Oh wie schön ist Gitarama
Neues von den Müttern und Kindern im Gefängnis von Muhanga

31.08.2012Zitronenbeete, Orangenbäumchen und Physalis-Büsche, violette Blumenhügel auf immergrünem Rasen, Vögelchen am neuen Wasserhahn und Mohrrüben an den hellen Kinderzimmerwänden, riesige Schaukeln, sonnige Sandspielplätze und laute Trommeln, alle Frauen in Rosa Gewänden und lachende Kinder mit bunten Schühchen und gleichfarbig-kuscheligen Pullovern.

Wer Eugenie Musayidire in ihrem „Centre Psycho-Social“ besucht kann gar nicht glauben, in einem Ruandischen Gefängnis für lebenslang verurteilte Mörder und Massenmörder zu stehen. Erst wer den tollen Ausblick genießt, den man von dort hat, der sieht die hohen Mauern mit Wachtürmen um kleine Höfe und enge Gefangenenlager mit vierstöckigen Betten, die auch vielen Kindern ihr einzig-vorstellbares Zuhause sind – Kinder, die aber im Gegensatz zu Ihren erwachsenen Mitbewohnern noch nie gemordet, vergewaltigt, geraubt oder verraten haben.

Das Zentrum, das wir Grünhelme 2011 hier aufgebaut haben und das Eugenie Musadiyere zu einer paradiesischen Erlebniswelt gestaltet hat, macht es den momentan 28 Kleinkindern seit Anfang des Jahres möglich aus diesen Mauern rauszukommen und gemeinsam zu spielen, zu musizieren und vor allem durch Bücher, Bilder, Geschichten und Ausflüge von allem auf der Welt zu erfahren, was es nicht im Gefängnis gibt. Das macht es ihnen später hoffentlich ein wenig leichter, sich in der Außenwelt zurechtzufinden und darin ein normales Leben zu führen.
Zusammen mit Eugenie M. verarbeiten die 20 Mütter der Kleinen solange im anderen Teil des Gebäudes durch Gesang, Gebet, Diskussion und Tanz ihre gewalttätigen Vergangenheiten.

In dieser friedlichen Atmosphäre sind die anfänglichen Schwierigkeiten des Versöhnungsprojekts, in dem es ja ausgerechnet die Familien der früheren Völkermörder besser haben sollen, endlich aufgelöst. Die Pionierarbeit des Zentrums bekommt immer mehr Befürworter, Besuch und Unterstützung aus der erst so skeptischen eigenen Regierung und von interessierten Delegationen anderer Länder.

Getragen von der landesweiten Begeisterung für das Pilotprojekt sollen laut Eugenie M. bald sogar alle verurteilten Frauen aller Ruandischen Gefängnisse nach Gitarama ziehen, das dann zum ersten Mutter-Kind-Gefängnis des Landes wird. „Die Kinder haben sich schon in den ersten Monaten sehr verändert.“, erklärt Eugenie M.: „Sie sind nicht nur mutiger geworden, sondern vor allem leiser und rücksichtsvoller. Im eigentlichen Gefängnis können sie sich nur schreiend und ihre Ellbogen benutzend durchboxen – hier hab ich endlich zum ersten Mal beobachtet, wie sie sich umeinander kümmern und sogar das Essen untereinander aufteilen!“

Auch die katholische Kirche steht hinter Eugenie M. Das alte Deutsche Kloster in Kabgayi (Les Soeurs Hospitalières de St. Marthe) schickt seit letzter Woche eine junge und in Kigali gut ausgebildete Psychologin ins Mutter-Kind-Zentrum um der Arbeit im Mutter-Kind-Zentrum unter die Arme zu greifen. Großartig! „So viel neues Vertrauen und Verantwortung von allen Seiten wird sicher viel verändern in einem Land, in dessen Gefängnissen es noch einiges zu verbessern gibt“, freut sich Eugenie M.: “Kinder zählen in Ruanda zum Beispiel immer noch nicht als Gefangene und bekommen daher offiziell keine Lebensmittel zugeteilt.“ Das will sie ändern und „ihren Kindern“ unbedingt einen guten und behüteten Start in ihr schwieriges Leben ermöglichen.

Dafür baut sie weiter an der kleinen paradiesischen Erlebniswelt, wo Kinder vieles von dem erfahren können, was außerhalb der hohen Zäune und Mauern passiert. Sie glaubt, dass Kinder bis zum dritten Lebensjahr am allermeisten für ihr Leben lernen und geprägt werden und zwar am besten durch selbstständige Entdeckungen ihrer Umwelt – so wie es auch die von ihr hoch geschätzte Montesori Schule erklärt. Eine Einrichtung ganz im Sinne dieser pädagogischen Gesinnung ist ihr nächstes Ziel und dafür wünscht sie sich vor allem entsprechendes Spielzeug, Möglichkeiten zur Musiktherapie und viel professionelle Unterstützung.

Es ist also noch viel geplant am Mutter-Kind-Zentrum in Gitarama. Das freut uns sehr und dafür drücken wir dessen engagierten Mitarbeitern weiterhin alle unsere Daumen – ganz nach dem dortigen Motto: Ineza iganze! – Alles wird gut!

 

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