Nepal: Ein neues Zuhause für 62 Familien

31.05.2015Die beiden schweren Erdbeben Ende April und Anfang Mai haben in Nepal mehr als 8.600 Menschen das Leben gekostet, unzählige haben ihr Zuhause verloren. Diese leben nun in instabilen, provisorisch zusammengezimmerten Verschlägen aus Bambus, Planen und alten Dachblechen – und die Mosunzeit steht unmittelbar bevor. Wir Grünhelme beginnen nun in dem kleinen Dorf Pauwa, im Distrikt Kawrepalanchok, mit dem Wiederaufbau erdbebensicherer Häuser.

Schon der Anflug auf Kathmandu gibt einen ersten Eindruck auf das Bevorstehende. Überall im Kathmandutal sind blaue und orangene Punkte zu sehen: Kunststoffplanen, die die Menschen notdürftig gespannt haben, um nicht unter freiem Himmel schlafen zu müssen. In Kathmandu selbst ist die Zerstörung nicht so groß, wie zunächst erwartet. Das Wohlstandsgefälle zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern der nepalesischen Hauptstadt und der Landbevölkerung macht sich auch in der Bauweise bemerkbar. Die meisten Gebäude bestehen aus robusten Stahlbetonkonstruktionen, die die Erdbeben unbeschadet überstanden haben. Doch auch hier ist einiges zerstört, insbesondere alte Gebäude und solche, die jenseits der für die Touristen herausgeputzten Straßenzüge stehen – in den Wohnvierteln der Armen.

Aber die Angst vor weiteren Beben, vor noch größerer Zerstörung, ist überall präsent. Viele wagen es auch heute noch nicht, in geschlossenen Räumen zu übernachten. Auch wenn die Gebäude noch so stabil sind, befinden sich überall in den Seitenstraßen und auf den Bürgersteigen, in den Vor- und in den Hinterhöfen, selbstgebaute Zelte; hier schlafen die Menschen nun. Und tatsächlich sind immer wieder Bodenbewegungen zu spüren – ein kurzes Rütteln, nur wenige Sekunden, ein Schreckmoment, doch bald die Erkenntnis, dass es diesmal keine Schäden angerichtet hat.

Erst außerhalb Kathmadus zeigen sich die wahren Ausmaße der Katastrophe. Wir Grünhelme haben uns in Nepal nach Osten orientiert, wohl wissend, dass sich die internationale Hilfe gen Westen, nahe des Epizentrums des ersten großen Bebens konzentriert. Doch die östlich von Kathmandu gelegenen Distrikte Kawrepalanchok und Sindopalchuk, die in zwei bis drei Busstunden zu erreichen sind, hat es nicht weniger stark getroffen. Besonders in den Bergdörfern, die mit Fahrzeugen gar nicht oder nur schwierig zu erreichen sind, bietet sich ein Bild der Zerstörung. Nicht nur die Beben selbst, sondern auch durch sie ausgelöste Erdrutsche oder Felsabbrüche, haben ganze Häuser unter sich begraben. In vielen Dörfern sind sämtliche Gebäude in sich zusammengefallen oder so stark beschädigt, dass jede Begehung lebensgefährlich ist. Bei diesem Anblick wird deutlich, welch Glück im Unglück das erste große Beben mit sich brachte: Es geschah am Nachmittag, als die Bauern auf den Feldern waren und die Kinder draußen spielten. Wäre es in der Nacht gekommen, würde die Zahl der Todesopfer gewiss um ein Vielfaches höher liegen.

Die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Dörfer jedoch krempelten gleich nach dem Beben die Ärmel hoch. Innerhalb weniger Tage haben die meisten von ihnen provisorische Verschläge aufgestellt: Holz des alten Dachstuhls, frisch geschlagener Bambus, Plastikplanen und das dünne Wellblech sind die Baustoffe, die die Menschen nun durch die Monsunzeit bringen sollen. Die meisten Familien leben auf nicht mehr als fünfzehn Quadratmetern, in die Ecken haben sie alles gestapelt, was aus den Trümmern des eigenen Hauses zu retten war. Viele schlafen auf dünnen Decken auf dem blanken Lehmboden.

