Mosambik – über Bilder

Antonio-Joaquin-Mare-mit-seinen-KindernDer Fotograph Jonas Ruhs war für uns von Anfang Januar bis Ende März diesen Jahres in unserem Schulbauprojekt in Sovim, Mosambik. Er hat auf der Baustelle mitgearbeitet, gleichzeitig aber auch mit der Kamera die Arbeit begleitet, das Dorf kennengelernt und die Menschen porträtiert. Hier beschreibt er die Bilder, die er vor, während und nach seiner Zeit in Sovim im Kopf und vor der Linse hatte:

Bilder zeigen wie kein anderes Medium unsere Wahrnehmung von der Welt.

Bilder erzählen die Geschichte und prägen die Gegenwart.

Bilder zeigen Wahrnehmungen und werden zu unseren eigenen.

Bevor ich im Januar 2020 nach Mosambik aufbreche, suche ich nach diesen Bildern. Ich möchte mir ein Bild machen von dem Land, in das ich für die nächsten drei Monate gehen werde. Um vorbereitet zu sein, zu wissen, was auf mich zukommt.

In Mosambik werden zwar mehr als 40 Sprachen gesprochen. Warum fange ich an Portugiesisch zu lernen, die Sprache der Kolonialzeit zwischen 1457 und 1975 und heutige Amtssprache, die lediglich von rund einer Hälfte der Bevölkerung gesprochen wird?

„Mosambik“, ich lese den Artikel auf Wikipedia und alles, was ich auf Google finde, möchte mir ein Bild von der Landschaft machen, von der Region.

„Sovim, Mosambik“ die Suche in Google Maps ergibt keine Treffer.

Aber ich weiß, von Tica aus nach Südwesten. Dort, wo die Karte eine graue Fläche mit grünen Flecken zeigt. Unkartiert.

Ein „weißer“ Fleck auf der Landkarte?       

Unsichtbar?

Aus Interesse tippe ich den Namen meines Geburtsortes ein. Google zeigt 11.200.000 Ergebnisse und das Haus meiner Eltern samt Gartenhäuschen ist kartiert.

Ich, meine Lebenswelt, ist sichtbar.

Ich erweitere meine Suche auf „Alle“. Die ersten drei Treffer sind von den Grünhelmen.

Eine deutsche Organisation zeigt die „wichtigsten“ Informationen über einen mosambikanischen Ort.

Im März 2019 hatte der Zyklon Idai über Malawi, Simbabwe, Madagaskar und Mosambik gewütet. Seit August wird für die Grundschule EPC Eduardo Mondlane Sovim ein neues Schulgebäude gebaut, mit Unterstützung der Grünhelme.

Dort werde ich die nächsten drei Monate leben, mitarbeiten und Bilder machen.

Bilder, die mir die Welt erklären und meine Wahrnehmung prägen.

„Der weiße Blick ist allgegenwärtig. Er tritt auf, wenn Menschen Schwarze Kreationen im Rahmen des weißen Ethnozentrismus betrachten. Dies beinhaltet den Gedanken, die eigene Kultur als den höchsten Standard ‚guter‘ Kultur zu betrachten“. (Malik Pitchford)

In der Satellitenansicht sehe ich auf Google Maps, was für unsere Karten nicht von Bedeutung ist. Auf dem „weißen“ Fleck gibt es viel mehr als nur ein paar grüne Sprenkel.

Da sind haarfeine Linien zwischen beigen Punkten, grüne Wiesen auf denen Bäume zu erkennen sind, braune Flächen auf denen Pflanzen in einer Reihe stehen. Es sind kleine Häuser zu erahnen.

Die Höfe von Theresa Pedro, ihren Söhnen Noe Pedro und Mateus Pedro, den Hof von Lucia und Antonio Mare, den kleinen Laden von Jose. Dort ist der Ort an dem Manuel Joaquin, Manuel Joao und viele andere mittwochs und samstags ihren Gottesdienst feiern. Der Fußballplatz direkt neben der Schule. Der Brunnen, an dem die Frauen aus der Umgebung dreimal täglich Wasser holen gehen. Der kleine See, in dem die Kinder baden. Und der Hof, auf dem ich das Bild einer Frau und ihres alten Mannes mit weißem Bart gemacht habe. An ihre Namen erinnere ich mich nicht mehr.

Zurück in Europa fragen viele, wie es denn so war, in Afrika.

Afrika ist nach seiner Ausdehnung und Bevölkerung der zweitgrößte Kontinent nach Asien und in 55 Länder unterteilt. Eines dieser Länder ist Mosambik.

Ein ostafrikanisches Land mit einer Fläche mehr als doppelt so groß wie ein mitteleuropäisches Land.

Sovim – wird nicht als Urlaubsziel beworben, hat keine reichen Rohstoffvorkommen, ist kein Wirtschaftszentrum und findet in unserem Interesse keinen Platz, ist ein „weißer“ Fleck auf unseren Karten.

Ich hatte viele Bilder nach Sovim mitgenommen, keines von mir. Manche haben es leicht gemacht, andere schwer, die Menschen dahinter zu sehen. Zu merken, was ich nur aufgrund meiner Erwartungen sehe. Viele dieser Erwartungen und Vorurteile wurden aufgebrochen und zeigen die Rassismen, die sie reproduzieren.

Ich habe viele Bilder aus Sovim mitgebracht…

Bilder gaukeln uns vor, sie bildeten die Realität ab.

Bilder zeigen immer nur einen Ausschnitt.

Bilder verallgemeinern.

Bilder werden mit einer Intention gemacht.

Jonas Ruhs