„Mit Herz und Hand bauen wir das Land“
Der Berg Daher und eine zusätzliche Solaranlage

22.10.2012Bei einer Israel-Palästinareise kam ich am 17. Oktober auch auf ‚unseren’ Berg. Es war eine schöne Begegnung mit einigen Bewohnern der Umgebung und der Familie von Daoud Nassar. Wir konnten uns vom Funktionieren der Solaranlage auf dem Berg überzeugen, und Daoud verkündete den Besuchern, sowohl uns wie zwei deutschen Reisegruppen mit Stolz: Die Anlage der Grünhelme habe ihm bisher mindestens 25.000 Euro erspart, die er sonst für Diesel für die Generatoren hätte ausgeben müssen.

Fabian Jochem und Thomas Just haben diese Anlage Ende 2009 etabliert auf dem Dach des einen Hauses die Solarpanelen und die Batterien wurden in einem gut abgeschlossenen und auch kühleren Schachthaus deponiert. Alles hat bisher gut funktioniert. Es gab sogar einmal, wie Daoud Nassar berichtet, einen totalen Stromausfall, der bei den sechs umliegenden Siedlungen eine totale Dunkelheit auslöste, allein auf dem Berg wegen der dezentralen Solarenergie eben Strom und damit auch Licht bedeutete.

Die Situation der Palästinenser hat sich nicht nur nicht verbessert, sie hat sich wieder verschlechtert. Es liegt auf dem einzigen Weg an dem Wehrdorf New Daniel vorbei jetzt nicht mehr nur eins Felsbrocken, sondern im Abstand von 25 m ein zweiter. Das Durchkommen bis zum Weinberg daher ist also ganz ausgeschlossen. Die Besatzungspolizei macht nichts, um dieses absolut unsinnige Verkehrshindernis zu unterbinden oder es wegzuschaffen.

Daoud Nassar hat jetzt 13 „demolition orders“ (Zerstörungsbefehle), zu den zwölf von 2010 ist vor vier Wochen noch eine hinzugekommen. Die israelische Behörde exekutierte das (bis heute) nicht, weil sie durch die Intervention des Bundestagsabgeordneten und „Grünhelme“ – Kuratoriumsmitglied Ruprecht Polenz von der Haltung in der deutschen Politik weiß, die es nicht hinnehmen würde, dass diese Anlage und die Zelte auf dem Berg der Begegnung zerstört oder vernichtet würden. Wie erinnerlich gab es damals im Juli 2010 eine Aufforderung an Daoud Nassar, entweder die Objekte gleich selbst zu zerstören, oder in drei Tagen würde ein Bulldozer der Besatzungsmacht kommen, und die Zerstörung vornehmen. Es waren das Dach, auf dem die Solaranlage angebracht worden war, ein zweites Vordach, ein Hühner und ein Schafsstall, die Bodenbefestigungen für mehrere Zelte, eine Toilette, eine Höhlenwohnung.

Wir hatten damals am Tage der Gefahr den Abgeordneten Ruprecht Polenz (CDU-Fraktion Münster) in Berlin per Mobiltelefon erreicht, er machte in sofortigen Eingaben an den Israel Botschafter in Berlin wie an den deutschen Außenminister Guido Westerwelle klar, dass die Zerstörung eines Inventars in einem Projekt, das ausschließlich der Versöhnung der Völker dient, eine Katastrophe wäre und zu harschen Reaktionen, wenn nicht in der Bundesregierung so doch in der deutschen Bevölkerung führen könne.

Wir werden bei Anlage der zweiten 4 KW Solaranlage wieder eine Eröffnung und Einweihung vornehmen und hoffen erneut, dass ein oder zwei Abgeordneten mit uns dann auf dem Berg diese Eröffnung vornehmen. Wir haben auf dem Berg mit den beiden Musikerinnen und Cellistinnen Birgit Heinemann und Uta Schlichtig aus Köln ein Konzert mit in Englisch, Deutsch und Arabisch gelesenen Texteinlagen gegeben. In dem kleinen Amphitheater auf dem Berg konnte die Musik gewiss auch die Siedler in den Wehrdörfern drumherum erreichen.

Eines der von uns vorgetragenen Gedichte – zu denen auch die „Charta der Humanitären“ von Heinrich Böll gehörte – war das Gedicht von Mahmut Darwisch, dem größten Dichter der Palästinenser (gelesen von Hanan Natour):

„Hier, an den Hängen der Hügel, im Angesicht
Der sinkenden Sonne
Und des Schlundes der Zeit
Nah den schattenberaubten Gärten
Tun wir, was Gefangene Tun,
Tun wir, was Menschen ohne Arbeit tun:
Wir züchten die Hoffnung.“

Am späten Abend sahen wir an der Explosion der Lichter, wie sich die Siedlungen von New Daniel, Beta ILLIT und Gavaot weiter in das palästinensische Land hinein fressen. Es sind eigentlich keine Siedlungen, das Wort Siedlung hat einen so friedlichen Klang, es sind Wehrdörfer mit eigenen Apartheidstraßen, die für die Menschen in den Wehrdörfern zu ihren Arbeitsplätzen führen und auf diesen Straßen haben die Bewohner des Landes nichts zu suchen.

Der Berg hat mehrere große Kindergemälde hinzubekommen, die aus dem letzten Sommercamp stammen: Mit Herz und Hand bauen wir das Land, stand da überall als Motto. Der Berg bleibt dem Slogan verpflichtet, der am Eingang steht: „We refuse to be ennemies“, „Wir lehnen es ab, Feinde zu sein“. Und wir lasen dort noch einmal in dem Brief der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel vom 29. März 2010 den Schlusssatz: „Die Begegnungsstätte ‚Tent of Nations’ ist in der Tat ein bemerkenswertes Projekt, dem ich auch für die in Zusammenarbeit mit der Talitha-Kumi Schule geplante Einrichtung zur beruflichen Bildung Erfolg wünsche“.

Talitha Kumi (deutsch „Steh auf Mädchen“) ist die größte und beste Ausbildungsstätte für palästinensische Schulkinder, gegründet einest von den deutschen Diakonissen.

 

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