Wir Grünhelme haben uns nun dem kleinen Dorf Pauwa, im Distrikt Kawrepalchok, angenommen. Vom etwas größeren Dorf Kuntabesi führt eine schmaler Weg den Berg hinauf, bis nach einer guten halben Stunde, auf dem Bergkamm in etwa 1.200 Metern Höhe gelegen, unsere neue Projektstätte erreicht ist. Hier leben 62 Familien aus vier Kasten. Etwa 60 Prozent zählen zur untersten Kaste des nepalesischen Kastenwesens, den Unberührbaren. Daneben sind noch die Kasten der Bauern, der Priester und Krieger sowie der Mogolischstämmigen vertreten. Schon vor den Beben war dieser Ort der reine Kontrast zum vergleichsweise wohlhabenden Kathmandu. Die Menschen hier oben leben von der Hand in den Mund, die Armut der nepalesischen Landbevölkerung ist hier zum Greifen nahe. Und so ist es kaum verwunderlich, dass keines der 62 Häuser die Beben überlebt hat – für Zement war beim Erbau der Häuser kein Geld vorhanden, stattdessen wurden minderharte Bruchsteine verwendet, die mittels Lehmboden zusammengehalten werden sollten. Welch große Wirkung der Werkstoff Zement hat, ist an der Schule zu erkennen, die mit Stahlbeton gebaut wurde: Von den vier Klassenräumen sind zumindest drei noch einigermaßen nutzbar.

Gemeinsam mit den Familien haben wir nun vor einer Woche mit dem Wiederaufbau ihrer Häuser begonnen. Da nicht alle Häuser gleichzeitig entstehen können, wurde von der Dorfgemeinschaft ein Komitee gebildet, in dem alle Kasten vertreten sind. Dieses entscheidet anhand der Bedürftigkeit, für welche Familien die ersten Häuser gebaut werden sollen. Unsere Pläne sehen einen robusten eingeschossigen Rohbau aus einem Stahlbetonskelett und doppelschaligen Wänden aus gebrannten Lehmziegeln vor, sodass die Häuser weitere Beben unbeschadet überstehen können und in einem solchen Falle den Menschen zugleich einen Schutzraum bieten. Fenster, Türen, Fußboden und Raumaufteilung bleiben den Familien selbst überlassen, für den Dachstuhl soll Bambus oder Altholz verwendet werden – er hat lediglich dünnes Wellblech zu tragen, Schnee fällt auf dieser Höhe noch keiner. Der Bau eines solchen Hauses nimmt etwa zwei Wochen in Anspruch.

Der Arbeitseifer der Dorfgemeinschaft ist kaum zu bremsen. Innerhalb eines Tages war eine Entscheidung getroffen, dass das erste Haus für eine Familie aus der Kriegerkaste gebaut wird, die beim ersten großen Beben eine zweijährige Tochter verloren hat. So schlugen wir unser Zelt auf und die Bauarbeiten für die Fundamente konnten beginnen. Jeden Tag stehen uns nun sieben Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem Dorf zur Verfügung, um tatkräftig beim Wiederaufbau mit anzupacken. Durch ein vom Komitee erdachtes Rotationsprinzip baut jede Familie nicht nur ihr eigenes Haus, sondern jede und jeder hilft beim anderen mit – Frauen und Männer gleichermaßen und mittendrin die Dorfkinder, die uns mit ihrer Neugier nur noch mehr motivieren.

Aufgrund des aufwendigen Materialtransports ist der Bau eines erdbebensicheren Hauses mit 2.000 Euro veranschlagt. Die Grünhelme freuen sich über jede Spende, die den Menschen in Pauwa hilft, nach den schweren Beben ein Stück zurück zur Normalität zu kommen – und dabei ist ein sicheres Heim ein ganz wichtiger Baustein, gerade in der Monsunzeit.

Für die anstehenden Arbeiten in unsrem Projekt suchen wir ab sofort ausgebildete BauhandwerkerI_nnen, vor allem Zimmerleute und Maurer, die für drei Monate in Nepal handfest helfen möchten.