Neuigkeiten aus Nepal
Ein Bericht aus unseren Grünhelme-Projekten in Puawa und Jalbire

18.04.2016_00Knapp ein Jahr ist seit dem katastrophalen Erdbeben im Mai 2015 in Nepal vergangen. Und schon seit elf Monaten arbeiten die Grünhelme im Distrikt Kavrepalanchok, dreieinhalb Stunden östlich von der Hauptstadt Kathmandu entfernt, am Wiederaufbau des Dorfes Puawa. Der kleine Ort ist geprägt von Menschen, die ihr ganzes Hab und Gut in den Trümmern verloren haben. Mehrere Todesopfer hatte das Dorf aufgrund des starken Bebens zu beklagen – noch immer sitzen Schmerz und Trauer tief.

Trotz allem hat wieder reges Treiben Einzug in den nepalesischen Alltag erhalten und es wird versucht, das Erlebte zu verarbeiten. Der Schrecken der Vergangenheit sitzt immer noch tief und die Angst vor weiteren Beben ist allgegenwärtig. Schon beim kleinsten Zittern der Erde, das für unsereins kaum spürbar ist, geraten die Menschen in Angst und Aufruhr.

Momentan befinden sich fünf unserer Grünhelmmitarbeiter vor Ort, die sich in zwei Teams aufgeteilt haben. Das Team Pauwa sind wir: der Metallbauer Alexander „Sascha“ Matten (47), die Architektin Katharina Surges (27), beide aus dem schönen Westerwald in der Nähe von Koblenz, und der Landschaftsbauer Raphael Biendl (24) aus Augsburg. Wir haben uns nach einer herzlichen Begrüßungszeremonie der Dorfbewohner unterschiedlich gut in Nepal eingelebt und unseren Platz im Dorf gefunden.

Jeden Morgen begrüßt uns Kalpna liebevoll „Diddi“, Nepali für „Große Schwester“, genannt mit ihrem frischgebrühten schwarzen Tee und Gebäck. Sie wartet momentan noch auf die Fertigstellung ihres Hauses. In der langen Mittagspause serviert uns die Familie Narayan Krishna Shrestra uns Dhaal Bhaat frischgebackenes Spiegelei. Ihr Haus wurde bereits vor zwei Wochen fertiggestellt. Momentan gießen die Hausbesitzer den Boden und verputzen die Wände, um dann endlich einzuziehen. Abends finden wir uns im bereits fertiggestellten Haus von Gamala und ihrem kleinen Sohn Nischal ein, um gemeinsam zu Abend zu essen und den ein oder anderen selbstgebrannten „Roxi“ (Nepalesischer Reiswein), zu trinken.

Die Arbeiten in Pauwa sind in den vergangenen Monaten nicht nur deutlich vorangeschritten, sondern auch sichtbar optimiert worden. Wir zählen mittlerweile zehn fest eingestellte Mitarbeiter, darunter drei Vorarbeiter und sieben Hilfsarbeiter: Ram ist unser Chef des Betonierteams und hat Hare Krishna und seine Truppe von freiwilligen Helfern sichtbar „unter Kontrolle“. Raskumar hat hingegen die Leitung des Maurerteams übernommen und erfüllt gemeinsam mit Netralal, dem kleinen Bim und Nawarat,  jedem Hausbesitzer individuelle Fassadenwünsche. Er hat darüber hinaus auch die Verantwortung für den Eisenplatz und fertigt dort die Punktfundament-, Betonstützen- und Ringankerkörbe. Bim und Surat unsere fleißigen Jungs vom Holzplatz zimmern jeden Tag die Dachstühle für die einzelnen Häuser. Kumar und Bikram  sind unsere beiden Springer. Sie unterstützen entweder das Grünhelme-Dreiergespann oder die verschiedenen Teams bei allen anfallenden Arbeiten. Bikram hat darüber hinaus noch die Aufgabe des Übersetzers übernommen und steht uns bei jeglichen Kommunikationsproblemen zur Seite.

Jeden Morgen pünktlich um 7 Uhr treffen wir uns mit unseren Mitarbeitern sowie den freiwilligen Helfern der jeweiligen Familie am „Store“, um den aktuellen Tagesplan zu besprechen. Anschließend geht jedes Team seiner Arbeit nach. Wir Grünhelme stehen den eingespielten Teams eigentlich nur noch bei kniffligen Fragen und präzisen Aufgaben zur Seite. Ansonsten stellen wir die nächsten Schnurgerüste oder kümmern uns gemeinsam mit unseren beiden Springern um die Aufstellung der Säulen- sowie der Anbringung der Ringankerschalung. Manche Arbeiten trauen sich die Dorfbewohner unverständlicherweise einfach nicht zu. Zwischendurch reihen wir uns auch immer gerne zu Ram oder Razkomar in die Materialschlange, helfen bei der Zuarbeit und beobachten mit Freude die Selbstständigkeit der Teams. Selbst wenn wir mal einen Tag aus organisatorischen Gründen nicht vor Ort sind, können wir uns darauf verlassen, dass die Arbeit in Pauwa seinen geregelten Ablauf nimmt – und das mit gewohnter Geschwindigkeit.

Warum diese Selbstständigkeit? Wir Grünhelme bauen die Häuser nicht für das Dorf, sondern mit dem Dorf. Unser Motto heißt: Hilfe zur Selbsthilfe. Unsere Hoffnung ist, dass das Dorf als Team zusammenarbeitet und nach Beendigung unserer Arbeit selbständig die zerstörte Häuser aufbauen kann. So können sie nicht nur ihrem Land, sondern auch sich selbst helfen.

