Irak/Kurdistan
Der Wiederaufbau in den befreiten Gebieten kann beginnen

12.09.2015_1Ein Jahr nach der Befreiung der Region Zumar aus der Gewalt des selbsternannten Islamischen Staates (IS), beginnen die Grünhelme nun mit ihrem ersten Wiederaufbauprojekt im Nordwesten des Iraks – einer zerstörten Schule in dem kleinen Dorf Upper Kani Sherin, in dem etwa 410 Familien leben.

Neben dem Dorf Upper Kani Sherin zählen noch vier weitere Dörfer zum Einzugsgebiet der Schule: Lower Kani Sherin, Shekak, Sahel Hamad und Homoklee. Obwohl die Menschen ausnahmslos kurdisch sind, bot die alte Schule zwei Schulzweige: einen kurdischsprachigen und einen arabischsprachigen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass zu Zeiten Saddam Husseins, Unterricht in arabischer Sprache vorgeschrieben war. Erst nach dem Irakkrieg 2003, als den Kurden weitreichende Rechte in der irakischen Verfassung zugesichert wurden, war wieder ein Unterricht in kurdischer Sprache möglich. In der Folge entschied sich ein Teil der Eltern für kurdischen Unterricht für ihre Kinder, der größere Teil blieb bei der arabischen Sprache.

Die neue Schule wird zwölf Klassenräume umfassen, daneben jeweils ein Computerraum und Labor sowie Lehrer- und Direktorenzimmer, Lagerräume und einen Teeraum. Daneben wird es auch Schlafräume für Lehrerinnen und Lehrer geben, da einige von auswärts kommen. Insgesamt entstehen vier Gebäudeteile, die in einem Viereck zueinander angeordnet sich und einen großen Innenhof bilden, der Platz zum Fußball- und Volleyballspielen bietet. Zum Innenhof gibt es eine breite und überdachte umlaufende Veranda, über die der Zugang zu den Räumen erfolgt. Um im Sommer der Hitze von bis zu 50 Grad Celsius und im Winter dem Regen zu trotzen, wird es auch zwei sogenannte „Jamming Spaces“ geben – also größere überdachte, aber zu zwei Seiten offene, Räume, die auch bei den hohen Temperaturen einen Aufenthaltsraum im Freien bieten.

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Die Bauweise ist ein klassischer Skelettbau aus Stahlbeton. Für die Wände werden Porotonsteine verwendet, um die Wärmeleitung zu reduzieren. Das Dach wird eine Stahlbinderkonstruktion, die mit Trapezblech gedeckt wird, hinzu kommt eine isolierte abgehängte Decke.

Die Eltern- und Lehrerschaft der Schule ist eng in den Neubau eingebunden. Aus ihr heraus wurde ein Komitee gebildet, das uns Grünhelme nun als Projektpartner gegenübersteht. Mit diesem Komitee sowie den zuständigen Schulbehörden haben wir vereinbart, das zweigleisige System, in kurdischer und arabischer Sprache, weiterzuführen. Das macht es möglich, auch die arabischen Flüchtlingskinder, die während der angestrebten Befreiung Mosuls in diese Region kommen werden, in die Schule zu integrieren.

Gegenwärtig findet die Räumung des Geländes statt. Hierfür konnten wir die Mines Advisory Group (MAG) gewinnen. Eine britische Organisation, die auf die Entschärfung von Sprengstoff spezialisiert ist und seit über 20 Jahren im Irak arbeitet. Mit schwerem Gerät werden die alten Fundamente ausgegraben und den Schutt der alten Schule sortiert, sodass wir möglichst die alten Natursteine für unsere Streifenfundamente unter den Wänden nutzen können sowie den zerkleinerten Beton als Schotter. Die Räumung ist sehr aufwendig und nimmt gut zwei Wochen in Anspruch. Sobald die Räumung abgeschlossen ist, kann die Arbeit losgehen!

Nachdem der IS bei seinem Vormarsch im Nordirak zunächst weite Teile des Gouvernements Ninive unter seine Kontrolle bringen konnte – wie etwa das Sindschar-Gebirge, die Herkunft vieler Jesidinnen und Jesiden, sowie die zweitgrößte irakische Stadt Mosul und den Distrikt Tal Afar, mit seinen Subdistrikten Rabia und Zumar – hat sich die Lage in den vergangenen Monaten deutlich entspannt. Während sich Mosul auch heute noch unter der Kontrolle des IS befindet, ist das Sindschar-Gebirge teilweise, Rabia und Zumar seit Oktober des vergangenen Jahres gänzlich befreit: Mit französischer und amerikanischer Unterstützung aus der Luft konnten die kurdischen Peschmerga in die Region von Osten kommend einrücken und die Dschihadisten des IS vertreiben. Zurück blieben Orte der Zerstörung, die auch heute noch nicht von allen Sprengfallen gesäubert sind. Mittlerweile konnte in der Stadt Zumar und den meisten umliegenden Dörfern die Strom- und Wasserversorgung wiederhergestellt werden – die Grundvoraussetzung, um eine Rückkehr der geflüchteten Menschen zu ermöglichen.

In der Region Zumar leben hauptsächlich Kurdinnen und Kurden, dennoch gehört der Subdistrikt nicht zum kurdischen Autonomiegebiet. Seit der Befreiung durch die Peschmerga wird Zumar jedoch von der kurdischen Autonomiebehörde mitverwaltet. Von den etwa 110.000 Bewohnerinnen und Bewohnern der Region Zumar sind heute etwa 80.000 Menschen zurückgekehrt – in ein Gebiet, das dringend auf Unterstützung von außen angewiesen ist. Bei ihrer Flucht mussten die Menschen alles zurücklassen, während der Besatzung durch den IS wurden die Häuser geplündert oder ganz zerstört, so dass die Menschen bei ihrer Rückkehr vor dem Nichts standen. Die Wirtschaft und der Handel kommen durch die hohen Sicherheitsauflagen nur langsam wieder in Gang und die Landwirtschaft, als wichtigster Wirtschaftssektor der Region, liegt am Boden, auch weil viele Ländereien vermint wurden und bis heute noch als unsicher gelten. Immer wieder gab es Vorfälle, bei denen Schafherden oder die Schäfer selbst Sprengfallen ausgelöst haben.

Die Sicherheit wird von kurdischer Seite gewährleistet: Zumar ist immer noch sogenannte „red zone“, also hochsensibles Sicherheitsgebiet, das nur etwa 25 Kilometer von der Front entfernt liegt. Um nach Zumar zu gelangen sind besondere Genehmigungen der kurdischen Sicherheitsbehörden vonnöten; ohne die, die zahlreichen Checkpoints nicht zu passieren sind. Dennoch: Die Sicherheitslage ist seit der Befreiung stabil.

Mit dem neuen Projekt möchten wir Grünhelme versuchen, die Menschen in der Region Zumar zu unterstützen, wieder in ihrer Heimat Fuß zu fassen. Neben technischer Infrastruktur und Lebensmittelversorgung sind die medizinische Versorgung und die Einrichtung von Bildungsstätten die wichtigsten Bausteine, um eine Rückkehr in die vormals besetzen Gebiete zu ermöglichen und den Menschen vor Ort auch Zukunftsaussichten zu bieten.

Wir freuen uns, dass es endlich losgehen kann – und hoffen, den Menschen im Nordirak mit unserem Projekt ein Stück Normalität zurückzubringen.

Für die weitere Projektdurchführung suchen wir erfahrene Baufachleute sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Kurdisch (Kurmanci) und/oder Arabisch sprechen.

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