Schulbauprojekt im Nordirak geht in den fünften Monat
Außenminister Steinmeier verspricht Unterstützung beim Wiederaufbau in den befreiten Gebieten

10.12.2015Vor wenigen Tagen besuchte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier den Irak und auch das Kurdische Autonomiegebiet im Norden des Landes. Dabei betonte er, wie wichtig ein schnellstmöglicher Wiederaufbau der vom selbsternannten Islamischen Staat (IS) befreiten Gebiete sei. Auch Deutschland wolle und müsse hier Unterstützung leisten.

Wir Grünhelme haben bereits vor vier Monaten mit unserem ersten Wiederaufbauprojekt, in dem kleinen Dorf Kani Sherin, im Distikt Zumar, 70 Kilometer nordwestlich von Mosul, begonnen. Nachdem das Gebiet im August 2014 vom IS eingenommen wurde, konnten die kurdischen Peshmerga, mit französischer und amerikanischer Unterstützung aus der Luft, die Region Ende Oktober 2014 von den Dschihadisten befreien. Viele öffentliche und private Gebäude wurden zerstört und die Infrastruktur lag am Boden. Durch tückische Sprengfallen war das Gebiet auch noch Monate nach Befreiung nicht sicher – immer wieder lösten zurückkehrende Familien in ihren Häusern oder Schäfer mit ihren Herden auf den Feldern Explosionen aus, bei denen viele Menschen ihr Leben verloren.

Heute sind über 80 Prozent der Bevölkerung zurückgekehrt, die Wasserversorgung und Elektrizität sind wieder funktionsfähig und die meisten Sprengfallen entschärft. Auch die Wirtschaft kommt langsam wieder in Gang: Die beiden Ölfelder im Norden der Region sprudeln, einige der kleinen Ladengeschäfte haben wieder geöffnet, langsam beginnen die Menschen sich beim Aufbau ihrer zerstörten Häuser zu behelfen.

Während die technische Infrastruktur wieder Form annimmt, steckt der Wiederaufbau der sozialen Infrastruktur noch in den Kinderschuhen: Die medizinische Versorgung der Rückkehrer ist schlecht, viele Menschen sind von Lebensmittellieferungen abhängig, da der landwirtschaftlich geprägten Region durch die IS-Besatzung und die Verminung der Felder, ihre Nahrungsmittelgrundlage genommen wurde. Auch der Schulunterricht konnte erst vor kurzer Zeit wieder aufgenommen werden; in provisorischen Gebäuden und längst nicht für alle Kinder.

Hier versuchen wir Grünhelme Unterstützung zu leisten. In dem arabisch-kurdisch gemischten Dorf Kani Sherin bauen wir gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung eine Grund- und Sekundarschule sowohl für kurdisch- als auch für arabischsprachige Kinder auf. Insgesamt soll die Schule für etwa 500 Kinder Platz bieten. Das alte Gebäude wurde vom IS gesprengt.

Nach gut drei Monaten Bauzeit stehen die Klassenräume der ersten Bauetappe und warten auf das Stahldach, das von einem lokalen Metallbauer gefertigt wird. Zugleich sind die Fundamente der zweiten Etappe in vollem Gange. Aus Kani Sherin und einigen umliegenden Dörfern haben wir in enger Absprache mit der lokalen Bevölkerung ein Bauteam aus drei Maurern und sechs Helfern zusammengestellt. Dazu werden wir an den Samstagen von zahlreichen freiwilligen Helfern unterstützt. Die Zusammenarbeit auf der Baustelle könnte besser nicht sein, es ist ein sehr fruchtbares gegenseitiges Lernen und ein Verbinden des „iraki way“ und „alleymani way“, wie unser Polier Mesut immer so gern sagt.

Im Dorf selbst sind wir Grünhelme wunderbar aufgenommen worden. Wir werden als Brüder und Schwestern betrachtet, der Imam Saleh hat uns einen Raum der Moschee zur Verfügung gestellt, in dem wir unser Werkzeug lagern können. An den Abenden kommen die Leute zu unserer Unterkunft, um mit uns Karten zu spielen, um uns selbstgemachte Leckereien zu bringen, um uns kurdisch oder arabisch beizubringen oder um selbst ein paar Worte Deutsch zu lernen. Häufig werden wir zum Tee oder zum Essen eingeladen und kommen in den Genuss dieser großartigen Gastfreundschaft – wenngleich wir uns nicht mehr als Gäste, sondern als Teil des Dorfes fühlen.

Dennoch bleibt die Sicherheitslage angespannt: Die Region Zumar ist weiterhin eine sogenannte red zone. Die Front ist keine 20 Kilometer entfernt. Immer wieder ist Artilleriefeuer zu hören, die amerikanischen Luftangriffe auf Tal Afar und Mosul sind sichtbar. Männer aus „unserem“ Dorf kämpfen an der Front und kommen in ihren Erholungsphasen zurück nach Kani Sherin; auch an der Befreiung der Stadt Shingal waren Peshmerga von hier beteiligt. So ist uns der Krieg permanent vor Augen.

Wir Grünhelme hoffen nun, dass den Worten von Außenminister Steinmeier auch Taten folgen und die Bundesregierung mehr Mittel für den Wiederaufbau in den befreiten Gebieten zur Verfügung stellt und auch selbst tätig wird. Die Menschen sind auf eine Unterstützung von außen angewiesen: Besonders die landwirtschaftliche Produktion muss wieder in Gang kommen. Aber auch beim Wiederaufbau öffentlicher und privater Gebäude, Straßen, Elektrizität und Telekommunikationsnetz gibt es viel zu tun.

Diese tollen und mutigen Menschen möchten in ihrer Heimat leben, aber dafür brauchen sie die Aussicht auf physisches und wirtschaftliches Überleben. Und nicht zuletzt brauchen sie das Gefühl, nicht vergessen zu werden. Kani Sherin ist nur ein Dorf von vielen!

Nicole Sertorelli und Simon Bethlehem

 

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