichtig wäre für eine solche kleine humanitäre Offensive das geheime Einverständnis der türkischen Regierung. Man macht dort in Syrien schon an verschiedenen Punkten den Wiederaufbau zerstörter Wohneinheiten, zerstörter Kliniken und Krankenstationen, und schickt dazu eine kleine Gruppe von Bauingenieuren, Zimmerleuten, Ärzten und Ärztinnen auf die andere Seite. Die müssen sich aber im Bedarfsfall ganz schnell auf die freundliche türkische Seite zurückziehen können. Denn der Endkampf hat begonnen. Die Grenze ist nicht mehr ganz von der syrischen Regime Seite beherrscht. Es gibt befreite Zonen. Aber es gibt weiter Terror aus der Luft. Die Regierungstruppen kämpfen auch um Ihr Leben, weil sie nicht sicher sein können, ob eine Desertion jetzt nicht prämiert wird von der Bevölkerung. Wir trafen einen Kämpfer hoch oben auf dem Berg bei Güvecci Köyü, der uns sein Bein zeigte, in dem noch eine Kugel saß. Er wollte aber nicht nach Antakkya, weil er gehört hatte, dass er dort nicht gut behandelt werde. Also blieb er da.

Man bittet um blutabsorbierende Verbände für die leichtverletzten Syrer, die unter Zivilisten wie Kämpfern in großer Zahl aufkommen, und keine Versorgung haben. In der Nacht, die wir da verbrachten, viel Geschieße und Bombenangriffe aus der Luft und von Helikoptern. Assad hat noch nicht aufgegeben. Vielleicht auch, weil er 25 Minuten Interview Zeit im Ersten deutschen Fernsehen bekam, zur besten Sendezeit. Das würden Francois Hollande oder der Britische Premier Cameron, der US-Präsident Obama nie bekomme.

Dieses ist auch ein Aufruf an das syrische Exil in Deutschland. Wir brauchen syrische Ärzte. Wir brauchen syrische Bauingenieure, um die Arbeit zu tun neben deutschen und rein deutschsprachigen. Wir gehen sonst wegen der Sprache baden. Wir brauchen Unterstützung durch Syrer, die als deutschen Staatsbürger bei uns leben und wohnen. Sie sollen unser Mitgefühl erleben.

 

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