Jetzt müssen wir nach vorn schauen!
Zu den Wiederaufbauarbeiten der Grünhelme in Pakistan

12.11.2010_2Noch immer sind die Ausmaße und die Größe der Flutkatastrophe in Pakistan vom August 2010 nicht zu erfassen und zu beschreiben. Rund 20 Millionen Menschen sind betroffen. Sie haben ihr Leben, das ihrer Angehörigen und oder ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Die Beteiligung der Welt war in den ersten Tagen der Katastrophe groß. Es wurden Zeltstädte aufgebaut und Lebensmittel für die Menschen in den Flutgebieten geliefert. Auch die Grünhelme haben Ende August einen Mitarbeiter (Nedim Goletic) nach Pakistan entsendet.

Nedim Goletic hat mit Hilfe von MALC, der bekannten Organisation von Dr. Ruth Pfau, eine Zeltschule eingerichtet und für verschiedene Zeltlager die notwendigen Lebensmittellieferungen organisiert. (siehe vorhergehende Berichte auf www.gruenhleme.de). Mit dieser Arbeit wurde die primäre und größte Not der Menschen in der Sindhregion gelindert. Durch die medizinische Erstversorgung konnten Seuchen verhindert werden. Diese Zeltstädte häufen sich allerdings in der Nähe von Ballungszentren, dort haben auch in der Regel die internationalen Organisationen ihre Quartiere aufgeschlagen und die Menschen sind viele hunderte Kilometer von ihren Heimatdörfern entfernt und leben in ganz neuen Strukturen.

Leider haben wir auch jetzt wieder Anzeichen dafür gefunden, dass es bei dieser ersten Nothilfe bleibt, die Organisationen richten sich in ihrer Arbeit ein und konzentrieren sich auch Monate nach der Flut auf diese Ersthilfe. Doch das Wasser geht zurück und auch die Menschen wollen und müssen zurück in ihre Dörfer, Städte und zu ihren Feldern. Währenddessen werden immer noch neue Zeltlager aufgeschlagen, die dann ordentlich nach Bandmaß aufgebaut und total verweist in der Gegend herumstehen. Doch die Menschen müssen nach diesem Trauma schnell einen Weg in ihr vorheriges Leben finden. Und das können Sie nicht in den Zeltlagern von Hyderabad oder Karachi (im Süden der Sindh Provinz). Hier werden sie zwar versorgt oder besser gesagt alimentiert, jedoch besteht die Gefahr, dass die Menschen in den Lagern bleiben und sich dort einrichten. Welche Ausmaße und welche Gefahren dabei entstehen können, sehen wir in Haiti, wo nach fast einem Jahr die Menschen immer noch in Lagern leben.

Jetzt nach dem ersten Schock, nach den ersten Hilfen in Pakistan ist die Zeit des Wiederaufbaues gekommen mit Blick in die Zukunft. In den ersten Gebieten werden die Felder in den kommenden Wochen wieder bestellt. Jetzt sind auch die Straßen immer häufiger von Traktoren, Eselkarren und LKW gesäumt, die die Flüchtlinge zurückbringen. Und hier setzt die Arbeit der Grünhelme an, in der völlig von den Fluten zerstörten Ortschaft „Sikandar Khoso“, die mit insgesamt 25 Familien ca. 10km östlich der Provinz Stadt Shahdadkot liegt. Als vor drei Wochen unser Mitarbeiter Nedim Goletic mit den ersten Rückkehrern das Dorf aufsuchte fand er nur Trümmerhaufen aus Stroh und Lehmziegeln vor. Schnell war klar, dass wir diesen Menschen beim Aufbau ihrer Häuer helfen müssen. Wir haben jetzt die ersten Modellhäuser fertig gestellt. Die Häuser sind stabiler und hochwertiger als die üblichen Lehmhütten die in den Dörfern standen um die Bevölkerung vor künftigen Katastrophen zu schützen. Ein solides Fundament, die Wände aus gebrannten Ziegelsteinen, ein Flachdach aus Stahlträgern und Ziegeln, welches im Notfall auch als Fluchtort vor dem Wasser dienen kann, bieten die Häuser. Zur Verbesserung der hygienischen Bedingungen wird in jedem Dorf zusätzlich ein Sanitärhaus errichtet.

Alle Materialien für die Häuser sind Standardwaren, die wir ohne Probleme Vorort beziehen können und mit dessen Umgang die Menschen vertraut sind. Wir wollen die Arbeiten schnell, günstig und mit einer hohen Qualität bauen. In jedem Dorf arbeiten die Familien mit zwei gelernten Maurern sowie einem Grünhelm. Die gesellschaftlichen Strukturen in Pakistan ähneln immer noch dem feudalen System. Die sogenannten Landlords haben das Sagen, sie besitzen die Ländereien und sie bestimmen über das Leben der Menschen, sie bestimmen wer auf „ihrem“ Grund und Boden leben darf. Ja sie bestimmen auch, wann Tag und Nacht ist, wie mir ein pakistanischer Mitarbeiter mit einem Augenzwinkern sagte.

Wir als fremde Helfer können an diesem System direkt nichts ändern, wir können nur versuchen den Menschen ein wenig Würde und Selbstbewusstsein zu geben. Das können und tun wir auch, indem wir Ihnen keine „Geschenke“ bringen, sondern Ihnen klare Bedingungen stellen damit sie „IHRE“ Häuser selber wieder aufbauen. Jedes neue Haus ist 28m² groß, hat zwei Räume und eine Veranda, die meist als Küche genutzt wird. Die Materialkosten für ein Haus belaufen sich auf 1.200€, wenn wir noch die Lebensmittelhilfen für die Bauzeit, die Werkzeuge und die Kosten für die Sanitärhäuser einbeziehen, können wir mit Stolz sagen, dass jede Familie ein neues Haus für 1.300€ bekommen könnte.

Schon jetzt reden die Menschen in Sikandar Khoso mit Stolz von ihren Häusern. Und auch mit Freude begrüßen die Menschen jeden Morgen unseren neuen Mitarbeiter, Martin Mikat, wenn er auf die Baustelle kommt. Sie staunen über diesen großen Deutschen nicht schlecht, das liegt zum einen an seiner Statur, aber auch an seinem äußerlichen Auftreten, denn Martin Mikat ist ein Wandergeselle der Freien Vogtländer Deutschland, einem traditionellen Deutschen Gesellen Schacht.

Martin Mikat wird bis Anfang Januar 2011 für die Grünhelme in Pakistan bleiben und in erster Linie alle notwendigen Baumaterialien besorgen, diese auf die Baustelle liefern lassen und mit viel Geduld die Menschen in die Tricks des Bauhandwerks oder besser des genauen Messen und soliden Bauens einweihen. Sobald wir das Grünhelme Team erweitern können, werden wir ein oder zwei weitere Dörfer beginnen. Derzeit haben uns die Spender die Möglichkeit geben 75 Häuser zu bauen. Das ist ein guter Beginn und wir hoffen, dass unsere Spender und unsere freiwilligen Mitarbeiter weiter zu den Menschen in Pakistan stehen, so dass wir noch weiteren Dörfern die Zusage geben können, ihnen beim notwendigen Wiederaufbau zu helfen.

 

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