Ein Ort des Elends
Zur aktuellen Situation der Flüchtlinge auf Lesbos

09.11.2015Was soll man nur sagen, beim Anblick tausender, zehntausender Menschen, denen jegliche menschenwürdige Versorgung verwehrt bleibt? Es staut sich Wut und Verzweiflung, Traurigkeit und Hilflosigkeit. Lesbos ist eine kleine griechische Insel, mit knapp hunderttausend Einwohnern. Von der Nordküste sind es nur wenige Kilometer zum türkischen Festland. Jeden Tag und jede Nacht kommen hier unzählige Menschen an, mal 500, mal 8.000. Sie sind auf der Flucht aus ihrem Land, vor dem Krieg oder aus Angst vor Verfolgung. Viele von ihnen haben schon eine wahre Tortur hinter sich, bevor sie sich auf die kleinen Schlauchboote wagen.

Die meisten Geflüchteten kommen an der Nordküste an, ein Abschnitt von zehn Kilometern zwischen Eftalou und Skala Sikaminea. Irgendwo dort erreichen sie europäischen Boden. Sie sind zusammengedrückt auf Schlauchbooten, die Angst und dann auch die Erleichterung sind in ihren Augen zu lesen. Manche fallen einem um den Hals, andere auf die Knie und beten. Beim Anlandziehen der Boote werden uns Babys in die Hände gedrückt, um sie so schnell wie möglich in Wärmedecken zu wickeln. Ja, es sind nicht nur junge Männer, es sind auch viele Frauen, viele Alte, Kinder und sogar Säuglinge.

Zu vierzig, fünfzig Leuten sind sie eng auf dem Schlauchboot zusammengezwängt, wagen sich während der Überfahrt kaum zu bewegen, da die Boote so hoffnungslos überfüllt sind. Die Schlepper sind wahrlich keine Heiligen, es sind brutale Geschäftsleute, die auf die Flüchtlinge einschlagen, um noch mehr in die Boote zu bekommen – und an Gewinn herauszuholen. Selbst betreten sie die Boote nicht: Außenborder und Schlauchboot kosten wohl nicht mehr als 3.000 Euro, ein einzelnes „Ticket“ verkaufen sie allein für 1.000 Euro. So ist die Gewinnspanne immens. An Schlechtwettertagen locken sie mit Sonderpreisen, die besonders von den Afghanen in Anspruch genommen werden – sie haben auf ihrer langen Reise schon alles Ersparte ausgegeben.

An ruhigen, sonnigen Tagen dauert die Überfahrt nur 45 Minuten, doch mittlerweile ist es Herbst. Der Wind pfeift, die Wellen sind hoch. So kann der Ritt auf dem Meer auch mehrere Stunden andauern, geprägt von ständiger Todesangst. Und diese ist nicht unberechtigt: Jede Woche ertrinken Menschen, weil die Boote überfüllt sind, die See zu unruhig, weil das Benzin im Motor nicht reicht oder er aus technischen Gründen versagt, oder aber weil das Boot auf scharfe Felsen läuft und aufgerissen oder umgestoßen wird. Häufig sind es Kinder, die leblos von den Rettungsbooten an Land, in den Hafen von Molivos gebracht werden. Viele von ihnen schaffen es nicht.

An Land angekommen, im ersehnten Europa. Ein erstes Ziel ist erreicht, doch haben es sich die Ankommenden so vorgestellt? In den nassen Klamotten, völlig durchgefroren und erschöpft, schleppen sich die Menschen in eines der beiden Erstversorgungscamps, Oxy im Westen, Skala im Osten des nördlichen Küstenabschnittes. Für die meisten sind es viele Kilometer Fußmarsch. Einige Hilfsorganisationen haben Bullis angemietet und transportieren die Flüchtlinge, doch bei der überwältigenden Zahl, bleibt meist nur Platz für Frauen mit Babys, kranke und alte Menschen.

Die beiden Erstversorgungscamps sind Provisorien, die das Leid bestenfalls etwas lindern können. Das Oxy-Camp wurde von der Britin Melinda gegründet, die seit vielen Jahren auf der Insel lebt und eine Kneipe betreibt. Skala liegt in den Händen des orthodoxen Paters Christopherus, eines fünfundreißigjährigen Kaliforniers. Beide Camps werden von Freiwilligen am Leben gehalten, die auf diese Insel kommen, um zu helfen. Es sind meist junge Leute aus der ganzen Welt. Tolle Leute, denen aber in den meisten Fällen jegliche Expertise des Betreibens eines Flüchtlingscamps fehlt. Entsprechend chaotisch und unkoordiniert sind die Zustände.

