Rupert Neudecks letzte große Spendenaktion
Spendenaktion – Vietnamesischer Katholikentag – Trauerfeier – Vorbild

27.06.2016_01Am 12. August 2015 fand in der Basilika in Kevelaer ein Abendgottesdienst zusammen mit Rupert Neudeck statt. Dabei wurden Bilder, Filmausschnitte und Texte zum Schiff MOAS gezeigt, das von Malta aus schon über 12.000 Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken gerettet hat.

Danach schrieb Rupert Neudeck alle vietnamesischen katholischen Gemeinden in Deutschland an: „Ich wollte meine vietnamesischen deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger wieder bitten, uns zu Hilfe zu kommen, denn sie wissen besser als andere Deutsche, was es heißt, auf dem Meer in Seenot zu sein und in Gefahr zu ertrinken.“ Er bat um eine Spendenaktion zugunsten des Schiffes MOAS (Migrant Offshore Aid Station), eine privat finanzierte Hilfsorganisation eines maltesischen Ehepaars. Die Initiative fiel auf fruchtbaren Boden. Die Spenden sollten auf dem 40. Vietnamesischen Katholikentag in Aschaffenburg an Pfingsten 2016 überreicht werden.

Vietnamesischer Katholikentag in Aschaffenburg

Rupert Neudeck sagte seine Teilnahme schon frühzeitig ab, als ob er schon eine Vorahnung gehabt hätte und bat mich, ihn und die Grünhelme zu vertreten. Meine Frau und ich waren eingeladen und konnten – nicht das erste Mal – erleben, wie die „Familie“ der deutschen Vietnamesen Feste feiert, Gottesdienst hält und die deutsche und vietnamesische Nationalhymne mit voller Inbrunst singt.

Bischof Hoang Duc war extra aus Vietnam angereist, um die Predigt auf Vietnamesisch zu halten und die Eucharistie zu feiern. Wir haben zwar nichts von der Predigt verstanden, haben aber trotzdem gespürt, was er im Kern sagen wollte: Wir haben die Pflicht, anderen Menschen in Not zu helfen!

Am Abend gab es ein Kulturprogramm, bei dem die Spende aller Kirchengemeinden zusammen mit den privaten Spenden übergeben wurde. Ergänzt durch den Erlös einer Bildversteigerung am Kulturabend kam es zu dem fantastischen Gesamtbetrag von

44.444.44 €!

Nicht nur wir waren sehr beeindruckt und nahmen unter riesigem Beifall den „Spendenscheck“ entgegen.

Oft wurden wir gefragt, warum Rupert Neudeck nicht da sei und wie es ihm ginge. Zu diesem Zeitpunkt wussten nur wenige, dass er nach einer Herzoperation auf der Intensivstation im Krankenhaus lag. Für alle, die auf dem Kirchentag nicht dabei sein konnten, sprach ich zusammen mit allen Anwesenden ein Gebet und es war zu spüren, dass alle dabei auch an Rupert Neudeck dachten.

Trauerfeier

Rupert Neudeck ist am Morgen des 31. Mai – zwei Wochen nach seinem 77. Geburtstag – an den Folgen der Herzoperation gestorben. Er wurde im engsten Familienkreis in Troisdorf-Spich beigesetzt. Ihm war es nicht vergönnt, noch einige Jahre auf sein Lebenswerk zurückblicken zu können, das er zusammen mit seiner Frau Christel geschaffen hat. Die öffentliche Trauerfeier fand am 14. Juni in der St. Aposteln in Köln statt.

Es scheint, als ob alle Vietnamesen vom Kirchentag in Aschaffenburg jetzt auch wieder da sind. Die Basilika ist zusammen mit vielen anderen Trauergästen bis zum letzten Platz gefüllt und viele Menschen müssen dem Gottesdienst im Stehen beiwohnen. Es ist sehr bewegend, wie viele Vietnamesen vor dem Bild von Rupert Neudeck – ihrem Retter – Abschied nehmen.

Der Kölner Kardinal Woelki macht es in seiner Trauerpredigt deutlich: „Viele von denjenigen, die heute hier sind, haben ihm sein Leben zu verdanken.“ Für den Erzbischof erscheint sein Tod wie ein „Abbruch eines Lebens“, dessen Mission noch lange nicht beendet war.

In die gleiche Richtung gehen die Worte des muslimischen Schriftstellers Navid Kermani. Er betont in seiner Ansprache nach dem Gottesdienst, nicht nur die Familie vermisse Rupert Neudeck. Dem Gemeinwesen fehle „seine Stimme in Zeiten des wiederkehrenden Nationalismus, seine Tat in Zeiten der Flüchtlingsnot, seine Versöhnung in Zeiten des Terrors, seine Menschenfreundlichkeit, die über das gewöhnliche Maß hinausgeht.“

Dinh Quang Nguyen wurde von Rupert Neudeck wie viele andere vietnamesische Flüchtlinge gerettet. Nach der Trauerfeier würdigt Nguyen das Lebenswerk Neudecks, erinnert an die Anfänge von Cap Anamur und bezeichnet Christel und Rupert Neudeck als seine geistigen Eltern. „Humanitäre Arbeit und Familie waren bei euch untrennbar verbunden“, sagt Nguyen. „Wir sind Zeugen wahrer Liebe geworden.“

Pfarrer Gotthard Fuchs erinnert in seiner Trauerrede an Neudeck als einen Helfer, der selbst beschenkt wurde durch die Geretteten und niemals herablassend handelte.

Vorbild

Am 5. Juli 2003, als ich Rupert Neudeck das erste Mal persönlich bei einem Bewerbertreffen der kurz vorher gegründeten Hilfsorganisation Grünhelme in Köln kennenlernte, wusste ich noch nicht, wie sich mein Leben dadurch ändern würde. Durch einige Auslandseinsätze und die Mitarbeit bei den Grünhelmen weiß ich jetzt: Rupert hat mein Leben „reicher“ gemacht. Für ihn, den „unbedingten Humanisten“, den „radikal“ lebenden Menschen gab es keine Aussagen wie „vielleicht“, „mal sehen“ oder „geht nicht“!

So waren seine Worte sinngemäß: Tun wir das, was unmöglich erscheint, gehen wir dorthin, wo andere nicht hingehen; auch auf die Gefahr hin, dass wir scheitern. Wenn wir den Stein nach oben gebracht haben und er wieder nach unten rollt, so beginnen wir von neuem.

Camus schreibt am Schluss seines Buches ´Mythos des Sisyphos´: „Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.“ In dieser Hinsicht war Rupert Neudeck bei seiner Arbeit ein glücklicher Mensch! Er selbst sagt es einmal so: „In seinem Roman ´Die Pest´ beschreibt Camus die Auseinandersetzung zwischen dem Arzt und einem Journalisten: ‚Man muss sich nicht schämen, glücklich zu sein´, sagt der eine. Und der andere antwortet: ‚Aber man muss sich schämen, alleine glücklich zu sein.´ Diese Philosophie, diese Scham, alleine glücklich zu sein, hat meine Arbeit bei Cap Anamur und später bei den Grünhelmen geprägt.“

Nicht nur die Grünhelme und ich vermissen Dich!

Seinem Vermächtnis entsprechend wollen wir, dass die Pflanze Grünhelme weiter gedeiht und nicht verdorrt. Oder wie es Erzbischof Woelki im letzten Satz seiner Predigt sagt: „Wir übernehmen!“

Rudolf Stängle
18.6.2016

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