In der Zwischenzeit konnten bereits die Dachstühle für 30 Häuser fertiggestellt werden, während vier weitere noch auf ihre Dächer warten. Viele der fertiggestellten Häuser wurden bereits von ihren Eigentümern bezogen. Andere müssen noch mit Fußböden ausgestattet oder individuell optimiert werden. Die Dachkonstruktion, die schon seit einigen Monaten fest in das Projekt eingeplant ist, wurde in den vergangenen Wochen aus Kosten- und Qualitätsgründen von einer Holz- auf eine Stahlkonstruktion umgestellt. In einem einwöchigen Workshop konnte unser Grünhelm Sascha unseren beiden Mitarbeitern Bim und Surat alle nötigen Fähigkeiten beibringen, sodass das erste Metalldach bereits erfolgreich aufgestellt werden konnte. Last but not least: in der vergangenen Woche haben wir das Schnurgerüst für das 43. Haus in Puawa gezogen.

Derzeit arbeiten wir parallel an 13 Häusern, die voraussichtlich alle in den nächsten acht Wochen bezugsfertig sind – und auch sein müssen. Denn die Monsunzeit steht unmittelbar bevor und der Materialtransport wird dann nur noch eingeschränkt beziehungsweise deutlich langsamer möglich sein. Um dieser Problematik zuvor zu kommen, haben wir bereits alle weiteren Grundstücke gesichtet und Lagerplätze eingerichtet. Doch nicht nur die Regenzeit macht uns Sorgen. Rund um Kathmandu haben die Bauarbeiten an einer neuen Ringstraße begonnen und unsere Befürchtung, dass nun Sand, Kies und Zement knapp werden würde, hat sich bereits bestätigt. Unser Zulieferant berichtet bereits von längeren Wartezeiten. Zeit dürfen wir uns folglich keine lassen. Als sehr anspruchsvoll gestaltet sich auch die Umsetzung der Häuser Nr. 50, 51 und 52, die weit abgelegen und nur über einen sehr schmalen und steilen Weg zu erreichen sind. Der Materialtransport scheint hier unmöglich. In der vergangen Woche konnte allerdings die Idee einer 120 m langen Seilbahn, die von der Hauptstraße aus zugänglich ist, ausgefeilt und organisiert werden. Der Bau der Stahlstützen ist abgeschlossen und die 1,40 m tiefen Fundamente sind bereits gegossen.

Während in der Monsunzeit der viele Regen ein Problem darstellt, ist es derzeit der Mangel an Wasser. Aufgrund des Erdbebens hat sich die Wasserquelle verschoben, die bisher die Versorgung für fünf Dörfer gewährleistet hatte. Folglich kommt in unserem Dorf kein Wasser mehr an und selbst an der Quelle läuft das Auffangbecken kaum noch voll. Wir Grünhelme haben diverse Bohrversuche mit nur mäßigem Erfolg unternommen und ein weiteres Auffangbecken gebaut. Der Wasserstand konnte so zwar deutlich gesteigert werden, eine Tiefenbohrung scheint uns aber unumgänglich. Ein entsprechender Versuch ist bereits in Planung.

Das andere Grünhelme-Team befindet sich im nur 50 km, aber zwei Autostunden entfernten Phulphing in der Nähe von Jalbire, östlich von Pauwa, im Distrikt  Findhupalchok. Auch ein Jahr nach dem Erdbeben ist diese Region noch ein Ort der Verwüstung.

Die beiden Schreinergesellen Bene, „Mr. Bent“ Zimmer (27), derzeit auf Wanderschaft und Frieder, „Mr. Piet“ Marticke (28), aus Münster haben dort in den vergangen zwei Wochen, gemeinsam mit den Bewohnern vor Ort, durchweg Menschen der untersten Kaste des nepalesischen Kastensystems, das Projekt gestartet. Das größte Problem stellt auch hier die Logistik des Materialtransports sowie deren Lagerung dar. Die bevorstehende Monsunzeit wird auch hier zum großen Problem. Deshalb das gesamte Material in den kommenden Wochen für die geplanten 19 Häuser eingelagert werden. Die Grundstücke vor Ort sind jedoch deutlich kleiner und die Terrassen merklich steiler. Dementsprechend müssen die Häusergröße zum Teil angepasst werden. Auch der Zuweg zum Dorf war bislang nur zu Fuß und höchstens mit einer Schubkarre befahrbar. In den vergangenen Wochen konnte dieser Zuweg jedoch verbreitert und die nötigen Lagerflächen angemietet werden, sodass mit dem Materialtransport begonnen werden konnte. Die Projektorganisation läuft ähnlich wie in Pauwa. Von den Dorfbewohnern wurde ein Komitee gegründet und mit Hilfe der beiden Grünhelme eine Reihenfolge für den Bau der Häuser festgelegt. Das erste Schnurgerüst konnte zwischenzeitlich schon gestellt werden, die ersten Fundamentarbeiten beginnen in der nächsten Woche.

Wir Grünhelme planen derzeit den Wiederaufbau für weitere 100 Häuser in den stark betroffenen Gebieten Kavrepalonchok und Findhupalchok, deren Landschaft immer noch von Ruinen und provisorisch zusammengezimmerten Wellblechhütten gesäumt ist. Das nächste Projekt – der Wiederaufbau eines zerstörten Fischerdorfes, nur 30 Fahrminuten von Pauwa entfernt – ist schon in Planung und soll so schnell wie möglich umgesetzt werden.

Es gibt viel zu tun in Nepal. Und die Hoffnung auf Hilfe und vom Rest der Welt „nicht vergessen zu werden“ ist groß.

Katharina Surges

 

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