Im Gespräch mit unserem Kurator Navid Kermani
„Schönheit und Schrecken gehören im Islam wie in anderen Religionen zusammen“

Navid Kermani ist deutscher Schriftsteller und Publizist. Im Jahr 2015 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Seit Mai 2017 ist Navid Kermani Mitglied im Kuratorium der Grünhelme.

Grünhelme: Sie sprechen immer wieder von der Schönheit des Korans. In der deutschen Öffentlichkeit hört man oft von der Gefahr des Islams, der die christliche Wertegesellschaft überrollen könnte. Gibt es da eine Gefahr oder mehr Gemeinsamkeiten als wir ahnen? 

Navid Kermani: Schönheit und Schrecken gehören im Islam wie in anderen Religionen zusammen, nur ist es in der Islamischen Welt so, dass sie ihre Schönheiten zunehmend selbst zerstört, entsprechend nehmen wir den Schrecken stärker wahr.

Grünhelme: Sie waren als ‚Reporter‘ immer wieder in Krisengebieten unterwegs und erkennen Zusammenhänge deshalb sicherlich besser: Deutschland liefert zunehmend Waffen nach Saudi-Arabien. Wie können wir uns als Bürger, Wähler und Grünhelme dagegen zur Wehr setzen?

Navid Kermani: Es geht nicht nur und auch nicht primär um Waffenlieferungen. Waffen würden andere Staaten auch liefern. Es geht um die enge strategische Zusammenarbeit, die für Saudi-Arabien nicht so leicht zu ersetzen wäre. Unser engster Partner im Nahen Osten ist – oder war jedenfalls über viele Jahre und Jahrzehnte – der geistige Nährboden und Hauptsponsor des Salafismus und leider auch von dschihadistischen Gruppierungen. Ich plädiere nicht für den Abbruch der Beziehungen, das wäre unsinnig, sondern für mehr Ausgewogenheit und Distanz, denn die enge Bindung ausgerechnet an Saudi-Arabien und auch Abhängigkeit, in die sich der Westen begeben hat, ist fatal und schadet mittelfristig auch den eigenen Interessen.

Grünhelme: Die Flüchtlingsfrage spaltet die Nation, obwohl immer weniger Flüchtlinge kommen. Die überwiegend jungen Flüchtlinge könnten ja auch zu einer Win-win-Situation in unserer überalterten Gesellschaft werden, wenn sie das Grundgesetz achten und sich hier einbringen. Was kann man tun, um den Menschen die manchmal diffuse Angst zu nehmen und ihnen Vertrauen geben, dass die Flüchtlinge auch eine Chance sein können – wenn wir kreativ mit dieser Herausforderung umgehen? Wolfgang Schäuble sagte 2009 über die Bootsflüchtlinge aus Vietnam, die über die Cap Anamur zu uns kamen: „Wenn es ein Beispiel  gibt, dass Integration keine Bedrohung ist sondern eine Bereicherung, so ist es die Geschichte der Menschen aus Vietnam, die unter uns leben.“ 

Navid Kermani: Ich war gerade in einem großen, inzwischen fast leeren Erstaufnahmelager in Hamburg. Der Leiter sagte mir, dass 95 Prozent der Bewohner vollkommen unproblematisch gewesen seien und sich gut eingebracht hätten. Ihr Problem seien die fünf Prozent gewesen, die es immer und überall gebe; diese fünf Prozent hätten sie ganz schön viel Nerven, aber auch einfach Zeit gekostet. Natürlich müssen wir mit den fünf Prozent umgehen, und sei es strafrechtlich und, wo es irgendwie vertretbar ist, mit Abschiebungen. Aber wir müssen natürlich genauso den 95 Prozent eine realistische Chance geben, damit sie sich nicht nur im Erstaufnahmelager, sondern in die Gesellschaft einbringen, also Bildung, Sprache, Arbeit und so weiter. Sollte sich da eine Perspektivlosigkeit ausbreiten – und dafür gibt es Anzeichen, etwa aufgrund der Situation auf dem Wohnungsmarkt und Hemmnissen bei der Anerkennung von Anschlüssen –, ist das nicht für sie, sondern für die Gesellschaft ein Problem.

Grünhelme: Die Grünhelme wurden 2003 gegründet, damit Muslime und Christen beim Wiederaufbau von Schulen und Gesundheitszentren in Krisengebieten (auch nach religiös motivierten Konflikten) zusammen arbeiten in einem friedlichen Miteinander. Es melden sich kaum handwerklich begabte Muslime, die ihre Arbeitskraft drei Monate lang ehrenamtlich einbringen wollen, so dass die Grundidee fast gescheitert ist. Was können wir dagegen tun?

Navid Kermani: Entlang des Flüchtlingstrecks habe ich überall Muslime gesehen, die sich engagierten, allerdings oft in eigenen, muslimischen Organisationen oder Hilfsgruppen. Vielleicht müsste man das auf der Organisationsebene viel stärker verzahnen. Aber ich kenne mich in diesen Dingen wirklich nicht aus, tut mir leid.

 

 

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