Neuigkeiten aus dem NMEC: ALAAF!
Zeitverkehrter Kölner Gruß in Ruanda

26.03.2011Vieles ist wieder überraschend neu am Nelson Mandela Educational Centre. Es gibt hier einen neuen Gruß der Schülerinnen und Schüler gegenüber Besuchern wie mir: „ALAAF!“ sagen uns die Schüler am Tisch vor dem Essen und auf den Wegen im Zentrum, weil ein Mitarbeiter und Spaßvogel aus Köln ausgerechnet diesen Gruß als den normalen deutschen hier eingeführt hat.

Es wirkt merkwürdig, zwischen der Ruhe in Ruanda und der Welt-Unruhe: Wir bekommen hier nichts mit von Japan und dem Atommeiler Fukushima, wir bekommen auch nichts mit von den Luftangriffen auf das Libyen von Huammar Gaddafi. Das Land wirkt wie abgewendet von diesen globalen Ängsten und widmet sich seiner Entwicklung. Es wird gebaut, ganze Umgehungsstraßen für Kigali, ein neuer großer Flughafen wird geplant in der Nähe von unserem Berufsschulzentrum. Man möchte fast sagen: Afrika, und Ruanda, du hast es besser als unser Kontinent, der alte, denn du wirst niemals ein AKW haben, niemals die Probleme haben mit dem Versorgen des Atom und Nuklearmülls, du wirst niemals eine Atombombe haben und das Uran brauchen, das du aus dem Niger und der Demokratischen Republik Kongo in die USA und nach Europa exportierst.

Kurz, selbst die Nachrichten von Ruanda TV geben nicht den Eindruck, dass sich die Ruander anderen Problemen zuwenden sollten als dem Weltwassertag am 22. März oder dem Empfang von 24 Harvard Spitzenstudenten durch den Präsidenten Paul Kagame oder dem Beginn des kleinen Grenzverkehrs an der Grenze zwischen Ruanda und Kongo bei Bukavu. Die Grünhelme sind hier in ihrem letzten Jahre und wollen ihre Sache gut machen. Und wir haben ein gutes Team. Gunter Beyer ist mit seiner Arbeitsenergie auch am Wochenende nicht zu bremsen.

Klaus Burkhard ist der kundige Solar- und alternative Energieexperte. Er ist gerade aus Uganda zurück, wo er mit zehn Schülern aus dem NMEC die Solaranlage auf dem Dach der St. Francis Schule in Buyamba in Uganda eingerichtet und angeschlossen hat. Wir erinnern uns, dass die Grünhelme 2009 sich daran gemacht haben, die St. Francis Schule sowohl zu renovieren wie auch neue Gebäude hinzuzufügen im Rahmen der katholischen Gemeinde und der lokalen Gemeinde von Buyamba.

Ana Schmalen hat am 19. März (Samstag!) um 10.30 eine blitzsaubere Vorlesung gehalten an der Ruanda Girls Academy in Gashora, wo die US-Organisation ein großes Zentrum für Schülerinnen eingerichtet hat, die alle Fächer einschließlich der Naturwissenschaften Biologie, Chemie, Physik unterrichtet bekommen bis zum Abitur.

Die Schülerinnen, 90 an der Zahl, waren 45 Minuten gebannt von dem Vortrag, der die Perspektiven moderner auch grüner Architektur beschrieb. „Was Architekten tun“, war ein Kapitel des Vortrags, dann ging es um die Herausforderungen und Möglichkeiten moderner Architektur. Dann beschrieb sie den neuen großen Zweig sogenannter Grüner Architektur. Sie beschrieb vor den 90 Schülerinnen, wie sich Frauen in einem einstmals männlich beherrschten Beruf mittlerweile bewähren, nannte die die US-amerikanische schwarze Architektin Norma Sklarek und die Irakerin Zaha Hadid, die den renommiertesten Architektenpreis, den Pritzker Preis bekommen hat und für sog. organische und Computer-generierte Architektur bekannt ist. Am Ende kam die Grünhelm-Architektin Ana noch auf die Chancen und Möglichkeiten für die jungen Kandidatinnen zu sprechen, sich zu Architekten ausbilden zu lassen. Das Publikum der 90 jungen Schülerinnen war während anderthalb Stunden gebannt von dem Vortrag und exemplarisch aufmerksam.

Ansonsten leben wir immer noch in der Erwartung eines ersten richtigen ruandischen Direktors und der nächsten Außenprojekte, die unser Team machen kann. Die Ereignisse in Libyen und in Japan bewegen die Menschen hier nicht wie in Europa. Einmal gibt es hier nicht die Berieselung durch das Fernsehen und Radio. Wir mussten am 21.März bis um 22.00 Uhr warten, bis wir Nachrichten im ruandischen Staatsfernsehen bekamen. Da wurde zwar über die Beratungen im UN-Sicherheitsrat berichtet, aber nicht wirklich voll über den Aufstand in dem nordafrikanischen Land unter der diktatorischen Herrschaft Muhammed Gaddafis.

Und ich lese hier in einem Buch der jüdisch-amerikanischen Philosophin Hannah Arendt diesen Satz und er scheint mir für das, was hier mit der Hilfe von so vielen Spendern und Mitarbeitern seit 2007 entstanden ist, symptomatisch. „Der Manch kann durch seine Präsenz das Kontinuum der Geschichte sprengen. Es gibt die menschliche Fähigkeit, die Welt mit ihrem natürlichen Ablauf zu ändern.“ Wenn ich mir vorstelle, wie stark mein Europa sich noch an seiner Menschlichkeit vergangen hat, als es im April bis Juni 1994 die Ruander den Völkermord ausführen ließ und nur die Weißen und Europäer, also die wertvollen Menschen aus Ruanda herausholte, dann wird mir jetzt noch schlecht: Wir sind hier jetzt Freunde mit diesem Volk. Und auch die Nachbarvölker kommen wieder. Aus Burundi kommen zwei Mitglieder einer Gemeinde, Bisoro, die von unserem Nelson Mandela Educational Centre gehört haben und fragen, ob wir uns mit ihnen für den Aufbau von einer Berufsschule verbünden könnten.

Wir besuchen unser Projekt in dem Gefängnis in Gitarama und freuen uns mit Eugenie Musayidire über den Baufortschritt. In Gitarama bauen wir einen Spielplatz und ein Sozialzentrum für die Kinder von den Frauen, die nach dem Völkermord im Gefängnis von Gitarama gelandet sind. Es ist das erste Projekt dieser Art in Ruanda und soll ausdrücklich darauf verweisen, dass die neue Generation nicht für den Völkermord verantwortlich ist.

Am Montag flogen wir trotz starken Gewitters ohne Problem zu dem deutsch-kongolesischen Vizegouverneur Jean Claude Kibala nach Bukavu in die Demokratische Republik Kongo und bereiteten unser nächstes Schulprojekt in Kamituga in der Provinz Süd-Kivu vor. Am 19. März wurde der zweite Solarkiosk bzw. die zweite Solar box verkauft, zu einem Preis von 70 Euro. Ein kleiner Beginn, der aber hoffen lässt.

 

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