Lesbos
Ein Besuch an der äußersten Außengrenze Europas

20.10.2015_1Wir stehen an der Küste von Skala Sikaminias und sehen in vier Kilometer Entfernung die türkische Küste. Schwedische Helfer haben am Abend Nachtsichtgeräte dabei und erwarten drei weitere Schlauchboote, die völlig überladen an der griechischen Küste ankommen. Was hier an der Grenzmarke zwischen Europa und Asien (hier noch Kleinasien genannt) geschieht, wird dieses Europa noch lange beschäftigen. Es ist ein nicht endender Strom von Menschen, die aus der Tiefe Afghanistans und Syriens und der Türkei kommen, abgerissen, nass meist nach der heimlichen Bootsfahrt.

Als ich am 6. Oktober auf Lesbos ankam, gab es den heimlichen Verdacht, dass der Präsident der Türkei auf Grund seiner allumfassenden Machtvollkommenheit schon die Küste gesperrt hätte und keine Boote mehr hinüberlassen wollte; dass er also die Küste geschlossen hätte. Man hatte mir telefonisch schon sagen wollen, ich brauche nicht mehr zu kommen, dass Problem sei vorbei. Es kämen hier keine Flüchtlinge mehr über die Meerenge.

Dann aber am 8. Oktober kommen wieder fünf, sechs, sieben Boote an verschiedenen Küstenorten auf dieser heimeligen Ferieninsel Lesbos an, die die Griechen immer in ihren Buchstaben „Lesvos“ schreiben. Ein orthodoxer Priester mit dem für den Ort typischen Namen Pater Christoferos hatte endlich ein besseres Empfangshaus aufgebaut, auf halber Strecke auf dem Berg, wohin die Flüchtlinge jetzt in kleinen VW-Bussen gebracht werden.

Wenn man in diese Gesichter sieht, die an der Küste vor Glück anfangen zu weinen, besonders die Mütter mit ihren Kindern, die ihre erste heiße Suppe, ein Brot und eine Flasche Wasser bekommen Menschen, die auf einmal wissen, ganz gleich wie schlecht alles organisiert ist, dass sie in EUROPA angekommen sind. Wenn man in die Gesichter all derjenigen schaut, die hier nicht mehr wie im Iran und in der Türkei verfolgt, geschlagen, mit der Waffe bedroht werden. Immer wieder fragt man sich dann, wie man es schaffen kann, dass sich nicht mehr Hunderttausende auf den Weg machen müssen.

Es gibt aber in Bezug auf die beiden großen Einheiten von Nationalitäten nur folgende Optionen: Entweder man verhindert in Syrien durch ein abruptes Verbot des Sicherheitsrates, dass der Herrscher in Damaskus weiterhin seine Luftwaffe mit Fassbomben gegen seine Bevölkerung einsetzt – oder man nimmt die Menschen auf in Europa. Und das heißt im Moment immer noch hauptsächlich in Deutschland. Wie selbstverständlich sagen die Europäer östlich von Italien, Österreich und Deutschland: das haben wir nicht gewollt und machen wir nicht.

Und bei den Afghanen, die zu Tausenden jetzt hier an den Küsten von Lesbos anstürmen, ist es mit der Alternative ähnlich. Entweder wir und die gottverlassene nichtsnutzige Regierung in Afghanistan sorgen dafür, dass der wirtschaftliche Aufbau entsteht, Arbeitsplätze kreiert werden für die unglaubliche Masse an jungen Leuten – oder sie kommen zu hunderttausenden zu uns. Dass die total von der afghanischen Bevölkerung isolierte Bundeswehr dazu nichts geleistet hat, scheint eindeutig. Nur einige Wehrexperten im Bundestag haben diese totale Selbstisolierung der Bundeswehr in deutschen Kleinstädten ausgegrenzt von afghanischer Wirklichkeit mit TÜV und Mülltrennung nicht gemerkt, weil sie es so bequem gefunden haben, mit der Bundeswehrairlines über Termez (Usbekistan) dorthin gebracht zu werden.

Alle bei uns aufnehmen? Ja, das wird schwierig. Aber die Botschaft ist weit zu den enttäuschten jungen Menschen vorgedrungen, die alle mittlerweile ein Handy oder ein Smartphone haben. Wenn wir an der Küste in Skala Sikaminias die Leute mit ihrem kleinen Gepäck auf dem Rücken und noch ganz nass an uns vorbeigehen sehen, dann sind sie dabei, mit ihrem Handy oder Smartphone ihre Familie oder zurückgebliebene an der türkischen Küste anzurufen, um ihnen zu sagen: Es geht, wir sind angekommen; man hat uns freundlich empfangen.