Zumindest bekommen die Menschen einen warmen Tee und einen Sandwich, manchmal eine warme Suppe, häufig trockene Kleidung und medizinische Notversorgung. Doch für sie viel wichtiger: Ein Busticket in den Süden der Insel, zu den „Hotspots“, den Registrierungsstellen in Karatepe und Moria. Noch vor wenigen Wochen mussten die Menschen diesen knapp sechzig Kilometer langen Weg zu Fuß zurücklegen – auch hier sind immer wieder Menschen an Erschöpfung gestorben. So haben sich die großen Organisationen mittlerweile wenigstens dazu durchgerungen, Busse einzusetzen.

Moria – das ist einer der beiden Hotspots. Hierher werden all jene gebracht, die nicht aus Syrien kommen. Hohe Zäune mit Nato-Draht vermitteln den Eindruck eines Hochsicherheitsgeländes. Ringsherum um diesen Zäunen hocken die Flüchtlinge, um sich endlich registrieren lassen zu können, unter Planen, in kleinen Iglu-Zelten und mittlerweile auch in vom UNHCR aufgestellten Zelten. Der Ort gleicht eher einer Müllkippe. Schlafplätze sind Mangelware, abends ziehen Rauchschwaden über das Camp – um der Kälte zu trotzen suchen sich die Flüchtlinge Brennbares und entfachen Feuer.

Vor zwei Wochen eskalierte die Situation: Die Flüchtlinge wollten sich die Abriegelungstaktik in Moria einfach nicht mehr gefallen lassen. Sie waren es leid, wie gefährliche Tiere ausgesperrt zu werden, ohne Versorgung, ohne Informationen, wann es für sie weitergehen würde. Einige versuchten die Zäune einzureißen, um endlich ihre Registrierung zu bekommen und weiterziehen zu können. Doch die Antwort der Verantwortlichen sind nicht etwa beschleunigte Verfahren oder eine bessere Versorgung, stattdessen werden nun nur noch Busse in den Norden geschickt, wenn Platz in Moria ist. Das Problem wurde in den Norden, in die beiden Erstversorgungscamps, verschoben.

Hier müssen die Menschen nun manchmal tagelang hocken. In Oxy gibt es Schlafplätze für 600 Leute, in Skala für 300. Lächerlich wenig – es gibt Nächte, in denen kommen tausende Menschen in diesen Camps zusammen. Sie schlafen auf der kalten Erde im Freien, viele noch in ihren nassen Klamotten, mit einem Schlafsack oder einer Baumwolldecke, die von den Helfern verteilt wurden. Doch auch ein „Schlafplatz“ bedeutet lediglich ein Zeltdach über dem Kopf, auch hier liegen die Menschen auf dem bloßen Boden, nur eine dünne Matte unter ihnen, eng zusammengezwängt. Für ein 200 Quadratmeter großes Zelt werden 300 Plätze gerechnet, so liegen die Menschen kreuz und quer, dicht aneinander. Beim Durchqueren des Zeltes muss man über unzählige schlafende Körper klettern.

Auch Politik spielt hier eine große Rolle: Vor einer Woche begann ein viertägiger Streik der Fährmänner, die die Flüchtlinge nach deren Registrierung von Lesbos nach Athen bringen. 60 Euro kostet so ein Ticket. Nun wollen die Fährmänner mehr Geld von der Regierung – und diesen Arbeitskampf tragen sie auf dem Rücken der Flüchtlinge aus. Es gab einen großen Rückstau in den Camps im Norden. Die Versorgung musste noch einmal heruntergeschraubt werden. Zum Glück waren es milde Nächte.

Die griechische Regierung gefällt sich im Nichtstun. Der Norden wird allein den Freiwilligen und Organisationen überlassen. Jede kleinste Veränderung in den Camps wird kritisch beäugt, größere bauliche Veränderungen werden untersagt. Die Grundstücke auf denen Oxy und Skala stehen sind Privatgrund, die Regierung hat keinen Boden zur Verfügung gestellt. Die Behörden haben sich noch immer nicht eingestanden, dass für eine lange Zeit viele Flüchtlinge auf dieser Insel ankommen werden. Sie hoffen, dass die Zeit das Problem lösen wird, und solange werden die Flüchtlinge sich selbst oder den völlig überforderten Freiwilligen überlassen.

Vor einigen Tagen war Präsident Tsipras mit dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, auf der Insel, um den Hotspot in Moria zu besichtigen. Schon Tage vorher wurde der Bustransport von Flüchtlingen eingestellt, das Camp wurde komplett gereinigt und auf Vordermann gebracht, um die heile und gutorganisierte Welt präsentieren zu können, während im Norden die Menschen nicht wissen, was sie essen sollen, wo sie schlafen können und wie sie aus ihren nassen Klamotten kommen. Es ist eine Farce!

