Irak: Der Winter kommt, die Zeit wird knapp.

04.09.2015_7Die Lage ist verheerend: Über 500.000 Flüchtlinge – rund 20 Prozent der Bevölkerung –  sind in die sicheren Gebiete von Kurdistan geflohen. Besonders die Region Duhok ist ein Ziel der ezidischen Flüchtlinge, die in vielen Fällen zu Fuß aus dem Shingal-Gebirge über Syrien vor den völkermordenden IS Milizen geflohen sind. Allein im Zuge des andauernden Syrien-Konflikts sind etwa 200.000 Flüchtlinge in die Region gekommen  – und es werden jeden Tag mehr.

Die ansässige Bevölkerung und die Regierung haben die neuen Flüchtlinge schnell untergebracht. Alle Schulen, Turnhallen und ähnlichen Einrichtungen sind restlos belegt. Kurdistan boomt, überall sind Baustellen, und überall enstehen neue Hochhäuser. Diese stellen die Besitzer den Flüchtlingen nun zur Verfügung. Gestern haben wir uns in Zahko ein erstes Bild von diesen Unterkünften machen können. Eine der größten Übergangsherbergen umfasst fünf 20-stöckige Hochhäuser, von denen jetzt schon drei bis oben hin mit Flüchtlingen belegt sind.

Es ist löblich, wie die Flüchtlinge aufgenommen werden. Eine Grundversorgung mit Essen und Wasser ist gegeben, auch wenn das Wasser häufig knapp ist. Viele Spenden kommen aus dem Kreise der benachbarten Familien. Ein großes Problem stellen jedoch die sanitären Einrichtungen sowie die medizinische Versorgung dar. Wenn nicht schnell gehandelt wird, besteht akute Seuchengefahr. Sowohl die Regierung als auch die lokalen Helfer leisten tolle Arbeit, aber nach zwei Wochen ist es mehr als menschlich, dass sich – besonders in den personellen Bereichen – die Kräfte dem Ende neigen. Vor allem die Ärzte und Krankenschwestern sind mit ihrer Energie am Ende. Die lokalen Helfer sind völlig ausgelaugt. Zudem arbeiten sie seit Monaten ohne Bezahlung, da die irakische Zentralregierung die Zahlungen an Kurdistan vor sieben Monaten eingestellt hat.

Wir haben uns Flüchtlingslager in Zelten, Schulen und auf Baustellen in Erbil, Zahko, Khanke, Duhok Stadt und Shariya angeguckt. Die Lager sind in religiöse Ethnien unterteilt: Christen, Eziden, Kakaii, Muslime. Der UNICEF-Apparat und die Regierung plant, alle Flüchtlinge aus den kleinen Lagern in große Camps umzusiedeln. Dazu sind vorerst 15 Camps geplant, wovon schon acht an Organisation wie UNHCR oder AFAD vergeben sind. Das bedeutet, dass noch sieben geplante Lager fehlen. Die Regierung ist an uns mit dem Wunsch heran getreten, ein Deutsches Camp aufzubauen. Wir hoffen, dass die Bundesregierung sich dazu durchringen kann, zusätzlich zu der schon geleisteten Unterstützung, ein Camp in der Region Duhok zu errichten.

Die 15 Camps werden längst nicht für alle Flüchtlinge reichen. Vorerst sollen all jene Menschen einen Platz in den neuen Camps bekommen, die bislang in den Schulen und auf den vielen Baustellen untergekommen sind. Zudem soll in diesen Tagen an vielen Schulen Kurdistans wieder der Unterricht beginnen – die Schulen werden also dringend gebraucht. Eine weitere große Herausforderung wird in den kommenden Wochen darin bestehen, die vielen „wilden Lager“ für den Winter vorzubereiten, sodass die Menschen auch bei minus Temperaturen eine warme und trockene Unterkunft haben werden.

Ob die Menschen nach Hause zurückkehren können, bleibt bislang ungewiss. Die meisten trauen den Arabern nicht mehr und vieler Orts ist das Misstrauen gegenüber den Arabern schon in Hass umgeschlagen. Es gibt Forderungen, die arabischen Dörfer um das Shingal-Gebirge, und somit um die ezidischen Dörfer, von Arabern zu befreien. Berichte, dass sich ihre Nachbarn (größtenteils Araber) am Genozid beteiligt hätten, häufen sich und die vielen Nachrichten, wo die Araber den Menschen geholfen haben, geraten immer mehr in den Hintergrund.

An eine Rückkehr der Flüchtlinge ist momentanen nicht zu denken. Die Peschmerga kämpfen sich nur langsam voran und die IS-Terroristen haben die Städte und Dörfer vermint. Die Zerstörung in den Dörfern muss verheerend sein. Bei einer Rückkehr werden sich die Grünhelme, wenn nötig und möglich, sofort an den Wiederaufbau von Schulen in den betroffenen Gebieten machen.

Gestern haben wir mit einem jungen Ezid gesprochen, der abseits von Shariya in einem kleinen Dorf mit seiner Familie auf einer Baustelle wohnt. Er berichtete uns, dass das Wasser Durchfall verursacht, dass es an Matratzen zum Schlafen mangelt und dass Toiletten fehlen. Auf die Frage, was die Menschen vor Ort am dringendsten brauchen, antwortet er nur: „Wir brauchen nichts, wir haben alles. Wir wollen hier nicht lange bleiben. Sagt der eurer Regierung, wir wollen eine internationale Schutztruppe, die uns Sicherheit gewährleistet – damit wir zurückkehren können!“