Kleiner sozialer Wandel in Afghanistan
Besuch in 17 Schulen in dem Distrikt Karoq in Afghanistan

14.08.2012_2Nun haben wir endlich auch eine „Lessing Schule“ in Afghanistan. In Sacharje ging die letzte der 30 Schulen, die die Grünhelme in den Distrikten Golram und Karoq von 2003 bis 2011 gebaut haben, ans Netz. Die Schule in Sacharje ist eine der größten, die der deutsch-afghanische Bauingenieur Zobair Akhi gebaut hatte, mit acht großen Klassenräumen, drei mittleren und zwei kleinen. Es war eine Freude zu erleben, dass die Schülerinnen und Schüler nicht mehr in das gemietete Wohnhaus unter schlechten hygienischen Bedingungen jeden Morgen gehen mussten.

Wir erzählten den versammelten Lehrern, wer dieser Gotthold Ephraim Lessing in Deutschland ist. Dass er einer der vorzüglichsten Kämpfer und Poeten für die Toleranz unter den großen Weltreligionen, zumal unter Islam und Christentum gewesen sei. Das nahmen die Lehrer sehr beifällig wahr. Sie sagten mir, dass da ein Traum wirklich geworden wäre; in dieser großen Ortschaft am Rande der großen Ebene und am Fuß der nach Baghlan hin auftauchenden Berge gab es bisher nur Lehmbauarchitektur. Jetzt haben sie eine wunderbare große Schule, die wie ein Juwel strahlend-weiß die ganze Landschaft überragt.

In Karoq wurde Zobair auf der Straße von einigen älteren Jugendlichen angesprochen, die uns das Konzept eines Jugendclubs vorstellen wollten. Das war ein Erlebnis, denn vor acht Jahren hätte ich mir das in einem afghanischen Dorf nicht vorstellen können, dass junge Leute aus eigener Initiative mit einem solchen Konzept auf uns zugekommen wären. Wir empfahlen ihnen neben den Aktivitäten im Sportbereich auch daran zu denken, sich der wichtigsten Aufgabe des neuen Afghanistan zu widmen: Der Aufforstung und dem Umweltschutz.

In dem Gymnasium von Arba Lek erlebten wir Lehrerinnen, die alle offen und nahbar waren und sofort in die Schulklasse kamen, in der wir dem Unterricht für kleinere Mädchen folgten. Es gibt nicht – so unser Fazit – ein Grau-in-Grau im ländlichen Bereich: Die Dörfer und die Schulen entwickeln sich unterschiedlich. Manche gehen schon voran, wie die Ortschaft und Schule in Malume, die auf Grund einer privaten Initiative sogar zu einer Elektrizitätsversorgung gekommen ist und die auch weiter zu den Schulen gehört, die auf Grund des Schulleiters die Mädchen am heftigsten fördert. Unser Besuch fand statt in der Zeit der sehr diszipliniert eingehaltenen Ramadan Fastenzeit, die auch zu einer Verkürzung des Unterrichts führt. So waren wir, Zobair Akhi und ich, immer um 8 Uhr von Herat losgefahren, weil wir wussten, die Mittagspause begann früher, oft schon 11 Uhr und auch der Nachmittagsunterricht war eingeschränkt. Wir hatten den klaren Eindruck, dass es den Lehrerkollegien gut tat, einmal wieder vorbeizukommen und nach dem Stand und Fortschritt der Schulerziehung zu fragen. Alle waren sehr angetan davon und baten uns, Ihre Dankbarkeit der deutschen Gesellschaft mitzuteilen, die durch ihre Spenden diese Schulen ermöglicht habe.

Zur Politik kann ich nicht so viel Erfreuliches berichten. Afghanistan ist schlecht gestartet. Das Land lebt von der unbegrenzten Unterstützung der Staatengemeinschaft, hat aber selbst so gut wie keine Einnahmen. Dass das ein unguter Zustand ist, weiß jeder, aber er wird in Afghanistan nicht erwähnt. Ein bekannter Afghane meinte, man hätte nur die Amerikaner hier als Armee akzeptieren dürfen und gleichzeitig ein strenges Protektorat machen müssen, in dem die Wirtschaft neu aufgebaut und die Entwaffnung durchgeführt worden wäre. Gleichzeitig wären alle Flüchtlinge in Ihre Dörfer aus Pakistan und dem Iran wieder zurückgeführt worden.

