Schule in Gerke-Hasare steht in den Startlöchern
Politische Situation im Irak verlangt Geduld

29.12.2017_02In der ersten Oktoberwoche haben wir Grünhelme die Grund- und Sekundarschule im nordirakischen jesidischen Dorf Gerke-Hasare in der Region Shingal fertiggestellt. Die Übergabe an die Schulbehörden war bereits erfolgt und die Eröffnung stand kurz bevor. Doch nach dem kurdischen Unabhängigkeitsreferendum und der anschließenden weitgehend gewaltlosen Eroberung der Region durch die schiitische Hashd al-Shabi-Miliz, konnte die Schule bis heute nicht eröffnet werden. Auch unsere geplante zweite Schule in der Region, die kurz vor der Grundsteinlegung stand, muss sich nun weiter gedulden.

Gemeinsam mit einem Team von bis zu 22 lokalen Mitarbeitern haben wir über neun Monate an der neuen Schule für Gerke-Hasare gearbeitet. Diese kleine jesidische Bauernschaft, die wie die meisten anderen umliegenden Dörfer im August 2014 von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ überrannt wurde, sollte mit der neuen Schule Hoffnung und Zukunft für die zurückgekehrten Familien sein. Neun Klassenräume, Sanitäranlagen, ein eigens von unserem Partner, der Welthungerhilfe, errichteter neuer Brunnen und ein großer Innenhof mit Basketballplatz, Schaukel und anderen Spielgeräten bietet die neue Schule, in der in Zukunft bis zu 180 Kinder unterrichtet werden sollen. In der ersten Oktoberwoche fand die feierliche Übergabe an das Dorf durch die kurdische Schulbehörde statt – pünktlich zum neuen Schuljahr sollte der Unterricht beginnen.

Doch die politischen Unruhen im Irak verlangen nun noch etwas Geduld. Das kurdische Unabhängigkeitsreferendum, bei dem auch die sogenannten umstrittenen Gebiete wie Shingal und Kirkuk miteinbezogen wurden, hat die Zentralregierung in Bagdad als direkten Angriff auf die staatliche Integrität verstanden und in Folge den Druck auf das kurdische Autonomiegebiet massiv erhöht. So wurden nicht nur alle internationalen Flüge in die kurdische Region gestoppt, vor allem wurden die umstrittenen Gebiete mithilfe der schiitischen Hashd al-Shabi-Miliz den Kurden entrissen und so die Kontrolle über große Ölfelder und hunderttausende Menschen zurückgewonnen.

Für die Jesiden im Shingal bedeutet dies abermals eine Veränderung der Situation und eine ungewisse Zukunft: Nach dem Überfall durch den IS im August 2014, der Rückeroberung durch kurdische Peshmerga und der Rückkehr vieler Familien seit Herbst 2014 sowie den innerkurdischen Kämpfen in diesem Frühjahr, hatten im Zuge des Hashd al-Shabi-Vormarsches erneut viele Familien ihre Heimat verlassen. Mittlerweile jedoch wurde die Kontrolle des Gebietes an jesidische Kräfte übergeben, sodass die Familien zurückkehren und die Menschen allgemein von einer verbesserten Sicherheitssituation sprechen.

Für uns Grünhelme bedeutet dies jedoch die Auseinandersetzung mit neuen Zuständigkeitsautoritäten: Waren zuvor die kurdischen Behörden der Provinz Dohuk verantwortlich, so ist es nun die arabische Provinzverwaltung Ninawa mit Sitz in Mossul. Gleichwohl gab es auch schon vor 2014 sowohl kurdische als auch arabische Schulen in der Region, sodass die Schule in Gerke-Hasare wohl auch künftig von der kurdischen Schulbehörde betrieben wird. Diesbezüglich befinden wir uns derweil in Gesprächen mit den offiziellen Stellen, um die tatsächliche Eröffnung der Schule so bald wie möglich nachholen zu können. Die jesidischen Familien sind indes vor wenigen Wochen nach Gerke-Hasare zurückgekehrt und können den Unterrichtsbeginn kaum erwarten.

Der Start unseres neuen Projektes im ebenfalls jesidischen Dorf Depeh, vor den Toren von Shingal-Stadt, hingegen gestaltet sich schwierig. Die zuvor erteilten Genehmigungen der kurdischen Behörden sind hinfällig und die gesamte Prozedur muss nun mit der arabischen Seite wiederholt werden. Dafür sind Registrierungen in Bagdad, irakische Arbeitsvisa für unsere deutschen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Absprachen mit den verschiedenen irakischen Sicherheitskräften vonnöten, um überhaupt Zugang zu dem Gebiet zu bekommen. Die Vorbereitungen hierfür laufen auf Hochtouren, werden aber leider noch einige Wochen oder vielleicht Monate in Anspruch nehmen.

Trotzdem steht für uns Grünhelme fest: Wir wollen weiterhin im Shingal arbeiten und die von Krieg und Vertreibung geplagten Jesidinnen und Jesiden dabei unterstützen, ihre Heimat wieder aufzubauen.

 

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