Wie viele werden wir schaffen? Die Strände sind gezeichnet von dieser großen Menge von Booten, von wild herumliegenden Schwimmwesten, Rettungsringen, die oft zerstört, manchmal auseinandergenommen werden, und den Motor und Benzintanks, die zur Seite genommen werden. Man kann nicht einschätzen, ob es ein geheimes joint venture zwischen den Schleusern „hier“ (Lesbos) und den Schleusern „dort“ (Türkische Küste, Izmir, Mersin) gibt. 1994/5 haben wir 400.000 Menschen auf einen Schlag aus dem Bürgerkriegsland Bosnien aufgenommen. Das klappte hervorragend, hat uns aber schon in den Ruf gebracht, den ich für uns Deutsche so gut finde: dass wir bei der humanitären Arbeit und Aufnahme immer an der Spitze stehen sollten. Nachdem wir in der Geschichte bereits einmal so fundamental versagt haben, wollen wir uns dabei von niemandem übertreffen lassen.

Ja, die Afghanen und die Syrer denken, Europa gibt es schon. Aber das war eine Illusion. Es gibt das Europa der gemeinsamen Währung, der gemeinsamen Banken, der Montanunion, der Briefmarken, des zollfreien Innenraums, des Schengenraums. Aber es gibt die EU noch nicht als Wertegemeinschaft. Das Wort müßte ja eine freundliche Aufnahme in dem Land Griechenland bedeuten. Und dann würde man vielleicht organisieren, Griechenland zu entlasten. Aber es fängt schon damit an, dass ich keinen Griechen hier an der Küste sehe. Es wuselt so von Helfern, unberatenen und guten. Aber es sind alles Menschen, die aus Deutschland, aus den skandinavischen und anderen Ländern kommen, manchmal völlig unbedarfte junge Leute, die nicht wissen, dass man sich zum Empfang von traditionell aufgewachsenen Afghanen nicht halbnackt zeigt. Kurzum: hier ist wenig Professionalität zu erkennen.

Und kein Grieche. Die Bevölkerung, die Polizei beobachtet das, was da vor sich geht und sorgt, dass mit der Müllabfuhr dann die zerstörten Schlauchboote, Rettungsringe und Rettungsschwimmwesten in einen Müllwagen versinken. Der einzige Grieche, den wir sehen, ist leider keiner: der große Pope Pater Christoferos mit dem sichtbar großen Holzkreuz auf dem Mönchsgewand, das er stolz trägt, wenn er über die Hauptstraße von Sakla Sikaminia geht. Er ist ein Kalifornier. Pope bei den US-Griechen, die sich dort niedergelassen haben. Ich war hierherkommen, weil das deutsche Ärzteehepaar Dr. Khalil und Dr. Bita Kermani hierher gebeten wurden, als Ärzte. Aber auch als diejenigen, die wegen ihrer Sprachfähigkeit sich unterhalten konnten mit den Afghanen, die ja in der überwiegenden Mehrheit das Dari sprechen, was das afghanische Persisch ist. Die beiden haben ihren Urlaub ganz selbstverständlich und fast fröhlich seingelassen, sind dem Ruf ihres Bruders Navid Kermani gefolgt. Sie waren schon auf Kreta, sind dann weiter geflogen, haben einen VW-Bus gemietet und besorgen hier Essen, Isomatten für 10 Euro, Schlafsäcke, holen auch noch eine Freundin aus Bayern, die auch noch mal mit tollen Klamotten ankommt.

Wir sind auf dem Weg mit dem Bus in das Lager Moria, ein Alptraum für den, der sich vorstellen kann, was ein Lager ist. Ich habe ein so schlechtes, so miserabel für die Flüchtlinge ausgelegtes „Antilager“ noch nicht erlebt. Es soll eine alte Militärkaserne sein, wirkt aber eher wie ein befestigtes Gefängnis, in dem es auf der Straße hoch auf dem Hügel Plätze zum Lagern gibt, zum Aufschlagen von Zelten. Ganz viele legen sich auf diesen Weg an die Seitenstreifen, an dem die vornehmen Autos der Hilfsorganisationen dauernd vorbeifahren. Es gibt kein Camp Management, aber hunderte von Helfern, die keine Ahnung haben, dass man so etwas nicht machen darf. Die Helfer, auch die Ärzte gehen in der Nacht heraus in ihr schönes Hotel und lassen die Flüchtlinge entweder auf dem bloßen Boden liegen oder in kleinen mikrigen Zelten. Es wird jetzt schon sehr kalt, da sind alte Menschen, da sind kleine Kinder in großer Zahl.

