IRAK: wie ein Drama seinen Lauf nimmt und von schon jetzt absehbaren Fehlern …

In der Region Dohuk, einer Region der Autonomieregion Kurdistan im Nordirak, sind Anfang August ca 500.000 Flüchtlinge praktisch gleichzeitig aus dem Shingal Gebirge angekommen. Diese Zahl vergrößert die Bevölkerung der Autonomieregion Kurdistan schlagartig um 11 %, der Regierung Erbil und der Provinz Dohuk um ganze 40 %.

Die aktuelle Situation …

Obwohl die kurdische Bevölkerung und deren Regierung alle flüchtenden Menschen zunächst rührend empfangen und die erste Versorgung angestoßen haben, ist die enorme Zahl der Hilfebedürftigen eine Herausforderung auf allen Ebenen – von der Versorgung bis hin zur Infrastruktur. Zudem ist die Regierung der Autonomieregion, aufgrund der politischen Gemengelage in Bagdad längst zahlungsunfähig und hat sogar Beamten seit 3 Monaten kein Gehalt mehr ausbezahlt.

Zunächst mussten die Menschen notdürftig untergebracht werden. Dafür sind Schulen, unfertige Gebäude und freie Plätze wie Parks zu Zeltlagern umfunktioniert worden. Allein die Grenzstadt Zakho hat 166 solcher Standorte, an denen die gesicherte Versorgung mit Wasser, Nahrung und medizinischer Unterstützung gewährleistet werden muss. Gleichzeitig sind Toiletten und Waschmöglichkeiten notwendig, um durch einfache hygienische Maßnahmen die Ausbreitung von Krankheiten zu vermeiden.

Unzureichende Unterkünfte sind eine weitere Herausforderung. Momentan herrschen sowohl tagsüber als auch nachts noch auszuhaltende Temperaturen, bald wird aber der Winter mit viel Regen kommen. Zwar wird es nicht so kalt wie in Deutschland aber nachts kann es frieren. Die Regierung Kurdistan hat 15 strategisch günstige Orte ausgewiesen, auf denen permanente Camps zur winterfesten Unterbringung errichtet werden sollen. Leider haben bisher aber lediglich einige UN-Organisationen sowie die kurdische und die türkische Regierung zur Unterstützung bei der Einrichtung von Camps bereit erklärt.

Warum Deutschland bei der humanitären Unterstützung so zurückhaltend ist und warum Waffenlieferungen (trotz maroder Transportinfrastruktur) deutlich entschlossener und schneller organisiert werden, ist angesichts der Dramatik im gleichen Maße unverständlich wie unmenschlich.

Ein Drama nimmt seine Lauf …

Ali, ein in Deutschland lebender Jeside, ist nach der Flüchtlingswelle nach Zakho gereist, weil er nichts mehr von großen Teilen seiner Familie gehört hatte. Inzwischen weiß er, dass sie in der Hand der IS-Milizen sind, aber nicht wo sie hingebracht wurden, oder ob sie überhaupt noch leben.
Selbst wenn wir wollten, können wir uns nicht ansatzweise vorstellen, wie groß seine Sorge um seine Angehörigen sein muss.
Gleichzeitig erzählt Ali, wie er von geflohenen Nachbarn erfahren hat, dass die neue Wohnung seiner Eltern komplett zerstört worden ist. Oftmals haben die Familien hier nicht nur Freunde und Angehörige sondern auch ihr gesamtes Hab und Gut verloren.

Und wieder einmal wächst das Misstrauen …

Somit ist es auch völlig offen, wie es für die Menschen nach einer Überwinterung weiter gehen soll. Murat, ein Polizist aus dem Dorf „Siba Schikuder“, im Shingal Gebirge möchte nicht zurück, selbst wenn die IS-Milizen besiegt sind. Er sagt, dass man den Arabern (er meint nicht kurdische Muslime) nicht mehr trauen kann. Die Angst davor wieder Opfer von Übergriffen zu werden zeigt sich hier schon jetzt als eine der dramatischsten Folgen der aktuellen Problematik. Das Misstrauen zwischen ehemalig friedlich zusammenlebenden Volksgruppen und Konfession wird immer größer und droht dauerhaft beschädigt zu werden.

Aufgrund des Ausnahmezustands wächst außerdem zunehmend der Unmut unter den Kurden. Die Versorgung der Flüchtlinge kosten Ressourcen und Geld, Privatleute können ihren Bautätigkeiten nicht weiterführen, Menschen sehen ihre Geschäftsgrundlage bedroht und die Lager stinken aufgrund der mangelnden hygienischen Situation. Vor allem aber wissen alle, dass sich die angespannte Lage auf absehbare Zeit nicht ändern wird. Das führt vermehrt zu Resignation und Unmut.

Selbst nach einer Überwinterung bleibt völlig offen was mit den vielen Menschen passieren wird. Niemand weiß ob sie wieder zurück in die zerstörten Gebiete kehren, oder wo sie sich später ansiedeln. Selbst wenn der ausgerufene „Krieg gegen den IS“ offiziell gewonnen werden sollte, werden die Menschen nicht auf einen Schlag wieder ihr gewohntes normales Leben aufnehmen können. Es ist schon jetzt absehbar, dass das Interesse und die Unterstützung der reichen westlichen Staaten wieder abnimmt.

Aber gerade dann ist massive Unterstützung aus zweierlei Gründen absolut notwendig. Einerseits kann durch einen gut strukturierten Wiederaufbau dafür gesorgt werden, dass Spannungen zwischen Bewohner und Flüchtlingen nachlassen. Vor allem aber Bedarf es eines Zeichens, das auch nach den vielen Krisen im Nahen Osten ein Interesse an einer ehrlich gemeinten, interessenfreien und friedlichen Unterstützung der westlichen Staaten besteht.
Dann wird auch klar, dass es nicht bei einer militärischen, oft als Besetzung empfundenen, Stabilisierungsmission bleibt.

Wir hoffen, dass die Bundesregierung sich schnellstmöglich auf massive Unterstützung einigt, und diese auch über die akute Krise hinaus aufrechterhält. Wir Grünhelme hoffen irgendwann wieder Dörfer und Schulen mit der Bevölkerung im Shingal aufbauen zu können.