Aber man hätte in den vier Jahren westliche Institutionen eingeführt, die noch oder überhaupt nicht auf das afghanische Leben passen. Das Westminster Parlament z.B. und Wahlen. Das hätte man den Afghanen überlassen sollen. Untergründig verändert sich einiges in Afghanistan, aber es geschieht alles nicht so schnell, wie wir es wahrhaben möchten. Wir haben uns angewöhnt anzunehmen, dass das Burka Tragen und die Segregation der Frauen aus dem öffentlichen Leben aus der Taliban Zeit herkommen, das ist natürlich ein Unfug. Denn das hat in Jahrhunderten sich so eingeübt und eingelebt, dass es doch nicht durch den Entschluss einiger westlicher Mächte und dann noch von Militärs beendet würde. Es sind langsame, kleine Änderungen, die ich feststelle, die aber vielleicht gerade dann sich auswirken, wenn sie nicht von außen beeinflusst sind.

Überall in den Dörfern sind die Frauen und Männer, aber auch die Lehrerinnen und Lehrer mit einem Handy unterwegs. Sie sind angebunden an den Internationalen Verkehr. Die Stimmung in den Dörfern ist eher positiv: Sie sagen, die Moderne nach den Taliban hat ihnen die elektronische Öffnung der Welt gebracht, es hat ihnen den Anschluss der Handelswege über die große Strasse gebracht. Sie hat ihnen eine Schule gebracht, in der jetzt auch Mädchen lernen und sich bilden können. Also sind diese Leute ganz zufrieden.

Die Schulen entwickeln sich, es werden erst Bibliotheken eingerichtet, die Schulbücher sind da, die Jungen und Mädchen sind meistens nicht mehr auf dem Boden auf einem Teppich, sondern auf Schul-Bänken. Es gibt überall Lehrer, die sich des Defizits Ihrer Bildung bewusst sind. Original-Ton eines Lehrers in Damjoo: „I know English only a little, but I am teacher for English in Damjoo”.

Um diese ländliche Bevölkerung ist es uns nicht bange bei den Grünhelmen, dafür sind die Regierungsbehörden von einer abweisenden Bärbeissigkeit, dass es einem die Schuhe auszieht. Die NGO-Behörde ist ein Amt, das will, dass Organisationen nur noch dazu da sind, ihnen Geld zu geben, damit sie die Firmen aussuchen, die demnächst die Schulen bauen: Das geschieht dann so, dass man 180.000 Euro (statt wie bei unseren Schulen 40.000 Euro) für eine Schule hinlegt, 20.000 ist von vornherein für die Behörde, der Rest, also 160.000 für den Aufbau einer Schule. So geht es mit allem in diesem neuen Afghanistan, Behörden sind dazu da, um Menschen/Buerger zu schikanieren und Ihnen zu zeigen, was sie erwartet, wenn sie meinen, sie könnten etwas Eigenständiges beginnen.

Die Grünhelme, so wurde uns mit großer Dankbarkeit in den Dörfern gesagt, haben den Distrikt in Karoq wirklich schulfertig gemacht. Allen, die daran mitgearbeitet haben, auch den Grünhelmen der ersten Stunde, ist es zu verdanken, dass sich diese Arbeit so gelohnt hat. Ich war in den Schulen in Benafschak mit dem unglaublich vorbildlichen Bürgermeister, der uns empfing, in Pahlewan Piri, in der Konrad Adenauer Schule, in der wir erzählten, dass die deutsche Bundeskanzlerin hier am 16. August 2005 zur Eröffnung gern hingekommen wäre, aber durch die vorgezogenen Neuwahlen in Deutschland 2005 daran gehindert wurde.

Die zehn Lehrerinnen und Lehrer unterschrieben gleich einen schön handschriftlich geschrieben Brief an die Bundesregierung, indem es heißt: „Entgegen den Berichten in den Weltmedien können hier alle Mädchen in die Schule gehen und die Mädchen werden auch von Lehrerinnen unterrichtet“.

 

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