Ich habe in 35 Jahren, in denen ich Flüchtlingslager erlebt habe, noch nie ein Lager erlebt, in dem für die hunderte Kleinkinder nicht irgendetwas Kindgemäßes organisiert wird. Die Helfer, die da hin und hergehen und Zugänge und Gittertore bewachen vor den Flüchtlingen fühlen sich ganz stolz. Ich verstehe es nicht. Keiner hat hier auf irgendetwas Anspruch. Es hat sich das Lager organisiert auf dem freien Markt. Wie auf einem Jahrmarkt stehen die Verkaufsbuden, weil man zu Recht vermuten darf, dass hier Menschen aus Syrien noch Geld haben. Ich schreibe mir die Preise an dem einen KANTINA Verkaufsbasarwagen auf. Es scheint mir, dass die Flüchtlingsversorgung hier eine sehr perverse Form angenommen hat.

Wenn die Flüchtlinge hier einen Stempel der Einreise und der Registrierung bekommen haben, dürfen sie mit der Fähre, die im Hafen von Mytilini steht, weiterfahren – müssen dafür aber 60 Euro zahlen. So privatisiert der griechische Staat seine Nicht-Hilfe und läßt eigene Agenturen und Firmen daran noch verdienen. Wir haben mehreren Afghanen, die nach der Bezahlung der Boote von der türkischen Küste kein Geld mehr hatten, noch mal 100 Euro zugesteckt. Das, was man unseren auf Gemeinnützigkeit fixierten Ämtern nicht zumuten kann. Und wofür ich mich schämen würde, eine Quittung zu nehmen.

Kurz, wie lange kann das so weitergehen? Keiner kann das sagen. Es wird gern gesagt dass nicht alle 12 von 22 Mio. Syrern in Deutschland landen, und auch nicht 5 Mio. junge Afghanen bei uns ihre Zukunft finden können. Aber wie kann man das stoppen, ohne dort jetzt hinzugehen und Firmen mitzunehmen, die dort investieren? Das hätte man 2003 machen müssen, als man den Emir von Herat hatte, der einen Industriepark vorbereitete. Damals aber setzten die USA ihn ab und wollten den Flughafen von Herat haben als ihre eigene Basis.

Es ist ein weltgeschichtlicher Moment, den wir noch nicht ausschöpfen können. Dass sich hunderttausende Muslime zum ersten Mal aus Afghanistan nicht nur zum Iran, sondern über zwei feindliche ihnen gegenüberstehende Länder, in denen sie geprügelt und bedroht werden, bis nach Europa durchschlagen, das ist eine spannende Geschichte. Die Wut, die der syrische Schriftsteller Rafik Schami ausspricht, haben insgeheim natürlich hunderte von Millionen Araber. Bisher galt die muslimische Umma als das hegende Feld, in der man zu Hause war. Jetzt aber gehen Muslime ausdrücklich über die ihnen nicht wohlgesinnten islamischen Länder Iran und Türkei Muslime nach Europa, um dort ein menschenwürdiges Leben, ein gutes Leben zu führen.

Die Wut wird umso stärker, sagt Rafik Schami, wenn er an Dubai denkt, das sich zu einem Hort des Verbrechergeldes entwickelt hat. „So hat der Cousin von Assad 6,5 Milliarden Dollar aus Syrien nach Dubai geschafft“. Das sei geklaut mit dem Schweiß und Blut des syrischen Volkes.

Als wir das letzte Mal zurückfahren von der Küste, laufen vor uns vier junge Flüchtlinge mit einer alten Frau im Rollstuhl. Zack, bleibt Khalil Kermani stehen, nimmt sie auf und sagt „Gott sie dank, haben wir die erreicht, denn die wären in der Nacht erfroren.“ Die alte Frau hat eine Nierenschwäche und muss dringend behandelt werden. Wir erfahren, die Söhne waren alle schon außerhalb des Landes im Iran, da hat die alte Mutter gesagt, sie könnte nicht ohne die Söhne leben. Dann haben sie sie mit dem Rollstuhl auf der irrsinnigen Odyssee durch den Iran und die Türkei gebracht und auf ein Schlauchboot für 1.000 Dollar gesetzt. Und jetzt fahren wir nach Moria, um dort die Registrierung zu bekommen. Ob ich denn erreichen kann, dass man diese alte kranke Frau im Rollstuhl auf einen humanitären Platz bekommt, mit der sie gleich nach Deutschland ankommen kann? Ich werde es versuchen.

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