Wiederaufbau in Nepal
Ein Erfahrungsbericht aus der Provinz Kavrepalanchok

13.10.2015_1Stellt man sich Nepal vor, ohne jemals dort gewesen zu sein und viel über das Land erfahren zu haben, taucht ein eher romantisches Bild vor dem geistigen Auge auf: Von hohen Bergen und Schneefeldern – oder felsigen Steppenlandschaften, auf denen Yaks weiden. So zumindest war meine Vorstellung, bevor ich mit den Grünhelmen vor gut drei Monaten aufbrach, um zusammen mit anderen Deutschen, den Menschen ein neues Dach über dem Kopf zu bauen, das ihnen durch das Erdbeben im Mai genommen wurde.

Gerade die Provinz Kavrepalanchok, die besonders stark vom Erdbeben getroffen wurde, ist nicht minder schön als jener Ort, der weit über der Baumgrenze liegt. Er erinnert jedoch mehr an ein tropisches Land. Im Tal, über „unserem“ Dorf Pauwa, wird Reis angebaut und in der Nähe zur Baustelle wachsen Bananen und Mangos; warme und sonnige Temperaturen gibt es inklusive.

Die Menschen in Nepal könnten herzlicher nicht sein. Als junger Handwerker aus Deutschland wird man mehr als überrascht: Alte Frauen, die unbedingt beim Zement abladen helfen möchten und gern einen 50 kg Sack schleppen – oder ein alter Mann, der nochmal beim Beton mischen helfen will, um sich und seiner Familie ein Haus zu bauen und ein Dach über dem Kopf zu haben.

Eigentlich ist Nepal kein armes Land. Hungersnöte gibt es ebenso wenig wie Kinder, die in Müllbergen leben müssen. Und auch der Bürgerkrieg konnte im November 2006 beigelegt werden. So beschreibt ein befreundeter Entwicklungshelfer das Land sehr treffend mit dem Satz: „Nepal ist eher ein sehr einfaches Land.“ Dieser simple Satz steht eigentlich stellvertretend für das Projekt in Nepal.

Die Menschen haben ein sicheres Zuhause verdient. Aus eigener Kraft können es die meisten Menschen jedoch nicht stemmen, ihrer Familie ein neues Haus zu bauen, das nicht nur aus bloßen Wellblechplatten besteht. Und genau da beginnt der Einsatz der Grünhelme und irgendwo auch meine eigene Zeit in Nepal – sowie die Zeit vieler anderer Helfer, die sich gemeinsam mit der Bevölkerung am Wiederaufbau beteiligen.

Meine drei Monate vergingen wie im Flug. Und ehe ich mich versah, war die Zeit bereits vorbei. Rückblickend stelle ich fest, dass drei Monate ausreichen, um enge Freundschaften zu schließen. Erwähnt seien hier nur unsere beiden Vorabeiter Raz und Ram. Wenn man beiden auf der Baustelle zusieht, könnte man fast denken, zwei schwäbischen Häusle-Bauer bei der Arbeit zuzusehen, die nie ihr Lachen verlieren. Selbst dann nicht, wenn bei 30 Grad das Fundament ausgehoben oder der Beton angemischt wird. Aber natürlich sind Raz und Ram nicht die einzigen, die ständig arbeiten – zumindest nicht, solange die Grenzen Indiens offen sind und der Nachschub an Zement-, Sand- und Kies sowie Treibstoff für die Generatoren gesichert ist.

In den vergangenen drei Monaten habe ich auf der Baustelle viele Freunde kennengelernt, bei denen es unglaublich schwer fällt, das Dorf Pauwa und die Menschen für vielleicht immer zu verlassen.

 

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