Wir Grünhelme sind nun seit zwei Wochen vor Ort. Es gibt unzählige Organisationen und Freiwillige hier, aber technisches Know-how ist rar. Wir ziehen Holzfußböden in die Zelte, graben Entwässerungen in den Camps, bauen Dächer, unter denen die Flüchtlinge untergebracht werden können. Der Herbst ist bereits da. Nachts gehen die Temperaturen auf deutlich unter zehn Grad herunter. Bald wird der Regen kommen. Ein Vorgeschmack gab es schon, als es drei Tage regnete: Das Wasser suchte sich seinen eigenen Weg durch die Camps, die Zelte wurden unterspült und es mussten nicht nur viele Menschen im Regen stehen, sondern alle auch in der Nässe schlafen.

Wir errichten nun erhöhte Holzfußböden und leiten das Regenwasser in geordneten Kanälen aus den Camps ab. Bisher haben wir in den vergangenen zwei Wochen auf diese Weise weit über 1000 Schlafplätze winterfest gemacht. Nachdem wir in den Camps im Norden begonnen haben, machen wir nun auch in Moria weiter.

Die Menschen in den Camps kommen aus so unterschiedlichen Ländern und Kontexten, aber sie alle eint der Wunsch nach Sicherheit, nicht nach Freiheit – das ist der große Unterschied zu uns in Europa, für die Sicherheit zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Sie kommen aus Syrien, aus Afghanistan und Pakistan, aus dem Irak und dem Iran, aus Somalia und Eritrea, aus dem Libanon, sogar mit einer Gruppe aus Algerien haben wir gesprochen.

Immer wieder bieten uns die Geflüchteten Leute ihre Hilfe an. Sie wollen etwas zurückgeben und gleichzeitig etwas tun für ihre Leidensgenossen. Sie schleppen Steine, mischen Mörtel, vernageln Bretter. Auch wenn sie zu den Glücklichen zählen, die nur wenige Stunden in den Erstversorgungscamps bleiben müssen, bevor sie in den Bus steigen, nutzen sie die Zwischenzeit, um mitanzupacken. Zumeist haben wir gar nicht so viel Arbeit zu verteilen, wie Freiwillige helfen möchten. Und sobald ein neuer Abschnitt fertig ist, stürmen die Menschen herbei, um sich und ihrer Familie einen dieser wärmeren Schlafplätze zu sichern. Doch es kommt zu keinerlei Gewalttätigkeiten. Die Menschen gehen sehr achtsam miteinander um.

Immer wieder treten Leute an uns heran, die nicht nur helfen, sondern auch reden möchten. Da ist Jamal, ein junger Mann aus dem Iran, der etwas Englisch spricht und nun für zwei Wochen im Camp bleibt, um als Übersetzer für Dari/Farsi zu unterstützen. Da ist Mohammed aus Bagdad, den die Furcht vor den unberechenbaren Autobomben aus seiner Heimat getrieben hat. Da ist Hamid, ebenfalls aus dem Iran, der aufgrund seiner Homosexualität in seinem Heimatland verfolgt wird. Da ist Burhan, der mit seiner Familie aus Afghanistan kam, wo er als Hazara unterdrückt wird. Da ist Mustafa, der aus dem syrischen Idlib floh, weil die Stadt zwischen Assads Truppen, den russischen Bomben und den dschihadistischen Gruppen zermahlen wird. Da ist Raman, ein Kurde, der vor dem IS floh und da ist ein älterer Herr, der im Camp in Skala strahlend auf mich zukam, mir die Hand drückte und fragte „Dalal?“. Ich brauchte einen Augenblick, bis ich verstand, dass wir uns schon aus dem Dalal-Camp im nordkurdischen Zakho, im Irak, kannten. Er ist ein Jeside, der nach dem Vorstoß des IS aus dem Shingal-Gebirge fliehen musste. Nun fiel er mir um den Hals und gab mir den traditionellen, freundschaftlichen Wangenkuss.

Sicher ist nur eins: Auch im Winter werden Menschen über das Mittelmeer nach Europa kommen. Die See wird rauer, die Temperaturen fallen und der Regen kommt, aber sie nehmen diese lebensgefährliche Reise für sich und ihre Kinder auf sich, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sehen. Sie sind müde und erschöpft vom Krieg, von der Gewalt und der Unterdrückung. Sie suchen nach einem neuen Leben in Sicherheit und nach einer Zukunft, die sie in ihren Heimatländern nicht mehr sehen.

Posted in Griechenland